Freitag, 24. November 2017

Esma A. Dil/Ariane Sommer, Foreign Affairs

Foreign AffairsDie Verführungen der Schlange
Dieses Buch zu lesen macht Spaß. Es liegt mit seiner imitierten Schlangenhaut verführerisch in der Hand und passt in jede noch so tussige Designerhandtasche, ohne aus dem Rahmen zu fallen. Äußerlich ruft das Buch Klischees ab. Inhaltlich konfrontiert es mit Klischees: es handelt von selbstbewussten, gut ausgebildeten, gut aussehenden, unabhängigen modernen Frauen, aus deren Perspektive erzählt wird und die von zwei Frauen erschaffen wurden. Die Biografien der beiden Autorinnen lesen sich ähnlich wie die Biografien ihrer Heldinnen. Esma Annemon Dil, so lesen wir, schrieb ihre Dissertation in Paris und New York und arbeite unter anderem für Elite Models, die Vogue, FAZ und Vanity Fair. Sie schreibt heute Reportagen und reist quer durch die Welt. Ariane Sommer, im vergleichsweise biederen Bonn geboren, hat ebenfalls Weltfraulichkeit zu bieten: Sie wuchs unter anderem in New Delhi, Madrid und Miami auf, sprich fünf Sprachen fließend, schreibt für chinesische, britische und deutsche Zeitschriften und lebt wie ihre Mitautorin in Amerika.

Wer da als Leserin nicht (zumindest ein kleines kleines bisschen) neidisch wird, kann vermutlich mit dem Buch nicht viel anfangen. Unterteilt in die Sparten «Aufrüsten», «Stellvertreterkrieg», «Krisenmanagement», «Gentlemen’s Agreement», «Gesinnungskosmetik», «Exit-Strategie» und «Kollateralschaden» werden die Foreign Affairs eine nach der anderen aufgerollt. Die Geschichten, meist nur wenige Seiten lang, steigen direkt ein in eine Situation, belichten für einen kurzen Moment eine Frau und einen Mann (meistens ist es diese Konstellation) im Blitzlicht und steigen unvermittelt wieder aus, wie etwa die erste Geschichte, überschrieben mit «Natürliche Selektion»:

Die Ich-Erzählerin sitzt auf dem gynäkologischen Stuhl von Frau Dr. Brunner, die ihr das Sperma eines Samenspenders injiziert, der äußerlich ihrem Mann gleicht, jedoch nicht über seine negativen Erscheinungsmerkmale verfügt («abstehende Ohren, ständige Allergien, möglicherweise vererbbare Laktoseintoleranz, krankhaftes Hohlkreuz, latente Neigung zu Halitosis»). Die Spermien ihres Mannes, so erfahren wir, sind einfach zu nett, um in der Lage zu sein, ein Kind zu zeugen: 

«Während Alpha-Samen ‹Ichichich!› schreiend zum Ziel rasen, waren Theodors Spermien entweder schwanzlos, kopflos, ruderten im Kreis oder waren nett zueinander, lasen sich gegenseitig aus dem Literaturteil vor, hielten sich die Tür auf. Nettes Sperma ging gar nicht, genauso gut konnte man im Wasser pflügen.»

Aus diesem Grund landen Theodors Spermien, die er in einem dafür eigens eingerichteten Raum in einen Plastikbecher befördert hat, im Mülleimer – davon weiß er allerdings nichts. «Ich habe dabei an dich gedacht», sagt der schafsäugige, besorgte Ehemann zu seiner Frau, als sie nach der Behandlung in den Ruheraum kommt. «Ich auch, ich auch», entgegnet sie ihm. 

Natürlich darf die Frage gestellt werden, ob das nicht eine unglaublich gemeine Sache ist, die da abgezogen wird, und auch die Frage nach dem Duktus der Perfektion, dem sich die Protagonistin bereitwillig unterordnet, ist berechtigt. Doch man kann es auch so sehen: eine Frau in den besten Jahren, die ihren Mann liebt, überlegt sich, nachdem ihr Kinderwunsch auf natürlichem Weg nicht erfüllt wurde, eine Lösung und tätigt mit ihrer Kreditkarte, so stellt man sich vor, nach dem Durchblättern der Spenderkataloge den Kauf. Irgendwie eine coole Entscheidung, wenn auch, da ihr Mann außen vor bleibt, moralisch verwerflich. Aber so sind sie, die Frauen in diesen Geschichten: Sie nehmen sich, was sie wollen, betrügen und lügen, brechen Affären und Beziehungen ab, treiben mit den Männern ihre Spielchen. Die Rollen sind getauscht. Die Frauen haben Verhaltensweisen, die wir eigentlich von Männern kennen, für sich entdeckt. 

Und nun kann man als Leser und Leserin schön sich selbst beobachten und sich überlegen: Wenn es ein Mann wäre, der all das machen würde: Fände ich es dann immer noch so verwerflich?

Die Frauen in diesen Geschichten scheitern aber auch an ihren eigenen Vorstellungen, wie «eine Frau» zu sein hat, wie in der Geschichte «Nur ’ne Phase», in der die gelangweilte Ehefrau sich aufs Kinderbekommen vorbereitet, obwohl der gelangweilte Ehemann schon längst das Interesse verloren hat an ihr und für Ersatz gesorgt hat: «Wenn mein Mann vom Feiern nach Hause kam, stand ich wenige Stunden später auf und machte Sport, ich wollte bald zur Clique der Mütter gehören, die vier Kinder auf die Welt bringen und Jeansgröße 25 tragen. Meine Trainerin sagte, es sei entscheidend, schon vor der Schwangerschaft einen Hard Body zu haben.» 

Die Geschichten spielen überall auf der Welt, in Hotels, Metropolen, Clubs, Taxis, Restaurants, Studios. Die privaten, intimen Räume findet man kaum (außer etwa in der Geschichte über eine Frau, die unter Bulemie leidet), der Sex ist schnell und emotionslos, die Begegnung der Menschen oberflächlich. Im Fokus steht oft das gute Aussehen, das Geld, der Luxus. Von «Männerportfolios» ist die Rede, in denen das eine oder andere Exemplar noch fehlt. Es wird von «landstreunenden Haien» geträumt, die nachts die Füße der Schläferin abbeißen, es gibt Sex als Gegenleistung für die Bezahlung der Schönheitsoperation, es gibt die Mutter, die fast ein wenig stolz auf die Tochter ist, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Es wird durch die Pariser Katakomben gegangen, an den Knochen der Toten gerochen und die eigene Sterblichkeit gefühlt. Das Leben pulsiert durch diese Geschichten, reduziert auf das Elementare, ohne Schnörkel, ohne Illusionen.

Nicht selten sehen sich die Frauen dieser Geschichten mit ihrem eigenen (lustvollen) Masochismus jenseits aller emanzipatorischer Haltungen konfrontiert. Etwa in der Geschichte «Kaiserschmarrn», die vom Fernsehkoch aus Österreich erzählt, der mit seinem Jean-Paul-Belmondo-Mund und seinem «klobigen, muskulösen Körperbau» so anderes ist als der Freund der Ich-Erzählerin, der als Konzertpianist «feine, langgliedrige Lilienhände» hat und offensichtlich nicht solche animalischen Gefühle wie der «Viechmann» hervorrufen kann:

«Nach der Aufzeichnung zerteilt Johann das noch dampfende Hähnchen mit seinen Händen und richtet mir einen Teller an. Fasziniert angewidert beobachte ich, wie seine Hände in das Hähncheninnere fahren und die Leber herausreißen. Ich muss ihn ficken.»

Dass ein blöder Macho Lust in einer Frau hervorrufen kann, die ansonsten nur Witze über solche Typen macht, ist eine der Erfahrungen, die in diesem Buch gemacht werden. Die Gier, die Lust, das Animalische ist, so merkt man beim Lesen, in unseren modernen Lebensentwürfen kaum vorhanden. Die Lust ist der Lebensplanung gewichen, die erotische Anziehungskraft der Vernunft. Wann tun wir schon, was wir wollen? In diesem Buch wird viel gewollt, und es macht Spaß, dabei zu sein.

Esma Annemon Dil / Ariane Sommer: Foreign Affairs, weissbooks 2009

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