Freitag, 24. November 2017

Luo Lingyuan, Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!

lingyuanDie Freiheit des Einzelnen gibt es nicht
Luo Lingyuan, 1963 in der Volksrepublik China geboren, lebt seit 1990 in Berlin. In ihrem 2005 erschienenen Erzählband beschreibt sie aus verschiedenen Perspektiven die Eingriffe des chinesischen Staates in die Privatsphäre und Lebensplanung der Menschen. Es wird aus der Sicht der Opfer geschrieben, die für eine verbotene «Nachtparty» im Studentenwohnheim von der Universität fliegen oder für die Missachtung der Ein-Kind-Politik gezwungen werden, noch kurz vor der Geburt abzutreiben.
Wer anfängt, die elf Geschichten dieses Buches zu lesen, begibt sich auf brüchigen Boden. Die Hoffnung, etwas Ermunterndes oder Schönes zwischen den Zeilen herauszufischen, verblasst mit jeder Geschichte mehr. Die kleine Bai macht sich in der ersten Geschichte («Ein zarter Bambusspross») allein auf, ihre Tante zu besuchen, die jedoch für ein paar Tage fort ist. Allein steht sie nachts in der großen Stadt und nimmt das Angebot einer Straßenhändlerin an, mit zu ihr nach Hause zu kommen. Diese gibt ihr Sojamilch zu trinken, in die ein Betäubungsmittel gemischt ist, und verkauft Bai, die sie in einen Sack gesteckt hat, an den Schlachter Tu, der ihr zum Zeichen seiner Besitznahme mit dem Messer einen Schnitt ins Gesicht verpasst und ihr einen neuen Namen gibt. Er schließt sie ein, bevor er zur Arbeit geht und die Ehe mit ihr anmeldet auf dem Amt. Was darauf folgt, kann man sich denken; es zu lesen bleibt einem erspart, die Geschichte bricht ab.

In der zweiten Geschichte, «Ein Geburtstags-Ei», wird die Misshandlung der achtjährigen Feifei durch ihre Eltern, beides Lehrer in einer Provinzstadt, beschrieben. Feifei, das ungeliebte Kind, rennt immer wieder von zu Hause weg und wird dafür schwer gestraft. Sie ist das, was in den Medien «verwahrlostes Kind» genannt wird: sie wird schlecht ernährt und ständig geprügelt. Während die Mutter auf den auf dem Boden zusammengekrümmten Körper einschlägt, nimmt man Anteil an deren Gedanken: Warum haben wir nur eine so missratene Tochter, die ständig wegläuft und uns Schande bereitet? Die Antwort liegt auf der Hand; die Eltern sehen jedoch keinen Zusammenhang zwischen ihrer Gewalttätigkeit und den Reaktionen des Kindes. Während Feifeis kleiner Bruder (ein Junge!) von den Eltern vergöttert wird, ist Feifei Sündenbock für alles. Die Ursache der Gewalt wird nicht erklärt; es ist, als sei sie schon immer da gewesen und bräuchte keinen Grund. Das Mädchen erinnert sich nicht an eine Zeit, in der es anderes gewesen ist: «Feifei wollte auch gern ein Wunder-Ei verspeisen. Noch nie hatten ihr die Eltern ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Es kam ihr so vor, als wäre sie zu einem unbestimmten Zeitpunkt geboren und hätte gar keinen Geburtstag.» Laut UNICEF sterben allein in Südasien jedes Jahr eine Million Mädchen kurz nach der Geburt oder in den ersten Lebensjahren.

Luo Lingyuan schreibt schonungslos und nüchtern, fast ausschließlich im auktorialen Erzählstil, der einen nicht rankommen lässt an die Figuren. Obwohl die «Opfer» im Mittelpunkt vieler Geschichten stehen, entspricht der Erzählstil eher der Perspektive der Staatsmacht, die sich überall einmischt, alles beobachtet und Vergehen bestraft. Oft gleicht der Stil einer literarisch geschriebenen Reportage: Es werden Sachverhalte dargestellt, Reaktionen beschrieben, Gespräche mitgeteilt; die Gefühle der Protagonisten erfährt man als Leser vor allem durch deren Handlungen.

Beispielsweise die Handlung des Bauern Wang Mang, der in der Titelgeschichte den Funktionär, der für die Einhaltung der Ein-(bzw. auf dem Land Zwei-)Kind-Politik zuständig und für den Tod von Mangs Frau und dessen heimlich geborenem Sohn verantwortlich ist, aus dem Fenster seines Büros wirft. Der Funktionär hatte veranlasst, dass Wangs Haus niedergerissen wird, weil er in ihm seine Frau und das Neugeborene vermutet hat. Diese waren im Keller versteckt. Mag der Gedanke an eine unregulierte Fortpflanzungspraxis in China auch erschreckend sein, die Durchsetzung der Regulierungsvorschriften ist es noch mehr, wenn der Funktionär einen Bulldozerfahrer beordert, Wangs Haus mit seiner darin versteckten Frau und deren Baby abzureisen. Auch die damals gängige Praxis, Frauen noch kurz vor der Geburt zur Abtreibung zu zwingen, ist einfach nur barbarisch und hat nichts mehr zu tun mit der Regulierung des individuellen Lebens zum Wohle der Gesellschaft. Der Terror und die Verrohung der Gesellschaft, die Angst vor solidarischem Handeln, die Vereinsamung des einzelnen Menschen, der sich seinen Mitmenschen nicht ehrlich mitteilen kann, sind die Themen von Luo Lingyuan, die für diesen Band 2007 mit dem Adelbert- von-Chamisso-Förderpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet wurde.

Luo Lingyuan, Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!, dtv 2005

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