Montag, 11. Dezember 2017

Roberto Bolaño, Der unerträgliche Gaucho

Gaucho

Liebe Stein,
gerne würde ich mit dir in eine ausführliche briefliche Debatte über Bolaño eintreten, denn ich glaube hier auf einen jener Autoren gestoßen zu sein, die einen sehr lange begleiten. Der «unerträgliche Gaucho» allerdings ist, da gebe ich dir recht, ein großes Rätsel – und nicht unbedingt eines von den beglückenden, sondern eines von denen, die Kraft und Durchhaltewillen vom Leser fordern und auch seine größte Kapazität, lange Phasen des Nichtverstehens auszuhalten. Ähnlich wie du es  für Kinskys „Sommerfrische“ ausgeführt hast, braucht dieses Buch sehr gute Leser  – und um diesem Selbstanspruch gerecht zu werden, habe ich auch die Titelgeschichte mit zusammengebissenen Zähnen überstanden, und diese Herausforderung ist es auch, die mich über ein Buch nachdenken lässt, das mir im Im-Liegestuhl-mit-halbgeschlossenen-Augen-Sommerlektüren-Sinn nicht gefallen würde.

Sehr gute Leser zum einen deshalb, um all die intertextuellen Anspielungen zu verstehen, von denen das Buch durchtränkt ist – vor allem von Kafka, der nicht nur das Motto liefert – „Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren“ –, sondern der überhaupt die Folie des ganzen Buches zu sein scheint. Die Erzählung „Jim“ erscheint als Variante zu „Auf der Galerie“, „Der Rattenpolizist“ als unendliches Spiel mit „Josefine, die Sängerin“, vielleicht mischt auch der „Landarzt“ in den „Gaucho“ mit hinein; nicht zuletzt ist der Anwalt Àlvaro Rousselot eine Anspielung auf den Versicherungsanwalt Doktor Franz Kafka, der die Nächte durchschrieb, um dann morgens ordentlich zu seinem Arbeitsplatz zu marschieren. Hier, glaube ich, würde sich einem versierten Leser eine Möglichkeit bieten, diesen rätselhaften Erzählungen auf die Spur zu kommen.

Eine andere, die mich gleichzeitig fasziniert und ärgert, und wiederum den guten Leser herausfordert, ist der Toleranztest des Unverständlichen, des hermetisch in die Texte Eingeschlossenen. Genau genommen muss man sich diesem Test bei jedem Buch, jeder Erzählung stellen – denn was soll das schließlich heißen: „Ich erinnere mich noch sehr genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm“ (das ist aus Carlos Ruiz Zafon, den man wohl zwischen die spanischsprachigen Bestsellerautoren einreihen könnte, über deren widerstandslose Verständlichkeit für jeden Lesertrottel sich Bolaño im „Cthulhu-Mythos“ mokiert). Man muss immer für eine gewisse Weile ertragen, nicht zu wissen, wer da spricht, was da passiert, wie diese Welt beschaffen ist, in die man im Moment des Buchaufschlagens unwillkürlich eintritt. Und Bolaño spannt diese Toleranz in den hier versammelten Erzählungen definitiv auf die Folter – wobei ich gerne wüsste, was du in diesem Zusammenhang genau mit „an der Nase herumführen“ meinst, wenn du von seinem Erzählstil sprichst. Denn die Erzählungen sind ja streng aufgebaut, haben, wie du schreibst, eine Handlung, haben auch, wie zum Beispiel in den beiden „Katholischen Erzählungen“, die ich überhaupt nicht begriffen habe, einen strengen und spezifischen Duktus (nur, welcher ist das?). Was sind also die „klassischen Regeln“ des Erzählens, die du beim ihm torpediert findest, das „Abseits der genormten Wege“?

Die in diesem Zusammenhang enttäuschte Erwartungshaltung, die du  beschreibst, ist sicher ein wesentliches Element, uns dass du dir die Titelgeschichte zur genaueren Betrachtung herausgesucht hast, ist  kein Zufall, denn hier hat man ja noch so etwas wie einen novellenartigen Aufbau, man kann, wie du ja auch feststellst, den „Plot“ ohne weiteres nacherzählen – nur führt der eben zu nichts, nichts Konkretem, nicht Habhaftem, nichts Abhakbaren, da wird niemand geläutert und niemand ermordet, und es hört einfach so mitten drin auf.  Um einen psychologisch oder auch nur kausal ordentlich motivierten Plot geht es also nicht, Figuren werden aufgestellt und vollziehen Handlungen, sie sind keine Sympathieträger, mit denen man irgendwas mitfühlen muss, höchstens haben sie symbolische Funktion – alles in allem also ein Ärgernis fürs entspannte Lesen vor dem Einschlafen. Dennoch ist es schwer, dieses Unbefriedigtsein zu erklären – du tust das über diesen nicht erfüllten „Plot“, der kausal und logisch nicht gut genug begründet ist, und legst in diesem Zusammenhang die Fragen offen, die man, ein wenig weitergefasst, für die Literatur insgesamt in Anschlag bringen könnte: Warum zieht er aufs Land? Warum zieht irgendeiner irgendwo hin? Will er ein anderer Mensch werden? Was verspricht er sich von seinem Leben dort? Was verspricht er sich überhaupt vom Leben?

Die abschließende Preisfrage, die ich aus deinem Brief ableite, wäre also:  Welche Welt ist es, die Bolaño entwirft? Hierauf hätte ich schrecklich gerne eine Antwort,  denn fiktionale Welten und ihre Beschaffenheiten interessieren mich brennend.

Mir schien der Band, ein Jahr vor Bolaños Tod 2004 publiziert, vor allem als eine Art poetologisches Vermächtnis. „Die Poetologie“ ist natürlich – ähnlich wie die Milchkuh „Plot“ – ein elegantes Mittel ist, sich aus der Affäre zu ziehen, wenn man auf Erzählebene nicht weiterkommt, hier aber scheint es mir stimmig zu sein. Berührend und am „verständlichsten“ ist in dem Zusammenhang der Text „Literatur+Krankheit=Krankheit“, den Bolaño seinem Arzt gewidmet hat, und der in verschiedenen Abschnitten, wie in kurzen Lichtreflexen, den Abriss einer Poetologie und einer Lebensphilosophie darstellt  – rund um die wesentlichen Elemente „Bücher“, „Sex“ und „Reisen“, die alle unter dem Dach der (tödlichen) Krankheit vereint werden. Vielleicht habe ich noch nie eine so schlüssige kleine Selberlebensbeschreibung in nuce gelesen wie hier:

„Was mich betrifft, fing ich schon früh mit dem Reisen an, ungefähr mit sieben oder acht. Zuerst im Lastwagen meines Vaters, über einsame chilenische Landstraßen, wo es aussah wie nach einem Atomkrieg, mir standen die Haare zu Berge, später in Zügen und Autobussen, bis ich schließlich mit fünfzehn mein erstes Flugzeug bestieg und nach Mexiko flog. Von da an reiste ich ständig. Ergo: vielfache Erkrankungen. Als Kind starke Kopfschmerzen, was meine Eltern auf den Gedanken brachte, ich könne möglicherweise an einer Nervenkrankheit leiden, zu deren Linderung ich am besten möglichst bald eine lange Erholungsreise antreten solle. Als Jugendlicher Schlaflosigkeit und Sexualprobleme. Als junger Mann Verlust mehrerer Zähne, die ich, wie Hänsel und Gretel ihre Brotbröcklein, in verschiedenen Ländern ausstreute; schlechte Ernährung, die mir Sodbrennen und später eine Gastritis verursachte; übermäßiges Lesen, seither muss ich eine Brille tragen; dicke Hornhäute an den Füßen vom vielen Herumlaufen ohne Sinn und Verstand; endlose Grippen und schlecht verheilte Erkältungen. Ich war arm, lebte unter freiem Himmel und hielt mich für einen Glückspilz, schließlich zog ich mir nie eine wirklich ernsthafte Krankheit zu. Mit dem Vögeln übertrieb ich es, zog mir aber niemals eine Geschlechtskrankheit zu. Mit dem Lesen übertrieb ich es, setzte mir aber nie in den Kopf, ein erfolgreicher Schriftsteller werden zu wollen. Den Verlust mehrerer Zähne betrachtete ich als eine Hommage an Gary Snyder, der über seinem Leben als streunender Zenmönch die Pflege seiner Zähne vernachlässigt hatte. Aber irgendwann ist es so weit. Kinder stellen sich ein. Bücher stellen sich ein. Die Krankheit stellt sich ein. Das Ende der Reise naht.“

Und im letzten Absatz dieses essayartigen Textes heißt es dann mit Bezug auf Kafka,:

„Was will ich damit sagen, wenn ich sage, dass ihn nichts mehr vom Schreiben abhalten konnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so genau. Ich nehme an, ich will sagen, dass Kafka begriff, dass Reisen, Sexualität und Bücher Wege sind, die nirgendwo hin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wiederzufinden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgend etwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon da war.“

Unter dieser Prämisse lassen sich die im Band versammelten, heterogenen Texte lesen, vor allem, wenn man noch den pamphletartigen „Cthulhu-Mythos“ dazu nimmt, die letzte Erzählung, die offenbar eine Rede gewesen ist, ohne dass leider angegeben wäre, wann und wo sie gehalten wurde. Hier rechnet Bolaño mit der spanischsprachigen Gegenwartsliteratur ab, ein ätzender Rundumschlag, dem nicht nur die beiden Grandsigneurs der lateinamerikanischen Literatur zum Opfer fallen, Garcìa Marquez und Varga Llosa, „das greise Macho-Duett“, sondern auch die Erfolgsprämissen der „Anschaulichkeit“, die „Unterhaltsamkeit“, das heißt also: der Verständlichkeit um jeden Preis, die das Publikum einfordert. Sentenzen- und aphorismenhaft, dabei gleichzeitig sprunghaft wie ein bockiges Fohlen formuliert Bolaño hier ex negativo sein Verständnis von Literatur, das heißt von schlechter Literatur, Fernsehen, Populärwissenschaft und Feuilleton – und lüftet damit den Vorhang, zumindest ansatzweise, über den vorangegangenen Erzählungen. Ich werde bei solchen sich schließenden Kreisen natürlich gleich vom Ehrgeiz gepackt, noch einmal von vorne zu beginnen. Und hebe mir die Hymne auf Bolaño und seine „Wilden Detektive“ für den nächsten Brief auf.

Gute Nacht!

Silberberg

Roberto Bolaño, Der unerträgliche Gaucho, Kunstmann 2006

Kommentare

2 Anmerkungen to “Roberto Bolaño, Der unerträgliche Gaucho”

  1. Stein schreibt am Montag, 24. August 2009

    Liebe Silberberg, da hast du eine ordentliche Vorlage als möglichen Schlüssel zu diesem Buch geliefert. Alle Achtung! Die Kafkabezüge sind mir als bekennende Nicht-Kafka-Leserin durch die Lappen gegangen, und ich musste einen kurzen Moment grummelig damit kämpfen, einen Zugang zu diesem Buch verspielt zu haben. Allerdings dachte ich beim Lesen von Bolaño auch nicht sofort an Kafka (von dem ich immerhin einige Erzählungen kenne), was an der fehlenden Ohnmacht der Protagonisten liegen mag. Ohne sagen zu wollen, dass Kafkas Figuren alle einer über ihnen stehenden Macht ausgeliefert sind, fand ich bei Bolaño nicht das Ausgeliefertsein und nicht die Hilflosigkeit. Dafür fand ich die Hilflosigkeit der Leserin (ich), die verzweifelt versuchte, sich mit ihren literaturwissenschaftlichen Zangen irgendwo in diesen Texten festzuklammern, nur um immer wieder aufs Neue abzurutschen.

    Mit dem Abseits vom klassischen Erzählen meine ich daher eine Erzählweise, die sich gegen das Durchleuchten und Verstehen sträubt. Auf den fehlenden Plot bin ich schon eingegangen; es ist aber nicht nur dies. Du sprichst auch das Ende der Titelgeschichte an, das «einfach so mitten drin» eintritt und das somit beliebig wird und genauso gut an einer anderen Stelle hätte gesetzt werden können. Oder vielleicht doch nicht? Auf jeden Fall geht Bolaño sparsam um mit einer Würze, ohne die wir heutigen Leser und Filmeschauer alles fad finden: Spannungskurven, Höhe- und Tiefpunkte und Entwicklung. Ein Essay freilich braucht so etwas nicht, eine Erzählung schon – oder eben, wie man hier lernen kann, nicht.

    Auf «Die wilden Detektive» freue ich mich schon, wenn ich auch mit leisem Bangen meine Eignung als Leserin auf eine harte Probe gestellt sehe.

  2. emberiza schreibt am Montag, 14. September 2009

    Als Der-Gaucho-nicht-gelesen-Habender (und somit zum Kommentieren hier eigentlich Unberufener) möchte ich doch meiner Begeisterung Ausdruck verleihen, dass Bolaño hier besprochen wird. Und auf die Hymne auf die «wilden Detektive» (und evtl. «2666″?) freue ich mich und würde dann ggfs. einstimmen oder irgendwas Geistreiches widersprechen.

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