Montag, 11. Dezember 2017

Roberto Bolaño, Der unerträgliche Gaucho

GAuchoLiebe Silberberg,
was soll man nur von diesem Buch halten? Im Laden war ich so angetan von dem hübschen Umschlag, auf dem ein schreiender Cowboy auf einem Pferd zusammen mit einem Vogelschwarm durch den Himmel reitet. Und als ich anfing, die Geschichten zu lesen, war ich weiter angetan, oder müsste ich besser sagen: angenehm irritiert? Denn Bolaño, das erkannte ich ziemlich bald, führt einen ganz schön an der Nase herum. Die klassischen Regeln des Erzählens gelten nicht für ihn: Zwar gibt es eine Handlung in seinen Texten, aber diese führt zu nichts.

Was heißt das nun: Führt zu nichts? Ich will versuchen, es an einem Beispiel zu erläutern. Nehmen wir die zweite Geschichte (denn um einen Band mit Erzählungen handelt es sich), «Der unerträgliche Gaucho». In ihr reist Manuel Pereda von Buenos Aires, wo er jahrzehntelang mit seiner Familie gelebt hat, aufs Land. Dort will der Witwer leben, nachdem seine Kinder aus dem Haus sind. Bolaño hat einen feinen Humor, der mich oft zum Lachen brachte: Pereda ist eigentlich der Meinung, dass «Leute wie er, ein studierter und um die Ausbildung seiner Kinder besorgter Familienvater, nicht für das Landleben geschaffen» seien. «Das Bild der Estancia selbst war in seiner Erinnerung mehr und mehr verwischt und hatte sich in ein Haus ohne Mittelpunkt, einen riesigen bedrohlichen Baum und eine Scheune verwandelt, durch welche Schatten huschten, vielleicht Ratten.» So weit, so gut. Da wird von einem erzählt, der sich eigentlich nichts aus dem Landleben macht und zu einem Ort auf dem Land aufbricht, an den er eigentlich keine angenehmen Erinnerungen hat. Diese Ausgangslage ist ziemlich lustig, und ich lehnte mich amüsiert zurück und freute mich auf das Ausbreiten dieser absurden Situation.

Die Zugfahrt Peredas aufs Land hat wieder ein Detail auf Lager, das mich zum Lachen bringt. «Draußen in der Einöde erblickte er ein Kaninchen, das mit dem Zug um die Wette zu laufen schien. Hinter dem Kaninchen liefen fünf weitere Kaninchen her. Das erste Kaninchen, das fast genau neben seinem Fenster herlief, hatte weit aufgerissene Augen, als ob der Wettlauf mit dem Zug ihm übermenschliche (oder überkaninliche, dachte der Anwalt) Kräfte abverlangte.» – Kaninchen, die sich mit dem Zug ein Wettrennen liefern; wie reizend, dachte ich; was für ein hübsches Detail. Mir ging es wie Peredas, der dachte: «Kaninchen! Wie wundervoll!»

Nach einer kurzen Unterhaltung mit einem Fahrgast wird Peredas jedoch, und ich mit ihm, aus der vermeintlichen Idylle gerissen: «Als er die Stirn wieder gegen das Fenster lehnte, sah er, dass die fünf nachfolgenden Kaninchen das einzelne Kaninchen eingeholt hatten, sich wütend auf es stürzten und ihm ihre Krallen und Zähne (…) ins Fell rammten. Während sich der Zug entfernte, sah er, wie sich eine unförmige Masse aus bräunlichen Fellen neben dem Bahngleis wälzte.» Aus dem Spiel ist tödlicher Ernst geworden, und er entpuppt sich dort, wo man ihn nicht erwartet: In einer Gemeinschaft von doch eigentlich süßen, knuddeligen Kaninchen.

Die Erwartungshaltung, die bei mir geweckt worden war, wurde jedoch nicht befriedigt. Ich erwartete eine Entwicklung – die persönliche Entwicklung der Hauptfigur oder die Entwicklung der Geschichte, die erzählt wird – und blieb in der Luft hängen, ganz wie der Cowboy auf dem Umschlag. Dennoch fasziniert mich Bolaños Art des Schreibens, und das nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, vermeintlich normale Begebenheiten ins Neue und auch ins Unheimliche zu drehen.

Unter der Oberfläche des scheinbar Bekannten schlummert nämlich oft das Bedrohliche: Der Feuerspucker, der in der ersten Geschichte («Jim») nicht zur Unterhaltung der Zuschauer da ist, sondern Personifikation der «Zaubermächte Mexikos» und bereit, Jim eine Feuerwolke ins Gesicht zu speien. Die Kaninchen, vor deren scharfen Zähnen man sich hüten muss. Bolaño entwirft eine Welt, der man mit unserem herkömmlichen Verständnis von Realität nicht habhaft werden kann. Und man kann diese erzählte Welt, womit ich meine Anfangsbemerkung wieder aufnehmen möchte, nicht nach den Mustern herkömmlicher Erzählmethoden aufdröseln. Denn der Plot fehlt, und das ist deswegen so aufregend, weil der Plot die Milchkuh unserer Zeit ist.

Mit «Plot» meine ich nicht im engen Sinn eine Handlung. Wenn einer aufs Land fährt und vom Zug aus Kaninchen beobachtet, ist das schließlich eine Handlung. Ich meine damit eher die kausalen und logischen Verknüpfungen der Handlungsstränge und Charaktere, die ich etwa in dieser Geschichte nicht recht entdecken konnte. Einer zieht aufs Land, wohnt über drei Jahre dort und kommt zurück in die Großstadt, um nach kurzer Zeit wieder den Beschluss zu fassen, zurück aufs Land zu ziehen. Doch warum zieht er aufs Land? Will er ein anderer Mensch werden? Was verspricht er sich von seinem Leben dort? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Manuel Pereda, der nach seiner Rückkehr vom Land seine ehemaligen Hausangestellten anruft, da er keinen einzigen Freund hat, den er kontaktieren könnte, bleibt seltsam unverankert in seinem Umfeld. Bezeichnend, dass er sich an die Angestellten kaum erinnern kann: «(…) Er versuchte sich an die Gesichter seiner beiden Angestellten zu erinnern, doch das Bild, das vor ihm erschien, blieb verschwommen, Schatten im Flur, ein Aufflattern sauberer Wäsche, Flüstern und gedämpfte Stimmen.» Auch die Frau, mit der er in «wilder Ehe» auf dem Land zusammenlebt, heißt nur «die Frau mit dem langen Rock», wohingegen sein Pferd einen Namen hat. Parallel dazu sorgt die Erzählweise dafür, dass auch die Geschichte merkwürdig in der Luft hängt, indem die Erlebnisse der Hauptfigur nicht an einem Plot ausgerichtet werden, sondern in anarchischer Freiheit aufeinander folgen.

Obwohl ich hier nur auf eine der Geschichten näher eingegangen bin, kann ich doch damit meinen Leseeindruck zusammenfassen. Hier verweigert sich ein Schriftsteller dem Plot und kreiert dadurch Figuren, die vom Handlungs- und Leistungsdruck heutiger «Geplottetheit» (um einmal ein Wort dafür zu erfinden) befreit sind. Was sie dann tun, denken und sprechen, ist ein anderes Thema. Sie tun es auf jeden Fall abseits genormter Wege.

 Stein

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