Montag, 11. Dezember 2017

Auf dem Sofa: September 2009

Heute hat der chinesische Dichter, Essayist und Romanautor GU CHENG Geburtstag, das heißt er könnte seinen 53. feiern, wenn er sich nicht 1993, nachdem er auf seine Frau Xie Ye mit einer Axt losgegangen war (sie erlag ihren Verletzungen im Krankenhaus), erhängt hätte.
Kennt da draußen jemand GU CHENG?
Und woher kenne ich ihn? Zunächst von einem Foto, das ihn zusammen mit YANG LIAN (einem anderen chinesischen Dichter und Essayisten, der noch lebt, und zwar meistens in London) bei einer Lesung und Podiumsdiskussion (schönes Wort, nicht?, schon eingeschlafen?) im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zeigt, mit einer tollen Kopfbedeckung, von der ich zunächst annahm, dass es sich um eine Papierhaube handelte:

  • Gu Cheng_Mang
  • .

    Tatsächlich hat er aber ein abgeschnittenes Hosenbein auf dem Kopf.
    Er muss überhaupt ein – nicht nur was seinen Kleidungsstil und die Umstände seines Todes angeht – eigenwilliger, verrückter Kerl gewesen sein. Im Alter von drei Jahren soll er eine eigene Sprache erfunden haben, die er jedoch niemand anderem beibrachte.
    Wie auch anders, war sein Vater Gu Gong doch berühmtes Kuomintang-Mitglied, der kleine GU von Geburt an also privilegiert. Den frühen Kindheitsjahren an der Seite eines prominenten Vaters folgte dann während der Kulturrevolution jedoch ein tiefer Sturz. Die Familie wurde, als GU zwölf Jahre alt war, zur Umerziehung aufs Land geschickt, wo sie Schweine züchtete. GU behauptete daher später gern, er habe die Dichtung direkt aus der Natur erlernt, mit all ihren Wohlgerüchen.
    Im ideologischen Vakuum nach Maos Tod gehörte GU CHENG, wie auch BEI DAO und YANG LIAN, zur Gruppe der jungen Dichter, die sich auf Tradition und Subjektivismus besannen und als Obskuristen in die chinesische Literaturgeschichte eingegangen sind. Er veröffentlichte zunächst wie die anderen im Untergrund und in der Zeitschrift «Heute».
    Und nun folgt ein Zitat aus Wikipedia, weil es so hübsch ist (Übersetzung von der amerikanischen Seite):
    «Er wurde daraufhin eine weltbekannte Prominenz und reiste mit seiner Frau Xie Ye durch die Welt.»
    Tja, so kann man eine Existenz als Exilant auch verklären.
    Beide wohnten ab 1987 in Auckland (auch YANG LIAN war zunächst in Neuseeland im Exil und ist jetzt neuseeländischer Staatsbürger), wo GU CHENG Chinesisch an der Universität unterrichtete. Bevor es dann 1993 zu Mord und Selbstmord kam.

    Sein Geburtstagsständchen lasse ich GU CHENG nun selbst singen, mit dem CURRICULUM VITAE aus seinen NAMELESS FLOWERS – als ob er alles schon geahnt hätte:

    CURRICULUM VITAE

    I’m a sorrowful child,
    never grown up.
    From the grassy north shore
    I followed
    a bright white road into
    a city full of gears,
    narrow alleys,
    wooden shacks, each lowly heart.
    In a bland haze of smoke I
    keep telling green stories.
    I believe in my listeners –
    the sky, and sea spray.
    They will cover my everything,
    cover my undiscoverable
    grave. I know then
    the grasses and wildflowers
    will gather, as the light dims,
    kissing over my sorrow.

    Kommentare

    Einen Kommentar schreiben