Montag, 23. Oktober 2017

Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten

dath, abschaffung der artenVon der Nachttischkante gestoßen
Es gibt diese Bücher, die man eigentlich lesen möchte. Weil sie interessant anfangen, weil sie verheißungsvoll und verlockend sind. Weil sie irritieren und faszinieren. Und es gibt sie, die Momente, in denen man ein solches Buch auf Seite 117 zuklappt und es weglegt. Weil man den Stapel anderer Bücher neben dem Bett wachsen sieht. Weil man einfach nicht weiterkommt mit diesem Buch, obwohl es eigentlich lesenswert ist: kein Kitsch, keine langweilige Geschichte, keine schlecht gezeichneten Figuren.

Dietmar Daths Buch hatte es 2008 in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Es wurde überall besprochen. Die ZEIT, die Süddeutsche, die Neue Zürcher Zeitung, die taz, die FAZ und die Frankfurter Rundschau: Sie alle widmeten diesem Buch wertvollen Feuilletonplatz. Einem Buch, so muss man wohl sagen, das kaum einer gerne las, das seine Rezensenten «gähnen» machte, das als «verlabert» und anstrengender Quatsch wahrgenommen wurde. Vielleicht, so möchte ich nun doch, wenn auch verzagt, die Fahne schwingen für das Buch, sind alle diese Rezensenten (mich vermutlich eingenommen) falsch an die Sache herangegangen. Da der Inhalt nämlich (zumindest bis zur Seite 117) relativ handlungsarm und in seiner Gesamtheit (nicht jedoch in den einzelnen Szenen!) unverständlich ist, wird der am-Stück-Leser enttäuscht. Wer allerdings den Stundenbuchcharakter dieses Buches akzeptiert, der ist schon besser dran.

Bevor ich lang und umständlich versuche, zu erklären, was denn nun eigentlich los ist mit diesem Buch, hört selbst:

«Vor Jahrhunderten, als sie den Löwen kennengelernt hatte, war sie, biologisch gesehen, ein Gründerschwarm gescheiter Insekten gewesen; ökonomisch und politisch betrachtet: eine inkarnierte Anleihe auf große Zwecke im transfiniten Genpool der ersten Pielapielimaten. Ihre Losung, damals an vielen Wänden in Borbruck zu lesen: ‹Alles muss sich ändern; wir sorgen dafür, dass es sich zum Guten ändert.› Der Satz, verkürzt auf sein syntaktisches Stemma, diente Jahrzehnte nach Livendas erstem Verschwinden den Dachsarmeen im ehemaligen Europa und im früheren Asien noch immer als Signalentfaltungsschlüssel bei der EPR-Kommunikation. Der Gründerschwarm Protolivienda hatte als Militante, ja Militaristin gegolten; die Menschen in ihrem Umkreis hatten, solange es noch welche gab, wenig Freude an ihr gehabt.»

Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf den dadaistischen, naturwissenschaftlichen, rätselhaften, spracherfinderischen, wortsprühenden Stil von Dietmar Dath. Er schreibt über eine Welt nach der «Großen Langeweile», wie die Zeit der Menschen genannt wird. Tiere und Mischwesen aus Mensch und Tier bevölkern die Erde, nur noch wenige Menschen sind übrig, die Kommunikationsarten haben sich geändert (man ist zum Beispiel über chemische Botenstoffe miteinander in Kontakt), Wesen können ihre Gestalt wechseln. Die Quellen der Menschen wurden vergiftet, sodass ihre Hände unbrauchbar wurden und in der Folge die meisten der menschlichen Tätigkeiten aufgegeben werden mussten. Es gibt Bordelle, in denen Menschen sich Tieren anbieten. Die Menschheit lässt sich auf den Satz summieren: «Ihr habt immer dasselbe getan, über Jahrzehnte, jede und jeder für sich, aber eben damit auch für die andern.» Das erkennt Katahomenleandraleal, «die erste postbiotische Großmacht», nachdem sie eine Menschenfrau, die «lebendige Vergangenheit», vierzehn Tage lang chemisch stillgelegt hat und mit ihr in Klausur gegangen ist, um in einer Art Verschmelzung mit ihr alles über die Menschen zu lernen. Daraus resultieren lustige Dialoge, die einem den Spiegel vorhalten. Es ist ein alter Schachzug, einem das Bekannte fremd werden zu lassen, indem man mit einem Blick von außen darauf schaut, etwa die Teilung in öffentlich und privat, «die durch jeden Menschen ging». Im Vergleich zur Lebensart von Wesen, die völlig mit ihrer Umgebung verschmelzen können und diese mit ihnen, erscheint eine solche Teilung nicht nur überholt – sie erscheint auch belastend, wie ein soziales Korsett. Solche Blicke gewinnt man noch öfter auf «die Menschheit» und so auf sich selbst, und das mit großem Gewinn.

Andere Stellen des Buches jedoch lassen einen verzweifeln, weil man sie nicht versteht. In der Folge des sich daraufhin einstellenden Konzentrationsverlustes macht sich Unzufriedenheit bemerkbar. Das einzig Gute am Nichtverstehen ist, dass es auch nicht schlimm ist, wenn man die Namen nicht behält (die teilweise sehr exotisch oder lang sind, letzteres etwa der Name des Löwen-Herrschers: Cyrus Lemelian Adrian Vinicius Golden, oder des Wolfes: Dmitri Stepanowitsch Sebassus) oder nicht versteht, in welcher Beziehung wer mit wem warum steht. Seltsamerweise kann man nämlich dennoch mit Gewinn weiterlesen.

Die «Abschaffung der Arten», wie der Titel ankündigt, ist großes Programm. Dass dafür eine eigene erzählerische Darstellungsweise entwickelt und einzelnen Figuren eine eigene, dadaistische (da nicht nach unseren Regeln funktionierende) Sprache auf den Leib geschneidert wird, wird dem Inhalt gerecht. (Allerdings habe ich keine Lust, darauf näher einzugehen, da man Abende damit verbringen kann, über den Aufbau, die Erzählweise usw. nachzudenken – doch erschließt sich einem das Buch dadurch vermutlich nicht besser.) Je länger ich über das Buch nachdenke, desto bemerkenswerter finde ich es eigentlich … Ich muss jetzt doch noch ein paar Seiten darin lesen. Aber auf Seite 150 ist Schluss. Den Rest hebe ich mir für irgendwann anders auf.

Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten, Suhrkamp 2008

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