Freitag, 24. November 2017

Paul Klee, Tagebücher 1898-1918

kleee-tagebuchEin Tagebuch ist eben keine Kunst-, sondern eine Zeitleistung“
Felix, Sohn von Paul Klee, leitet  1956 die Herausgabe der Tagebücher seines Vaters so ein: „Der Leser dieser hier vorliegenden vier Tagebücher Paul Klees wird als mutmaßlich Außenstehender in eine geheimnisvolle, seltsame, eigenartige und behutsame Welt des „Malers“ Klee eindringen.“ Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Denn was man von 1898, als Klee knapp zwanzig war, bis  zum Ende des Ersten Weltkriegs geboten bekommt, sind paragraphenartige Aufzeichnungen, die Klee nicht nur selbst ins Reine geschrieben, sondern auch noch durchnummeriert hat und die damit allein formal schon einen Gestaltungswillen erkennen lassen, der nichts weniger ist, als ein hilflos „authentisch“ sprechendes Herz in geheimen Tagebuchaufzeichnungen.  Und dennoch erhält man in diesen Paragraphen Zugang zur Welt von Paul Klee, keinen privaten Zugang allerdings, sondern Einblick in das, wie er seine Welt gestaltet wissen wollte.

So paraphrasiert Paul Klee zunächst früheste Kindheitserinnerungen  – „Mein Onkel, der dicke Frick, imitierte gut Tierstimmen. Und einmal gelang es ihm, durch Miauen einen kleinen Jungen zu täuschen. Der suchte die ganze Restauration nach der Katze ab, bis mein Onkel durch ein posaunenartiges Geräusch der Sache ein Ende machte. Der Junge blieb aber bei seiner Auffassung und sagte dumm-pfiffig: „Ds Büssi het geschisse.“ Ich hatte dabei ein Gefühl sozialer Ablehnung, ich hätte solche Worte in guter Gesellschaft nicht in den Mund genommen (sieben bis acht Jahre) – und beschreibt mit gleichem fein ironischen Lust seine Schulzeit: „Im übrigen vertraute ich wie immer meinem Stern und machte dann im Examen vier Punkte über das Minimum. Das reine Minimum zu treffen ist ja ziemlich schwer und nicht ohne Risiko zu treffen.“

Im Anschluss kommt die Studienzeit in München-Schwabing mit Alkoholexzessen und amourösen Kalamitäten, allerdings schon durchsetzt von Aphorismen, die den viel älteren Mann erkennen lassen, der hier in der Rückschau bündelt, ohne jedoch der Versuchung zu verfallen, sich von Anfang an als großer Maler determiniert zu inszenieren. Dabei helfen wieder die Paragraphen, die kein lineares Erzählen notwendig machen. So wird die Unsicherheit deutlich, mit welcher der junge Klee zwischen den verschiedenen Künsten hin und her schwankte und nicht wusste, ob er Dichter, Maler oder Musiker werden solle. Später schreibt er, diesmal tatsächlich unter dem Titel „Rückblick“: „Meine ersten Versuche auf die produktiven akademischen Studienjahre waren nicht bildnerisch, vielleicht wohl dichterisch. Bildnerische Themen kannte ich nicht. Warum ist man dann eigentlich Akademiker? Damit man dem Onkel und der Tante auf Fragen antworten kann: ja, ich war dort.“

Die im Tagebuch geschilderte Bildungsreise nach Rom hingegen entkommt nicht dem pädagogischen Bildungsdruck, dem sich offenbar weder der junge Klee im Augenblick des Erlebens noch der erwachsene Klee im Augenblick nachträglicher Gestaltung Herr werden konnte, entsprechen folgen Auflistungen über das Gesehene und man ist dankbar über den hie und da aufblitzenden Schlendrian der Schweizer Künstlerclique, deren Anekdoten freilich den Goetheschen ebenfalls wieder sehr nahe kommen: „Nur die Nacht draußen weint. Einsamkeit. Schuld daran war der Scirocco. Altherr korrigierte: „Sage mer, dr Wy!“»

Im Weiteren wird vor allem eine intellektuelle Biographie stichwortartig rekonstruiert: was er gelesen, was er in der Oper, im Konzert oder auf dem Theater gesehen hat. Man liest endlose Titel und Namen, was zunächst nur einen hypnotischen Effekt hat, da kein Informationswert erkennbar ist in Ketten wie „Gelesen: Ibsen, Gespenster, Stützen der Gesellschaft, Wildente, Volksfeind, Molière, Don Juan, mit Vorrede von Voltaire. Raimund, Verschwender“. Und dennoch und plötzlich allgemein: wieviel Lebenszeit geht schließlich weg beim in Bücher hineinsehen, Bilder betrachten, auf Theaterbühnen hinaufschauen; unbeweglich sitzt man da, das eigene Leben geht hin und soll iM Rückblick auch in diesen stummen, selbstverlorenen Stunden Sinn machen.  Diesem Dilemma sieht sich jeder Autobiograph gegenüber. Dem ist dieses Paragraphen-Tagebuch jedoch überlegen, indem zwar zugeschnitten und – das ist offensichtlich – um interessante und pikante Informationen reduziert, sich in dieser Form jedoch der Notwendigkeit entzieht, ein Leben aus einem Guss zu erzählen.

Genauso anachronistisch schön sind in diesem Zusammenhang die Beschreibungen seiner ästhetischen Überlegungen und Arbeitstechniken, so verschwurbelt diese oft geschrieben sind und so wenig sie für einen Laien verständlich sind. Es ist jedoch ein Blick in die Werkstatt – weniger unter dem Gesichtspunkt rezeptionsästhetischen Interesses, sondern als könne man Paul Klee in diesen drei, vier Sätzen tatsächlich über die Schulter sehen, wie er darüber nachdenkt, ob das so funktionieren könnte und was wohl dabei herauskommt: „Malgrund aus Farbpulver und Leimwasser anrühren und aufstreichen wie Kreidegrund, um einmal auf einem Grund zu arbeiten, der sowohl Helles als Tiefes von vornherein zur Geltung kommen lässt. Zum Beispiel caput mortuum. Auf Weiß wirkt ja jede Helligkeit von vornherein dunkel, und bis man so weit ist, das Weiß zu bändigen, stimmt alles gar nicht mehr. Überhaupt die Relativität der Werte!“

Mit so etwas lässt sich gar nichts anfangen, weder als Leser noch als Maler, und doch sind es die Stellen, in denen man sich lesend träumend verliert: was überlegt er sich da bloß? Ist DABEI was rausgekommen? Was soll das? Hat das einen Sinn?
So offenbart sich etwas vom Eigenartigen und Behutsamen, das Felix Klee in seiner Einleitung andeutet, Quatsch, „offenbaren“ tut sich natürlich gar nichts – vielmehr wird es vielleicht auf den Leser hinaus verlängert: das Paragraphen-Tagebuch des Blauen Reiters und Bauhäuslers als übersichtlich geordnete Baustelle, wie allmählich und gelassen Kunst aus Leben entsteht.

Paul Klee, Tagebücher 1898-1918, Dumont 1957

Kommentare

Einen Kommentar schreiben