Montag, 23. Oktober 2017

Krimis, Krimis, den ganzen Tag Krimis

beckett-kalte-asche-TBchemieKeiner rennt für immerPapageiDas Geld war schmutzig

Der September war ein Krimimonat. Ich ver-schlang einen nach dem anderen und war nicht fähig, zwischendrin meine Leseeindrücke festzu-halten. So ist das eben mit spannenden Büchern: Man will mehr davon, immer mehr, und verliert darüber das Gefühl für literarische Qualität. Besser gesagt, sie wird einem egal. Denn es kommt nur auf eines an: Spannung.

Soviel zum Klischee. Natürlich soll ein Krimi spannend sein, schließlich geht es meistens darum, einen Mörder zu finden oder ein Verbrechen aufzudecken. Allerdings haben etliche Autoren bewiesen, dass die Ermittlerfigur nicht flach gezeichnet sein muss (etwa Leonardo Padura, Peter Temple, Manfred Wieninger, Hannelore Cayre oder Léo Malet, um nur ein paar zu nennen). Leider kann ich das nicht behaupten von Simon Beckett, der mir bereits zwei schlaflose Nächte bescherte mit seinen Bestsellern «Die Chemie des Todes» und «Kalte Asche».

Der Autor, der in der sogenannten Body Farm des FBI in Tennessee recherchiert hat, um seine Hauptfigur, den Forensiker David Hunter, glaubwürdig darstellen zu können, vermag es zwar, eine Geschichte bis zum Schluss spannend zu erzählen. Allerdings vermag er es nicht, seinem Hauptprotagonisten eine unverwechselbare Identität zu geben. Zwar bemüht er sich darum (David Hunter ist aus der Ich-Perspektive dargestellt, es wird von seiner Vergangenheit berichtet und wir bekommen mit, was er nachts träumt) – dennoch bleibt die Figur erstaunlich schwammig. Wahrscheinlich resultiert das aus der Fixierung des Autors auf die Spannungskurve, was leider auch Auswirkungen auf die Sprache hat, die weniger literarisch ist (im Sinne eines kunstvollen Umgangs mit ihr) als zweckmäßig. Aber das ist völlig in Ordnung, denn die Leser von Simon Beckett wollen keine Poesie. Im Übrigen sind die beiden Bände ein gutes Beispiel für die «Gattung» der Bestseller-Thriller, die ein breites Publikum erreicht, aber wenig zu bieten hat, was über den Tag hinaus bleibt.

Kommen wir zu einem Autor anderen Kalibers. Richard Stark, am 31. Dezember 2008 im Alter von 75 Jahren gestorben, im realen Leben bekannt als Donald E. Westerlake, hat in seinem Leben an die 100 Romane geschrieben; zu seinen letzten gehörte «Keiner rennt für immer» (übrigens schon im Original mit diesem bescheuerten Titel gesegnet).

Nun sind im Zsolnay Verlag bereits drei Krimis von Stark erschienen, in einigen Tagen kommt der vierte auf den Markt, und dafür gebührt dem Verlag großer Dank, hat er doch dem deutschsprachigen Publikum wieder einen lesenswerten Autor erschlossen, der viele Jahre nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Man fängt am besten an mit dem schon genannten «Keiner rennt für immer», in dem die Geschichte eines Geldraubes beschrieben wird. Die drei Bände, die ich bisher las, funktionieren wie eine Fernsehserie: Sie brechen ab, wenn es am spannendsten ist, und gehen im nächsten Band weiter. Erzählt ist das Ganze aus der Perspektive von Parker, hartgesottenem Berufsverbrecher, Protagonist in etwa 20 weiteren Romanen, der die Sympathie des Lesers hat, obwohl er eigentlich kein angenehmer Zeitgenosse ist: er ist ein Außenseiter, einsilbig, berechnend und, wenn es darauf ankommt, zu einem Mord fähig.

Die sprachliche Gestaltung der drei Krimis ist nicht erwähnenswert, wobei Richard Stark diesbezüglich schon in einer anderen Liga als Simon Beckett spielt: man stolpert über weniger Gemeinplätze und muss nicht so viele Worte und Phrasen schlucken, die Spannung erzeugen sollen («plötzlich», «da sah er es», «kreidebleich», «er weicht mit Schrecken geweiteten Augen zurück» usw.). Dennoch lesen sie sich spannend, haben gut konstruierte Plots und individuelle Figuren, die trotz bleistifthafter Zeichnung unverwechselbaren Charakter haben.

Wer wissen will, ob Parker und seine zwei Mittäter an das geraubte Geld rankommen, das sie erst einmal verstecken müssen, damit sie aus der von der Polizei errichteten Sperrzone rauskommen, liest weiter. Erst «Fragen Sie den Papagei» und dann «Das Geld war schmutzig» (im Original «Dirty Money», was auch inhaltlich stimmt im Gegensatz zur aus der Luft gegriffenen Vergangenheitsform des deutschen Titels). Im zweiten Band muss Parker sich für eine Weile bei einem alten Eigenbrötler verstecken, weil sich die Lage erst wieder normalisieren muss, bevor er handeln kann. Doch obwohl Parker zur Untätigkeit verdammt ist, bereitet er seinen nächsten Coup vor. «Fragen Sie den Papagei» kann daher als 254-seitiger Exkurs angesehen werden, der eine eigene Krimistory hat, bevor im dritten Band, «Das Geld war schmutzig», der Geldraub aus dem ersten Band wieder aufgegriffen wird.

Weiter geht’s im Oktober mit Peter Temples «Die letzte Botschaft» und Simon Becketts «Flammenbrut». Es bleibt spannend!

Simon Beckett, «Die Chemie des Todes», Rowohlt 2006 (Original: » The Chemistry of Death», 2006) und «Kalte Asche, Rowohlt 2007 (Original: «Written in Bone», 2007).

Richard Stark, «Keiner rennt für immer», Zsolnay 2009 (Original: «Nobody Runs Forever», 2004), «Fragen Sie den Papagei, Zsolnay 2008 (Original: «Ask the Parrot», 2006) und «Das Geld war schmutzig», Zsolnay 2009 (Original: «Dirty Money», 2008).

Kommentare

Einen Kommentar schreiben