Montag, 23. Oktober 2017

Ryszard Kapuscinski, Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies [2]

Die Erde ist ein gewalttätiges ParadiesVon einem, der auszog und das Sehen lernte
Der polnische Journalist Ryszard Kapuscinski, 1932 geboren, 2007 gestorben, zählt zu Recht zu den großen Reportern seiner Zeit. In dem hier vorgestellten Band sind Reportagen, Essays und Reflexionen aus 40 Jahren Schreibtätigkeit versammelt. Er eignet sich daher (vermutlich) sehr für einen Einstieg in Kapuscinskis Werk, das aus rund 20 Büchern und unzähligen Reportagen besteht.

Mit einer bewundernswerten Energie und einer nie versiegenden Fähigkeit, wahrzunehmen und zu beschreiben, bereist der bekennende Optimist Kapuscinski die Welt, vor allem die Dritte. Seine Faszination für die Staaten und Nationen erschaffende Kraft der Menschen dort könnte seinen eigenen Worten zufolge daher stammen, dass er aus einem armen Teil Europas kommt. Wer gelesen hat, wie sehr sich der Zehnjährige Schuhe wünschte, da seine Eltern zu arm waren, um ihm welche zu kaufen, wird verstehen, dass die Fähigkeit der Empathie aus seiner persönlichen Geschichte herrühren mag. Die Kindheit im Zweiten Weltkrieg verbracht, war der Krieg von Anfang an etwas, das zu seinem Leben gehörte: «Lange Zeit war ich der Meinung, dies sei die einzige Welt, die Welt schaue so aus, das sei das Leben. (…) Ich war überzeugt, das Herumirren, der Hunger und die Angst, die Fliegerangriffe und Feuersbrünste, die Razzien und Exekutionen, die Lügen und der Lärm, die Verachtung und der Hass seien die natürliche und ewige Ordnung der Dinge, machten den Inhalt und Sinn jeglicher Existenz aus.» Der Krieg hat ihn sein Leben lang begleitet; unzählige Male hat er unter Einsatz seines Lebens aus Krisengebieten berichtet, um sich «gegen die Vergiftung der zwischenmenschlichen Beziehungen durch Ignoranz und Hass» einzusetzen.

Die Texte, die für diesen Band zusammengestellt wurden, zeugen immer wieder von der Unvoreingenommenheit Kapuscinskis. Den sieben Eigenschaften eines «guten Auslandskorrespondenten», die er aufzählt (eine gute Gesundheit, eine starke Psyche, Glück und Neugier, die Welt kennenzulernen, Kenntnisse über die jeweilige politische Situation, das Beherrschen möglichst vieler Sprachen und die Bereitschaft, alles zu essen) muss daher eine achte hinzugefügt werden: Objektivität. Sie versetzt den Korrespondenten beispielsweise in Afrika in der Lage, den unterschiedlichen Zeitbegriff ohne eine Wertung zu analysieren: «In der Überzeugung des Europäers existiert die Zeit außerhalb des Menschen (…). Nach Newton ist die Zeit absolut: ‹Die absolute, wirkliche und mathematische Zeit fließt in sich und in ihrer Natur gleichförmig, ohne Beziehung zu irgendetwas außerhalb ihrer Liegenden …› (…) Der Europäer bewegt sich innerhalb des Getriebes der Zeit, kann außerhalb dieses Getriebes nicht existieren. (…) Zwischen dem Menschen und der Zeit besteht ein unlösbarer Konflikt, der immer mit der Niederlage des Menschen endet – die Zeit zerstört ihn.» Die Afrikaner haben Kapuscinski zufolge ein anderes Verständnis von Zeit, «eine völlige Umkehrung des europäischen Denkens»: «Für sie ist die Zeit eine ziemlich lockere, elastische, subjektive Kategorie. Der Mensch hat Einfluss auf die Gestaltung der Zeit, auf ihren Ablauf und ihren Rhythmus (…). Die Zeit ist sogar etwas, was der Mensch selbst schaffen kann, weil die Existenz der Zeit zum Beispiel in Ereignissen zum Ausdruck kommt (…). [Die Zeit] ist eine Materie, die unter unserem Einfluss zum Leben geweckt werden kann, jedoch in einen Zustand des Tiefschlafs oder sogar der Nicht-Existenz versinkt, wenn wir ihr unsere Energie versagen. Die Zeit ist eine passive Kategorie und vor allem vom Menschen abhängig.»

Diese Fähigkeit, unvoreingenommen gegenüber Neuem zu sein, erleichtert dem Journalisten das Leben in anderen Teilen der Welt – etwa, wenn er akzeptieren muss, dass der Bus erst dann losfährt, wenn er voll ist, auch wenn dies noch Stunden oder Tage dauern kann. Kapuscinskis Wahrnehmung ist so sehr von dieser Kategorie geprägt, dass die Schilderung einer Insektenplage zu einer Episode wird, über die man lachen kann: «Ich machte das Licht an. Wände, Bett, Tisch und Fußboden waren schwarz. Schwarz von Kakerlaken. (…) Es handelte sich um Riesenkakerlaken, so groß wie Schildkröten, dunkel, glänzend, borstig und schnurrbärtig. (…) Wie sollte ich mit solchen Kolossen fertig werden? Sollte ich sie erschlagen? Aber womit? Wie? Allein bei diesem Gedanken begannen meine Hände zu zittern. Diese Geschöpfe waren einfach zu groß. Weil diese Kakerlaken so außergewöhnlich groß waren, beugte ich mich über sie und spitzte die Ohren in der Erwartung, dass sie irgendwelche Laute von sich gäben (…). Doch die ganze Zeit über herrschte in dem Zimmer völlige Stille: Alle schwiegen – verschlossen, lautlos, geheimnisvoll. Ich konnte jedoch feststellen, dass sie sich jedes Mal, wenn ich mich über sie beugte, hastig zurückzogen und eng aneinanderdrängten. (…) Offensichtlich ekelten sich die Kakerlaken vor dem Menschen, wichen angewidert vor ihm zurück, sahen in ihm ein widerliches uns abstoßendes Wesen.» Auch wenn Kapuscinski dieses Erlebnis im Nachhinein sicher stilisiert hat, fasziniert es doch, wie er in die Haut anderer schlüpfen und sich vorstellen kann, wie sie sich fühlen.

Es gibt noch viele erwähnenswerte Stellen in diesem Buch, die es verdient hätten, dass man näher darauf eingeht. Etwa die Reflexion über die eigene Arbeitsweise und über die Wirkung der Sprache. Oder Schilderungen von Situationen in Krisengebieten, in denen plötzlich zwischen Beschreibungen von Gewalt und Furcht ein eigentümlicher poetischer Zauber hervorblitzt, wie in dem Text über Luanda, die Hauptstadt Angolas, wo alles Hab und Gut, das von den Einwohnern in Sicherheit gebracht werden wollte, in Holzkisten am Strand gestapelt wurde, wodurch eine «hölzerne Stadt», eine «Kistenstadt» entstand, die dann über das Meer segelte und ihre Bestimmungshäfen erreichte.

Der Journalismus Kapuscinskis, zumindest der, den die Texte in diesem Band widerspiegeln, ist abseits von einer klassischen Berichterstattung, als hätte Kapuscinski schon früh gewusst, dass nicht nur die Information das Bestimmende und Wichtige ist, sondern auch die erzählte Geschichte.

Ryszard Kapuscinski, Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies (Piper Verlag 2002)

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