Montag, 11. Dezember 2017

Ryszard Kapuscinski, Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies [1]

Die Erde ist ein gewalttätiges ParadiesHautnah dabei sein. Dann schreiben
Die Reisebeschreibung gehört zu den anspruchsvollsten literarischen Gattungen. Diese oberlehrerinnenhafte Bemerkung sei zu Beginn gestattet, um den roten Teppich für Ryszard Kapuscinski mit umso größerem Schwung auszurollen. Denn ein Land so zu beschreiben, dass es in seiner individuellen Besonderheit erfasst wird und dabei gleichzeitig ein lebendiges Bild für das Publikum draußen entsteht, das etwa mit den politischen Verhältnissen in Nigeria oder San Salvador nicht auf du und du ist, ist ein schweres Unterfangen – das weiß jeder, der in eigenen Reisetagebüchern schon was vom Sonnenuntergang hinter den Pyramiden herumschwadroniert hat und dann merkt, dass man die gleichen Romantizismen auch hinterm Schreibtisch in Henstedt-Ulzburg hätte produzieren können, so wenig sagen sie über das Leben und Sehen in Ägypten aus.

Was Kapuscinski hingegen in dieser Sammlung aus Reportagen, Essays und Interviews vollbringt, ist genau das: vom Detail auf einen größeren Zusammenhang zu schließen, innerhalb dessen sowohl das Land, über das er schreibt, als auch die condition humaine sichtbar wird. Nichts weniger ist sein Anspruch als Reporter, und es ist vielleicht das einzige Manko dieses Best-of-Buches, dass in der Kürze der gewählten Ausschnitte die Programmatik seines Reporterethos allzu geballt erscheint und damit zwangsläufig eine gewisse Eitelkeit evoziert. Weniger wäre mehr gewesen, aber ohnehin kann diese Zusammenstellung nur als Appetizer dienen, sich den Büchern Kapuscinskis zu widmen und gleichzeitig einen großen Reporter als auch einen großen Schriftsteller zu entdecken.

Was hier dennoch zum Ausdruck kommt, ist ein Verfahren, das darin besteht, sich den Kriegen, Festen, dem Hunger, der Krankheit, kurz: dem Leben im jeweils von ihm bereisten Land mit allen Sinnen auszusetzen. Kapuscinski muss an die Front, im doppelten Sinn.

„Die ganze Erde der Joruba steht in Flammen. Ich fahre auf der Landstraße, von der es heißt, daß auf ihr kein Weißer lebend durchkommt. Ich fahre, um mich zu überzeugen, ob das stimmt, denn ich muß alles selber erleben. Ich weiß, daß der Mensch Angst empfindet, wenn er sich im Dickicht an einen Löwen heranpirscht. Ich habe mich an Löwen angepirscht, um zu erfahren, wie das ist. Ich mußte das kennenlernen und wußte, daß es mir keiner beschreiben konnte. Ich selber kann es auch nicht beschreiben.“
Was eine Heldengeschichte werden könnte – ich im Krieg, ich und die Löwen – wird zu einem Eingeständnis der eigenen Sprachlosigkeit, der eigenen Fassungslosigkeit angesichts der Fremde. Nun ist auch die Negation ein literarisches Mittel, das eigentlich Unsichtbare sichtbar zu machen, das weiß Kapuscinski und immer wieder reflektiert er über diese Mittel und die Möglichkeit, das Gesehene und Erfahrene im Schreiben zu erfassen. Auf der einen Seite sieht er die fiktionale Literatur, an ihrem Gegenpol die Nachrichten, nur die Mitte ist leer – und hier will Kapuscinski arbeiten: „Um Klima oder Atmosphäre, Gefühlslagen und Affekte von Menschen zu beschreiben, muß man auf die Errungenschaften der fiktionalen Literatur zurückgreifen. Und doch erzählen die Nachrichten vom Allerwichtigsten: dem Werden der Geschichte“.

Nach seinen endlosen Reisen quer durch die Welt, den Jahren in Afrika und in Russland, kehrt Kapuscinski nach Hause nach Polen zurück – um zu schreiben. Denn nur umgeben von seiner Muttersprache, schreibt er, könne er die richtige Form, die richtige Sprache für das Erlebte finden. Tatsächlich wählt er immer neue Formen, sich dem Geschehen im Iran, in Liberia oder Honduras zu nähern, indem er manchmal nur Fragen stellt, manchmal die Reflexion über die Sprache in die Beschreibung einbezieht, manchmal die Ich-Figur in den Mittelpunkt stellt, manchmal die Erzählung der anderen Stück für Stück dokumentiert.

Dabei findet er  jedes Mal einen eigenen Zugang – und so ist man plötzlich in Nigeria. Er beschreibt die kleine Gasse, die in Lagos seine Heimat gewesen ist, beschreibt die vielen Einbrüche in seine Wohnung und seine Bekanntschaft mit Sulejman, der sich ihm unbedingt als Nachtwächter verdingen wollte. Der Reporter gibt ihm ein bisschen Geld, nach und nach freunden sie sich an. Sulejman erklärt ihm, dass er sich freuen könne, dass bei ihm eingebrochen würde, denn das sei eine normale Nivellierung von Ungleichheiten und auf diese Weise würde dem Reporter zu verstehen gegeben, dass er ihnen nützlich sei und ihm nichts weiter geschehen würde. Doch Sulejman geht auch mit ihm auf den Markt und befiehlt den Kauf eines Büschels weißer Hahnenfedern: „Wir kehrten in meine Gasse zurück. Sulejman legte die Federn zusammen, wickelte einen Faden herum und hängte sie oben am Türrahmen auf. Von diesem Zeitpunkt an verschwand nichts mehr aus meiner Wohnung“.

Damit endet die Erzählung aus Nigeria, sie erklärt nicht, sie wundert sich nicht, sie stellt keine Vermutung über die kultische Bedeutung von weißen Hahnenfedern an oder fabuliert über den Mystizismus der Ureinwohner u.ä., sondern sie lässt den Raum frei für die Imagination des Lesers. Noch stärker wirkt das, weil Ursache und Erklärung der Diebstähle vorher ausführlich deutlich gemacht wurden, man versteht es und sieht es ein – um die Hahnenfedern bleibt das Geheimnis.

In dieser ausgehaltenen Ambivalenz liegt eine der Stärken von Kapuscinskis Schreiben: immer kommt auch das Andere zu Wort, der Andere. Indem er sich den Situationen und den Menschen aussetzt, ausliefert –  das Verirren in den Schneewüsten Sibiriens, in Luanda, der Hauptstadt Angolas, in der Nacht, in welcher der Bürgerkrieg ausbrach; hilflos tappst er herum und sucht nach Hilfe – und buchstäblich mit der eigenen Haut die Erde des Fremden aufsaugt – auf dem Boden inmitten eines Stellungskrieges zwischen Honduras und San Salvador – schafft er die Basis für eine wahrhaftige Beschreibung.

Das ist very old school und Kapuscinski macht keinen Hehl aus seiner Verachtung von Bürohengsten – eine herrliche Philippika ist den Schreibtischen gewidmet, die das Dasein insgesamt behindern. Ob man tatsächlich selbst an der Front herumkriechen muss, um die Schrecken eines Krieges beschreiben zu können, ob man tatsächlich den eigenen Körper in den Dienst der authentischen Schilderung stellen muss und soll, kann dahin gestellt bleiben – doch im Falle dieser Ausnahmeerscheinung der Reporterzunft hat es funktioniert; nicht zuletzt durch den schon im Titel des Buches aufscheinenden Ethos, der Kapuscinkis ganzes Schreiben prägt: die Erde ist ein gewalttätiges Paradies und es gilt, sie mit allen Sinnen in sich aufzunehmen – und dann davon zu erzählen.

Ryszard Kapuscinski, Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies (Piper Verlag 2002)

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