Montag, 11. Dezember 2017

Auf dem Sofa: November 2009

GERTRUDE STEIN: MEXIKO UND ANDERE STÜCKE (Luchterhand) – las ich im Frühjahr in meinem Romanklausurquartier und erwarb das Büchlein nun selbst am Sonntagnachmittag, 1. November, auf dem Flohmarkt – warum? Weil es Autoren gibt, deren Werke man möglichst vollständig haben will, auch wenn einem gar nicht alles gefällt. Weil der Umschlag so schön ist – pinkfarben, mit einem graublauen Foto von STEIN, auf dem sie aussieht, als träte sie im Zirkus als Clown auf, nur die rote Nase fehlt.

Was fühle ich heute. Ich fühle dass ich wohl weiß wie eine Frau zu lüften sei.
Du meinst dass ich es zu kalt mache. Nun gut um sicher zu sein ich bin selbstsüchtig ich sitze vor dem Feuer. Ich sollte dir wirklich den besten Platz geben nur möchte ich nicht gerne wechseln.
Du Liebes du bist so süß zu mir.

Und auch vom sonntäglichen Flohmarkt stammt GUILLAUME APOLLINAIRE: PORTRÄT & POESIE (Luchterhand), ein eigentlich überflüssiger Kauf, denn ich habe schon einen APOLLINAIRE-Band (Volk & Welt 1971), sogar zweisprachig, und der reicht mir, da ich so viel mit seinen Gedichten nun auch nicht anfangen kann. Aber es ist so eine schöne quadratische Ausgabe, mit Fotos und Zeichnungen (den berühmten Kalligrammen) und einer orangeroten Umschlaginnenseite (MALEWITSCHs «Quadrat» zitierend), die wollte zu mir. APOLLINAIRE war ein großer Liebender, voller Sinnlichkeit, er war ein Don Juan, nicht frei von Machismo, er schrieb über die neun Leibesöffnungen seiner Geliebten, deren sieben er schon liebkost hat, aber zwei fehlten noch, und er erwartet sehnlich ihre Berührung, das ist schon alles ziemlich aufregend und libertinär, und manchmal schoss er, in seinem Liebestriebeifer, dann auch übers Ziel hinaus, aber er war sicher auch ein großer Lachender, so dass man ihm seine verquere Verbindung aus Futurismus und Romantik (und WHITMAN sowieso) gern verzeiht, sie als Übermut nimmt, und hier, zu seinem 91. Todestag, sei sie nun zitiert (in der Übersetzung von Lothar Klünner):

DAS ELFTE GEHEIME GEDICHT

Über dich ganz und gar deinen Leib deinen Geist und deine Besonnenheit
Hab ich schon schöne Gedichte gemacht
Und will nun der ich in Wäldern hause zu dieser Kriegszeit
Will nun eins machen über den niedlichen Unterstand
Den wohlansehnlichen* tief im jungfräulichen Wald
Den kleinen Unterstand den du mir eingerichtet im jungfräulichen Wald
Palast o schöner noch als der von Rosamunde der Louvre und der Escorial
Dort werd ich eintreten um mein schönstes Werk zu vollenden
Gott selbst werd ich sein und dort wenns Gott gefällt einen Mann erschaffen
sogar mehrere Männer eine Frau sogar mehrere Frauen wie Gott selber es tat
O kleiner versteckter Palast Madeleines
Du bist schön mein Lieb und bist eine erhabene Künstlerin die du für mich den schönsten Palast der Welt erbaust
Madeleine meine verehrte Architektin
Ich werd eine Brücke schlagen zwischen dir und mir eine Brücke aus eisenhartem Fleisch eine herrlich gespannte Brücke
Du Architektin ich Pontifex und Menschheitsschöpfer
Ich liebe dich Architektin lieb du den Erbauer der Brücke
Auf der gleich jener von Avignon alles im Tanze sich dreht
Wir selber o Madeleine unsre Kinder und auch unsre Enkelkinder
Bis an das Ende der Zeiten

APOLLINAIRE starb, am 9. November 1918, an der Spanischen Grippe.

(* Ob «wohlansehnlich» für «bien aménagée» so glücklich gewählt ist?)

Und gestern Abend, 4. November, in einem Zug, nur von Teekochen und Sandwichschmieren kürzest unterbrochen: RONALD M. SCHERNIKAU: KÖNIGIN IM DRECK (Verbrecher Verlag), eine Sammlung von Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften, worin, neben einer langen Reportage über eine Aids-Beratungsstelle in München, am gelungensten sind die beiden Beiträge für «konkret» und «Freitag» zu WARHOL und der ersten deutschen Gesamtübersetzung von STEINs Hauptwerk THE MAKING OF AMERICANS. Den editionskritischen, frechen, stilistisch-eigenwilligen STEIN-Beitrag, DER BERUF DES GENIES, kannte ich schon, las ihn aber noch einmal mit allergrößtem Vergnügen, wieder einmal darüber staunend, was bei einer zweiten Lektüre auffällt, einem bei der ersten also durch die Lappen gegangen ist («Ich glaube, sie lebte in einer Welt, in der es schwierig war, Bewegung wahrzunehmen.» – das trifft es!, und: «Genaueste Beschreibung, das meint, nichts ist ihr selbstverständlich: kein Wort, kein Vorgang, keine Abfolge. Satz für Satz arbeitet Stein an der Erkenntnis, immer wieder scheint sie sich bei den Dingen zu fragen, was sie eigentlich sind.»), und so war der WARHOL-Artikel die größere Entdeckung, zumal ich am Sonntag gerade ein Suhrkamp-Einführungs-Bändchen über WARHOL gelesen hatte, ANNETTE SPOHN: ANDY WARHOL – LEBEN, WERK, WIRKUNG, das für ein erstes Kennenlernen seinen Zweck erfüllte, aber erschreckend schlampig gearbeitet ist, weit unter Suhrkamp-Niveau. Da schreibt SCHERNIKAU in einer ganz anderen Liga. SCHERNIKAU mag WARHOL, und ich mag, wie SCHERNIKAU über WARHOL schreibt. In kurzen durchnummerierten Abschnitten (was er sich bei SUSAN SONTAG abgeschaut hat?), in kurzen, markanten Sätzen, mit Schärfe, mit Liebe. I. Fragen. II. Zitate. III. Realismus und Abbildtheorie: Affirmation des Bestehenden? IV. Kunst machen heißt sich von Urteilen frei machen. V. Komik und Schönheit und Ikonen für die Zukunft. VI. Verriss von WARHOL-Biographien und -Katalogen. VII. Berühmtheit, die eigene und die der anderen. VIII. Understatement und Lakonik – also noch mal: Komik (Humor). Politik. IX. «Was ein Künstler ohne Revolution macht? Na Kunst.»

Und ENZENSBERGER dichtet. Und schreibt Essays. Und Bücher zur Mathematik, jetzt jüngst erschienen ZWEI MATHEMATISCHE BELUSTIGUNGEN (in der schrecklich teuren edition unseld bei Suhrkamp – 10 Euro für ein winzig schmales Taschenbüchlein von 72 Seiten!, und dann noch mit Spiegel-online-Logo!!), in denen es um die Tücken der Wahrscheinlichkeitsrechnung geht und er wieder mal die großen Namen von LEIBNIZ über FERMAT, GAUSS, RIEMANN bis hin zu GÖDEL anruft. Und das alles, um das Glück in den Griff zu bekommen, das Spielglück und das Liebesglück und also das Lebensglück.
Zu Ehren GÖDELs schrieb ENZENSBERGER auch mal ein hübsches Gedicht, das in dem Band DIE ELIXIERE DER WISSENSCHAFT (Suhrkamp) zu finden ist, die

HOMMAGE À GÖDEL

Münchhausens Theorem, Pferd, Sumpf und Schopf,
ist bezaubernd, aber vergiss nicht:
Münchhausen war ein Lügner.

Gödels Theorem wirkt auf den ersten Blick
etwas unscheinbar, doch bedenk:
Gödel hat recht.

«In jedem genügend reichhaltigen System
lassen sich Sätze formulieren,
die innerhalb des Systems
weder beweis- noch widerlegbar sind,
es sei denn das System
wäre selber inkonsistent.»

Du kannst deine eigene Sprache
in deiner eigenen Sprache beschreiben:
aber nicht ganz.
Du kannst dein eigenes Gehirn
mit deinem eigenen Gehirn erforschen:
aber nicht ganz.
Usw.

Um sich zu rechtfertigen
muss jedes denkbare System
sich transzendieren,
d. h. zerstören.

«Genügend reichhaltig» oder nicht:
Widerspruchsfreiheit
ist eine Mangelerscheinung
oder ein Widerspruch.

(Gewissheit = Inkonsistenz.)

Jeder denkbare Reiter,
also auch Münchhausen,
also auch du bist ein Subsystem
eines genügend reichhaltigen Sumpfes.

Und ein Subsystem dieses Subsystems
ist der eigene Schopf,
dieses Hebezeug
für Reformisten und Lügner.

In jedem genügend reichhaltigen System,
also auch in diesem Sumpf hier,
lassen sich Sätze formlieren,
die innerhalb des Systems
weder beweis- noch widerlegbar sind.

Diese Sätze nimm in die Hand
und zieh!

In der nächsten Woche, am 11. November, feiert HME seinen 80.!

Kommentare

Einen Kommentar schreiben