Montag, 23. Oktober 2017

Jan Philipp Reemtsma, Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit

Reemtsma_Nichtbescheidwissen Stichworte zur hohen Kunst des Bescheidwissens
Der Titel könnte kaum arroganter sein. Ist man durch mit dem Amüsement über die Unaussprechlichkeit, mit der Freude über die Möglichkeiten deutscher Komposita, bleibt kondensiert der Ärger über die Arroganz gegenüber jener „Mehrheit“, der ein elitäres Selbstbewusstsein gegenüber gestellt wird. Im Untertitel noch „Sechs Reden über Literatur und Kunst“ und man weiß: der Ärger ist intendiert; man soll anecken am Eliteanspruch und das ungebildete Näschen hineinstoßen in vermeintliche Suaden allgemeinen Bildungsverfalls. Der Name des Autors jedoch konterkariert gleichzeitig die im Titel manifestierte Überheblichkeit:  Jan Philipp Reemtsma fällt im Allgemeinen nicht durch Arroganz auf, sondern durch kluge zurückhaltende Texte zur Lage deutscher Befindlichkeiten und/oder Literatur. Diese Diskrepanz zwischen Autornamen und Titel prägt den kleinen Band, der zusammengetragen ist aus Reden, die Reemtsma zwischen 1998 und 2004 gehalten hat, und die Bleistiftzeichen am Rand halten sich die Waage zwischen Ausrufezeichen und Fragezeichen (13 Fragezeichen, 11 Ausrufezeichen, wobei das keine ganz korrekte Zählweise ist, da sich auch einige Anstreichungen finden, wo die geneigte Leserin einen Gedankengang interessant fand, ohne offenbar gleich entscheiden zu können, ob sie zustimmen oder kritisch hinterfragen solle.).

Die Fragezeichen beschäftigen sich mit dem eigenartigen Kulturpessimismus, den die Texte summa summarum ausstrahlen, ja es ist beinahe Defätismus, den Reemtsma in Sachen „Kultur“ und insbesondere der Literaturwissenschaften in Anschlag bringt – was umso merkwürdiger aufstößt, als sein Denken und seine Darstellung von Zusammenhängen diesen Pessimismus ad absurdum führen; Reemtsma, will man sagen und ihn an der distinguierten Schulter schütteln, Reemtsma, genau weil du kannst, was du kannst – diese Darstellung komplexer Sachverhalte inklusive einer daraus ableitbaren und formulierbaren Weltanschauung inklusive ihrer kritischen Hinterfragung,  alles elegant formuliert im gleichen Text – genau das ist es doch, die kulturelle, gesellschaftliche, politische Leistung der Literatur- und Geisteswissenschaften, deren scheinbar ortloses Mäandern in einer brutal sich der Alltagskultur zugewendet habenden Gesellschaft du so defätistisch konstatierst.

Das erste Fragezeichen: „Es gäbe keine plausible Begründung, warum eine Gesellschaft einen Teil ihres Steueraufkommens darauf verwenden sollte, Literaturwissenschaftler zu bezahlen. Aber Vorsicht! „Gäbe“ habe ich gesagt, es gibt sie ja. Und darin liegt ihre Rechtfertigung. Vor dem „Forum der Vernunft“ kann sie nicht bestehen, aber es gibt sie schon so lange, daß sie durch diese bloße Dauer als eine gesellschaftliche Praxis ausgewiesen ist, die einem dauerhaften Bedürfnis nachkommt.“

Warum, herrje, sollte denn die schiere empirische Existenz ein Beweis für die Daseinsberechtigung der Literaturwissenschaft an sich sein? Wie schnell sich Disziplinen absägen oder zu anderen Disziplinen umschmelzen lassen, kann man seit einigen Jahren an den Universitäten verfolgen (dagegen argumentierte Reemtsma vermutlich mit der großen Anzahl der Literaturwissenschaftsstudenten, die in dieser Fülle allein die „plausible Begründung“ für die immer noch währende Existenz ihres Faches darstellten). Was immer das „Forum der Vernunft“ sein mag – meine Bildung reicht hier nicht aus –, es wäre jedenfalls die Bankrotterklärung der Literaturwissenschaft, müsste sie sich allein auf ihr ehrwürdiges Alter und ihre ungebrochene Attraktivität bei den Studierenden berufen, um ihr Dasein zu rechtfertigen.

Erstes Ausrufezeichen: „Das Moment des Elitären erlaubt es speziell der literarischen Bildung, die ja, anders als Musik und bildende Kunst, Schwierigkeiten hat, Repräsentationsfunktionen zu übernehmen, als Standesprivileg aufzutreten. Hierbei genügt es, wenn die literarische Bildung hoch im Kurs steht, sie muss nicht tatsächlich vorhanden sein – schließlich war das sogenannte Bildungsbürgertum stets mehr Mythos als Realität“.

Eine Erfahrung, die jeder machen kann, der sich ein nur halbwegs gefülltes Bücherregal verschafft hat. Unglaublich, wie das beeindruckt, und zwar jeden, der oder die Betreffende mag gerne lesen oder nicht! So viele Bücher! Hast du die alle gelesen! Jedes Mal ist man fasziniert von der Wirkung, die bloße Buchrücken ausstrahlen, in den ach so bildungsfernen Zeiten, eine Wirkung, der sich kaum jemand zu entziehen vermag und die damit wie automatisch die Übergabe der Deutungshoheit zur Folge hat: wer so viele Bücher besitzt und womöglich gelesen hat, muss Ahnung haben, muss interpretieren können, muss ein formulierbares Weltverständnis besitzen. Ein Punkt für die Literaturwissenschaft, hier verstanden als in Hardcover und Taschenbuch oszillierendes Bildungskapital; als, im weiteren Sinn, Hüterin und Deuterin von Texten.

Noch ein Ausrufezeichen: „Es ist diese Binnenbezüglichkeit, die Kunst als Kommunikationsmittel untauglich macht. Man kann nicht mit ihr, sondern nur über sie kommunizieren. Diese Untauglichkeit als Kommunikationsmittel ist aber die Voraussetzung für ihre Tauglichkeit als Symbol beziehungsweise ihre Rolle im Vorgang der Beobachtung zweiter Ordnung.“  Kunst bzw. Literatur, ist per se kein Kommunikationsmittel und lässt sich nicht instrumentell zur allgemeinen Gesellschaftsverbesserung vereinnahmen – es bedarf der Symbolisierungsfähigkeit, sich darüber austauschen zu können, und „symbolisierungsfähig zu sein bedeutet, etwas sehen zu könne, was man nicht sieht – soll heißen, sich beim Beobachten zu beobachten.“
Über Symbole zu kommunizieren ist jedoch nicht nur eine Technik, die man beherrschen muss, man muss es auch individuell aushalten können, Infinitive durch Konjunktive zu ersetzen. Sonst bleibt nur die «totale Wirklichkeit», die Reemtsma in der Welt des Reality-TVs identifiziert.
Aber war heißt das genau? Die persönliche Erfahrungsschatztruhe steuert folgendes Beispiel bei: Ein exklusives Diner im Museum für Moderne Kunst einer deutschen Großstadt. Beim Beginn einer scherzhaften Auseinandersetzung über Anna Karenina sagt eine Teilnehmerin pikiert: „Ach, jetzt wird wieder interpretiert“ und wendet sich rasch den Gesprächspartnern auf der anderen Seite des Tisches zu. Nicht nur ihre Unfähigkeit sich einer kleinen, wohlgemerkt scherzhaften Debatte über das Buch zu stellen, war überraschend, sondern vor allem das „wieder“ in ihrem Satz. Es war dieses „Wieder“, was ihr in erster Linie Angst zu machen schien, so als müsse sie, Gattin eines vermögenden Wirtschaftskapitäns, permanent auf der Hut sein vor Literaturinterpreten, vor dem Kommunizieren über Symbolen. Die Angst vor dem „Zerreden“ von Werken ist weit verbreitet, und auch wenn sie einem selbst unbegründet erscheinen mag – als wäre es nicht eine Lust an Literatur und ihrer Interpretation, sich darüber tot reden zu können, dabei auch zu den abenteuerlichsten, beglückendsten und widersprüchlichsten Ergebnissen kommen mag, ohne dem jeweils vorliegenden Text auch nur ein Härchen krümmen zu können – , muss man sie tolerieren: wer nicht will, der muss nicht. Faszinierender dabei ist jedoch diese Angst vor der Interpretation, sich „wieder“ einer Kontroverse stellen zu müssen. Das ist vergleichbar der Wut, die bei provokanten Bühneninszenierungen zum Ausdruck kommt, ohne dass die Betreffenden zumeist in der Lage wären, das zu benennen, was sie so erregt.

Reemtsma schreibt (nächstes Ausrufezeichen, nächstes Fragezeichen): „Wer Shakespeares „Rosenkriege“ nicht kennt und also auch nicht beurteilen kann, was an „Schlachten“ (als Textvorlage und als Inszenierung) ge- und mißglückt ist, für den ist die Inszenierung Klamauk und Dekoration, die man genießen mag oder nicht, aber was sich bei derlei Genuß einstellt, ist die Unmittelbarkeit des „also ich fand`s jedenfalls toll“, das Sich-Entziehen der bewertenden Kontroverse mit dem beleidigten „ich kann doch wohl meine Meinung haben!“. Wo Kunst in dieser oder in der Art und Weise der „Installationen“, die man betritt und in denen man sich irgendwie fühlt, unmittelbar wird, wird sie Teil der großen Dekoration, in der sich die Gesellschaft selbst begegnet.“
Reemtsma beruft sich hier auf die notwendige Kenntnis einer Tradition, auf ein Bildungsgut, Shakespeares Rosenkriege, ohne die der kühne Textentwurf Luc Percevals und Tom Lanoyes nicht „verständlich“ wäre; er geht also von einem hermeneutischen Textverständnis aus, das Shakespeare und Perceval/Lanoye nebeneinander legt und die Übersetzung ins Heute bewertet.
Damit fährt man sicherlich nicht falsch, aber ist nicht entscheidender, dass man sich die Fähigkeit antrainiert, dem Unverständlichen zu begegnen, vielleicht sogar es sich einzuverleiben, sich ihm auszusetzen und sich daran abzuarbeiten? Die „bewertende Kontroverse“, die Reemtsma einfordert, müsste selbstverständlich über reine Gusto-Bezeugungen bzw. das bekannte, beleidigte und von ihm auch prompt persiflierte „ich kann doch wohl meine Meinung haben“, womit man bekanntlich jeden Meinungsaustausch im Keim erstickt, hinausgehen – aber muss es zwangsläufig über den Text gehen?
Literatur als „Bildung“ verstanden, wie Reemtsma es implizit und explizit im ganzen Buch tut, verlangt natürlich eine solche Auseinandersetzung, doch kann eine Inszenierung auch Anstöße geben, die darüber hinausgehen bzw. in andere Richtungen weisen – soziale Verhältnisse aufzeigen zum Beispiel, oder inspirierte Vergleiche mit anderen Inszenierungen provozieren oder auch nur die Lust an einer bestimmten Sprache und Diktion (die persönliche Erfahrungsschatzkiste: ich kannte die Rosenkriege nicht, als ich Schlachten sah, wusste nur, dass halt Shakespeare die Vorlage war, und war berauscht von der ordinären Umgangssprache, der Sprach-Orgie, die auf der Bühne stattfand, die Konflikte, die in heutige Fäuste und Schreiereien offensichtlich einfach so übertragen werden konnten, die Lebendigkeit, die der Krawall auf der Bühne evozierte und die eigene Begeisterung darüber, dass „das“ mit Shakespeare möglich war – Anreiz und Lust, irgendwann wieder in den Text zurückzugehen und sich vorzustellen, wie dieser immer noch auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses toben konnte; Klamauk ja, aber auch zumindest die Ahnung einer historischen Konsistenz: das geht immer noch – und wie!)

In der immer wieder aufgegriffenen Frage nach der Legitimität der Literaturwissenschaften, scheint Reemtsma seinen Defätismus als Vertreter eines im Hinscheiden begriffenen Orchideenfaches mit Bildungskonservatismus ausgleichen zu wollen; hier steht ein Ausrufezeichen neben mehreren Fragezeichen, wenn er die Regeln des richtigen, d.h. bei ihm: hermeneutischen Interpretierens verhandelt: „Die jeweilige Deutung muß an andere Partien des Einzelwerks anschließbar sein, im Kontext des Gesamtwerks verortet werden, mit der aus dem Gesamtwerk extrapolierten Gestalt des Autors harmonieren, im historischen Entstehungskontext einen kommunikativen Sinn ergeben. Das ist das eine. Dazu kommt, daß diese Ansprüche an die Interpretation die Ansprüche an den Interpreten steigern, und zwar hinsichtlich seiner Bildung. Es ist legitim, eine noch so originelle Interpretation eines ausweislich seiner Argumentation ungebildeten Interpreten nicht ernstzunehmen. Es gibt keine gelungenen Deutungen, die Zufallstreffer sind, weil Interpretationen keine Entdeckungen sind, sondern Bestandteile einer kontinuierlichen Kommunikation. Wer an der Kommunikation über literarische Texte teilnimmt, übernimmt die Aufgabe, seine Teilnehmerqualifikation nachzuweisen. Das gelingt nicht ausnahmsweise. Mitglieder einer kulturellen Elite müssen sich nur darum kümmern, nicht darum, ob jemand, der diese Qualifikation nicht besitzt, ein interessanter Mitsprecher wäre, besäße er sie.“

Dieser elitäre Konservatismus hat in einem Punkt recht, in dem sich Literaturwissenschaftler tatsächlich viel vehementer verteidigen müssten – wer glaubt, „Literatur“ könne irgendwie jeder und Literaturwissenschaft sei ein „Laberfach“, der darf schlicht nicht mitreden bzw. könnte man ihm, bei generöser Stimmungslage, eine elegante kleine Textinterpretation vorführen, deren Fäden, das wäre der Idealfall, direkt in die Wirklichkeit der dergestalt Streitenden hineinführten. Literaturwissenschaft kann nicht jeder und Leuten, die nach zwei Semestern immer noch mit ihrem individuellen, ureigensten Lesegefühl o.ä. argumentieren, sollte ein Studienfachwechsel nahe gelegt werden  – woran allerdings Literaturwissenschaftler kranken, ist, tatsächlich Erklärungen für ihr Tun bereit zu stellen. Dass Reemtsma das hier darauf beschränkt, als Literaturwissenschaftler bzw. Textinterpret lediglich mit einer bildungsgesättigten „Teilnehmerqualifikation“ herumzuwedeln, ist deprimierend und unsinnig: einen Ausschlussmechanismus einzig und allein über den richtigen Code zu definieren, in dem man sich verständigen muss, um als Teilnehmer einer fachspezifischen Diskussion zugelassen zu werden, erfindet den Elfenbeinturm, von dem es doch zumindest einige Stockwerke einzureißen gälte, noch einmal neu. Eine Interpretation kann sehr wohl gelingen, auch wenn man vielleicht das notwendige Vokabular nicht kennt, Bedingung ist allerdings eine Ausbildung, die sich nicht auf das Errichten von Zugangssperren spezialisiert, sondern vielmehr das Elitäre ihres Inhalts evident macht: in einer wachen und regen Teilnahme an der Welt, in schlüssigen und in ihrem sprachlichen Duktus auch fachfremden Lesern zugänglichen Interpretationen eben dieser Welt. Denn Literaturwissenschaft ist zwar eine Wissenschaft von der Literatur, doch ist sie, wie alle Geisteswissenschaften, auch eine Wissenschaft von der Gesellschaft, der Geschichte, der Wahrnehmung, dem Denken und dem Sprechen.

Und zuletzt, wiederum mit Frage- und Ausrufezeichen versehen: „Wer Kunst lieben will, muß auch verstehen, daß das nicht gelingen kann, wenn er oder sie nur wenige Werke kennt. Liebe zur Kunst ist promiskuitiv. Wer nicht viele liebt, liebt keine. Wer nur einen Stil mag, versteht auch diesen nicht.“

Nun ja, nichts anstrengender als  Zeitgenossen, die einen Schriftsteller, einen Maler, eine Architektur für sich entdeckt haben und nichts anderes daneben gelten lassen wollen – aber das ist ja eine Minderheit. Verwunderlicher ist hier, was Reemtsma wohl mit „viele“ meint. Ab welcher Anzahl Lieblingsbücher, Lieblingsbilder, Lieblingskompositionen ist man denn befugt einzutreten in die Heiligen Hallen der Wahren Liebe? 10? 50? 500? Hier kommt das implizite „man muss halt was davon verstehen“, das als leiser, aber unangenehmer Diskant die klugen Texte durchzieht, wieder zum Vorschein. Ist es nicht schon viel, dass man liebt – und die Bereitschaft zeigt, sich über diese Liebe auseinanderzusetzen?

Jan Philipp Reemtsma, Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit. Sechs Reden über Literatur und Kunst  (C.H. Beck 2005)

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