Montag, 11. Dezember 2017

Marilynne Robinson, Housekeeping

Housekeeping Die Erste und die Zweite Poetische Moral
Wie kommt es, dass ein Buch wie „Housekeeping“ zu den „100 Greatest Novels of all times“ gewählt werden konnte? Bei aller Skepsis, die bei solch kanonischen Hitparaden angebracht ist, hat es damit fraglos eine große euphorische Leserschaft passiert. Und das, obwohl fast nichts geschieht: Erzählerin ist Ruth, kleine Schwester von Lucille, mit der sie nach dem Selbstmord ihrer Mutter Helen zur Großmutter nach Fingerbone kommt, ein kleiner Ort in Montana, USA. Als die Großmutter bald darauf stirbt, übernimmt Sylvie, die jüngere Schwester Helens, das „Housekeeping“.

Sylvie ist eine etwas eigenartige Person, die, in einen übergroßen Regenmantel gehüllt, gerne Nachtwanderungen unternimmt, manchmal tagelang nicht zu sehen ist, Schwänzen als normale jugendliche Tätigkeit ansieht und sich einigermaßen unorthodox um den Haushalt kümmert. Lucille, entschlossen, so zu werden wie die coolen Mädchen in ihrer Klasse, zieht aus und zu einer wohlmeinenden Lehrerin, während Ruth, seelenverwandt mit Sylvie, bleibt und am Ende des Buches mit Sylvie auf eine endlose Walz geht: „At first our trail was intricate so that we would elude discovery, and then it was intricate because we had no particular reason to go to one town rather than another, and no particular reason to stay anywhere, or to leave.“

Diese ziellose, mäandernde Bewegung kennzeichnet auch die Lektüre, die man sich im Nachhinein nur durch die Beantwortung der Frage zu rechtfertigen weiß, was wohl die Faszination dieses inhaltsleeren Mäanderns ausmacht. Weder erfährt man, warum sich Ruth` Mutter umgebracht hat, noch woher Sylvie eigentlich plötzlich auftaucht –  ein auf Enthüllung eines schwelenden familiären Dramas angelegtes Lesen wird rigoros enttäuscht.

Das wäre nicht schlimm, sind doch die besten Romane oft dadurch ausgezeichnet, dass man sich schwer mit Inhaltsangaben tut – hier ist das Problem jedoch ein anderes. Denn was bleibt, wenn man den zu vernachlässigenden Inhalt subtrahiert, ist die „Poesie“: d.h. die geblümte Ausrede jeder Rezension, wenn es ein Faszinosum zu beschreiben gilt, dem man anders nicht habhaft zu werden können glaubt. «Poetisch» – im Sinne eines nicht weiter zu definierenden atmosphärisch Besonderen -  geht es allemal zu beim Housekeeping: Sylvie sammelt zum Beispiel alte Zeitungen, die bald riesige Wälle in der Diele bilden, sie schläft mit Schuhen im Bett und vermeint, auf einer nicht weit entfernten Insel unsichtbare Kinder zu hören, die zu sehen sie schließlich Ruth in einem geklauten Boot mitnimmt. Auch Ruth und Lucille sind wohl pubertär-poetisch, wie sie in ihr zielloses Waisendasein hinein aufwachsen, die Schule schwänzen und den ganzen Tag am See zu bringen, frierend, mädchenhaft und heimatlos. Als Erste Poetische Moral scheint das Buch damit die träumerische Ereignislosigkeit und Traurigkeit eines kleinen Dorfes exemplifizieren zu wollen, die träumerische Ereignislosigkeit und Traurigkeit des Lebens zweier junger Mädchen auf der Suche nach sich selbst, und die träumerische Kindlichkeit, mit der Sylvie sie trotz allem in der Dämmerung erwartet, Toast bereitet, Eier aufschlägt.

Dieses „trotz allem“ stellt die Zweite Poetische Moral des Buches dar, gegen die sich ein moralinempfindliches Lesergemüt noch etwas mehr wehrt, als gegen die erste. Denn hier geht es augenscheinlich darum, dass man auch dann eine gute Mutter sein, auch dann korrektes „Housekeeping“ betreiben kann, wenn man nicht den klassischen Normen der Haushaltsführung entspricht. Ähnlich wie der 2005 erschienene Bestseller The Glass Castle von Jeannette Walls, in dem das von Entbehrungen gekennzeichnete, aber ungebrochen liebevolle Zusammenleben einer Landstreicherfamilie geschildert wird, beschreibt auch Housekeeping ein Alternativmodell zur traditionell-konservativen Kinderaufzucht. Das hätte alles sein können: zärtlich, unterhaltsam, ironisch, böse – doch in ihrer Eigenschaft als Zweite Poetische Moral bekommen Sylvies unorthodoxe Methoden ein unangemessenes und die Geschichte letztlich überbordendes Gewicht. Ist es denn tatsächlich so spektakulär, ohne Mann und Erziehungsprogramm zwei pubertäre Mädchen aufzuziehen, so dass diese Tatsache allein ein ganzes Buch tragen kann; ist es denn so große stille Ausrufezeichen wert, dass eine Erziehungsberechtigte sich nicht verhält und nicht aussieht wie eine Erziehungsberechtigte und dennoch ein liebevoller, verspielter Mensch sein kann, der durchaus vermag, Identifikationsfigur zu sein?

Das ist es, was das Buch in seinen vielen an Dämmerung und Raureif reichen Beschreibungen erzählen will, die deswegen kaum eines rahmenden Plots bedürfen – womit das unbehagliche Herauslesen einer Ersten und Zweiten Poetischen Moral vielleicht schlicht einem nicht-amerikanischen Leserinnenhintergrund geschuldet sind, dem man Familie und Pubertät mit mehr Geschichten und weniger Poesie erklären muss.

Marilynne Robertson, Housekeeping (Farrar, Straus&Giroux, 1980)

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