Montag, 23. Oktober 2017

Claudia Piñeiro, Elena weiß Bescheid

elena-weiss-bescheid-75Die Körper der Frauen
Elena sitzt am Küchentisch und wartet. Endlich wirkt die Tablette und sie kann aufstehen. Sie hebt den rechten Fuß ein paar Zentimeter hoch, bewegt ihn am linken vorbei und setzt ihn wieder ab. Dasselbe wiederholt sie mit dem linken Fuß. Sie hat eine lange Reise vor sich, sie muss zum Bahnhof laufen, den Zug nehmen und das Haus finden, in dem Isabel wohnt. Vor zwanzig Jahren hat sie sie zum letzten Mal gesehen; heute soll sie ihr helfen, herauszufinden, wer ihre Tochter ermordet hat. Denn Elena ist überzeugt, dass Rita sich nicht selbst umbrachte.

Das ist die Geschichte im Vordergrund. Doch eigentlich wird die Geschichte dreier Körper erzählt: die des kranken Körpers von Elena, die unter Parkinson leidet, die des Körpers von Rita, dem «Mauerblümchen», der in einem Alter eine erste Liebschaft erfuhr, «in dem Elena bereits Witwe gewesen war», und die des Körpers von Isabel, die von Rita an einer Abtreibung gehindert wurde und daraufhin ein Kind bekam, das sie nie gewollt hat.

Es wird auch die Geschichte dreier Frauen erzählt, die an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen: Elena muss akzeptieren, dass ihr Körper seine Benutzbarkeit verliert. Sie kann nicht mehr alleine essen, sich waschen, sich an- und ausziehen; ohne Tabletten kann sie nicht gehen, da ihre Beine ihr nicht mehr gehorchen. Sie kann den Kopf nicht mehr heben, muss immer auf den Boden schauen; ein selbstbestimmtes Leben wird unmöglich.

Rita bricht unter der Belastung der Pflege zusammen: Sie sieht ihre Mutter morgens «ohne Gebiss» und «mit ausdruckslosen Augen», sie sitzt ihrer Mutter bei den Mahlzeiten gegenüber und sieht deren «offenen Mund voll zähem Speichel, der sich mit dem Essen mischt, ein widerlicher Brei», sie muss der Mutter abends das Gebiss aus dem Mund nehmen, sie wird von der Mutter nachts geweckt, weil diese aufs Klo muss, sie legt sie wieder ins Bett, schiebt ihren Körper zurecht, sieht die Schnurrbarthaare Elenas, «die wie Drähte aus der Haut über deiner Oberlippe wachsen», riecht den Uringeruch von Elenas Körper, «der nie ganz verschwindet, weil er zu dir gehört». «Ich höre dich atmen,» sagt Rita zu ihrer Mutter, «mühsam, röchelnd, ich mache deine Nachttischlampe aus und stoße dabei wieder auf deine Zähne, die ich selbst ins Glas gelegt habe, auf meine Hände, ich sehe sie mir an, wische sie mir ab, rieche daran, sie riechen nach dir.»

Und schließlich Isabel, die sich gerade vor dem Haus einer Frau, die Abtreibungen vornimmt, übergeben muss, als Rita zufällig vorbeikommt. Sie wird ausgerechnet von Rita, von der man annahm, sie sei keine «richtige» Frau, bis eine Untersuchung hervorbrachte, dass sie einen Uterus besitzt, an einer Abtreibung gehindert. Zwanzig Jahre später, als Elena sie im Glauben aufsucht, Isabel sei ihr und Rita nun dankbar dafür, dass sie dazu gezwungen wurde, das Kind zu bekommen, klärt Isabel die Parkinsonkranke über den wahren Sachverhalt auf: Sie wurde von ihrem Mann, der eigentlich schwul ist, so lange vergewaltigt, bis sie schwanger wurde. Nachdem sie von Elena und Rita nach Hause gebracht worden war, passten ihr Mann, dessen Partner und eine Krankenschwester während der ganzen Schwangerschaft auf sie auf, damit sie sich nichts antat. Sie durfte über ihren Körper nicht selbst verfügen.

Claudia Piñeiro zeichnet ein komplexes Bild von der Gewalt, die den weiblichen Körpern in diesem Buch angetan wird, einem schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnis und der grandiosen Fähigkeit zum Selbstbetrug. Elena, die überzeugt ist, dass Rita ermodert wurde, da diese aus Aberglauben niemals bei Regen in die Kirche gegangen ist (wo sie sich im Glockenstuhl erhängte), muss erkennen, dass sie es war, die ihre Tochter in den Tod getrieben hat. Exemplarisch am kranken Körper Elenas wird das Dilemma der wohlhabenden Gesellschaften durchgespielt, in denen die Menschen immer älter werden und unter Umständen jahrelange Pflege benötigen. Die psychische Belastung der Angehörigen, die einen Kranken pflegen, könnte nicht eindringlicher dargestellt werden als in diesem Buch. Dieses Thema findet sich noch viel zu selten in der Literatur.

«Elena weiß Bescheid» zieht einen von Anfang an in seinen Bann. Man muss das Buch in einem Zug lesen, es ist spannend wie ein Kriminalroman und eröffnet dem Leser und der Leserin die Körpererfahrung einer Parkinsonkranken und die der Pflegerin. Claudia Piñeiro umschifft gekonnt alle Klischees und beendet ihren Roman ohne Trost und ohne Glauben an Gott. Doch das Ende ist versöhnlich. Es kann versöhnlich sein, weil Elena bereit ist, sich nicht länger selbst zu belügen.

Claudia Piñeiro, Elena weiß Bescheid, Unionsverlag 2009 (Original: «Elena sabe», Buenos Aires 2007)

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