Montag, 11. Dezember 2017

Das monopolisierte Gewissen

Ein Plädoyer für den in seinen Entscheidungen freien Menschen 
In der heutigen NZZ kritisiert Hanspeter Mettler unter dem Decknamen «met.» die Abschaffung der Gewissensprüfung für Zivildienstleistende in der Schweiz. Seit April 2009 muss man die Entscheidung für den Zivildienst nicht mehr mit dem Gewissen begründen, sondern heute «genügt es eben, wenn der Gesuchsteller am PC ein Formular herunterlädt, es ausfüllt und unterzeichnet einsendet». Mettler moniert, dass man sich dank dieses Vorgehens nicht mit der Gewissensfrage auseinandersetzen müsse, und er fordert eine «Erklärung in qualifizierter Schriftlichkeit», um sich klarzumachen, was «eine Lüge, ja ein falscher Eid bedeutet». Besonders diejenigen sind ihm ein Dorn im Auge, die ein Gesuch für den Zivildienst einreichen, obwohl sie schon den Dienst an der Waffe angetreten haben. Mettler unterstellt diesen Soldaten in Ausbildung, sie seien von einem «Sonntagswachdienst, einer körperlichen Strapaze, Nässe und Kälte» angekäst und wollten deswegen wechseln – als gebe es im Zivildienst keine Wochenendeinsätze, keine Stresssituationen und keine körperlich harte Arbeit. Er fragt außerdem: «Was aber hat es mit dem Gewissen zu tun, wenn ein Armeeangehöriger während des Dienstes ein Gesuch einreicht, weil er (…) ganz einfach ‹etwas Sinnvolleres› tun will?»

Es hat mehr mit dem Gewissen zu tun, als Herr Mettler ahnen mag. Das Wort «Gewissen» ist eine Lehnübersetzung des lateinischen Wortes «conscientia» («Mitwissen, Bewusstsein, Gewissen»), das seinerseits Lehnübersetzung des griechischen Wortes «syneídesis» ist, so das Herkunftswörterbuch des Duden. Unser europäischer Gewissensbegriff, so das Nachschlagewerk weiter, ist zuerst in Griechenland entwickelt worden: «Griech. syneídesis beruht auf der Vorstellung, dass es für jedes sittlich schlechte Verhalten gegenüber Menschen oder Göttern einen Zeugen, nämlich das innere ‹Mitwissen›, gibt.» Wenn also ein Rekrut «ganz einfach etwas Sinnvolleres» tun will, als die Grundausbildung über sich ergehen zu lassen, weil er vielleicht zum Schluss kommt, dass er im Zivildienst besser aufgehoben ist – dann handelt er so, dass er sich selbst keines sittlich schlechten Verhaltens bezichtigen muss. Ich verstehe den Ausdruck «sittlich schlecht» hier im Sinne von «moralisch schlecht» und Moral im Sinne einer Gesamtheit von Regeln, nach denen sich das ethische Leben einer Gemeinschaft bestimmt. Der gewissenhafte Mensch strebt danach, nicht zerrissen zu sein, sondern erfüllt. Das Gewissen aber ist nicht einfach da. Es bildet sich in der Auseinandersetzung mit dem Verhalten anderer Menschen.

Interessant ist das Monopol, das auf dem Gewissen liegt. Warum muss ein Wehrdienstverweigerer sich auf sein Gewissen berufen, wenn er nicht bereit ist, sich dazu ausbilden zu lassen, andere Menschen umzubringen? Warum wird nicht von einem angehenden Soldaten eine Gewissensprüfung verlangt? Unterstellt das, dass sich Soldaten nicht auf ihr Gewissen berufen können, weil sie gewissenlos sind? Haben nur diejenigen ein Gewissen, die Gewalt (auch mögliche Gewalt) nicht mit ihren ethischen Grundsätzen vereinbaren können? Das wären Fragen, denen sich Herr Mettler mit mehr Gewinn hätte widmen können, statt der Gewissensprüfung nachzuweinen und unterschwellig Armeeangehörigen, die aussteigen wollen, zu unterstellen, sie täten es aus Bequemlichkeit. Die Unterüberschrift seines Kommentars, «Missbrauchsanfälliger Zivildienst», zeugt deutlich genug von dieser Geisteshaltung. Dies ist jedoch ein Irrtum, denn ein Zivildienstleistender, der seine Arbeit ordentlich verrichtet, missbraucht die Institution Zivildienst nicht – unabhängig von seinen Beweggründen.

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