Montag, 11. Dezember 2017

J. Adler-Olson, D. Winslow, H. Nesser, M. Wieninger

nesserwieningerWinslowadler-olsen-ErbarmenDrei Empfehlungen
Man kann gar nicht anders, als Jussi Adler-Olsens Krimi «Erbarmen» in einem Rutsch durchzulesen. Ähnlich ergeht es einem mit Don Winslows Surfer-Krimi «Pacific Private», dem zweiten Roman, der in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschien (über «Frankie Machine» ist schon berichtet worden). Manfred Wieninger legt mit «Rostige Flügel» einen weiteren Marek-Miert-Krimi vor, der sozialkritischer Lesegenuss ist, sobald man sich an den Dauerbeschuss mit markigen Sprüchen gewöhnt hat. Einzig Håkan Nessers Krimi «Die Frau mit dem Muttermal», auf dem Cover mit «ausgezeichnet mit dem Schwedischen Krimipreis» beworben, sticht durch seine Durchschnittlichkeit aus dieser Reihe heraus.

Nicht-Krimi-Leser mögen die Stirn runzeln über die Wichtigkeit, die Krimi-Leser der Spannung einer Handlung zumessen. Spannung zu erzeugen ist jedoch eine hohe Kunst. Das Kriterium «Spannung» hat es als Qualitätsmerkmal schwer, seitdem Autoren wie Simon Beckett oder John Katzenbach es allein wegen ihr in den Bestsellerlisten nach ganz oben schaffen. Jussi Adler-Olsen bricht mit seinem 2008 auf Dänisch im Original erschienenen Kriminalroman «Erbarmen» zur Ehrenrettung der Spannungsliteratur auf. Die Buchhändlerin versicherte mir auf mein verzweifeltes Kramen im Krimiregal hin, dass ich bei Weitem nicht die Erste sei, die nach weiteren Büchern des Autors suche. Leider gibt es laut Verlagsangaben erst im September 2010 mit dem Krimi «Schändung» Nachschub.

Carl Mørck, neu ernannter Leiter des Sonderdezernats Q, das gegründet wurde, um ungelöste Fälle wieder aufzurollen und das Image der Polizei und des Innenministeriums aufzupolieren, hat nach seiner Genesung sein neues Büro im Keller des Polizeipräsidiums bezogen. Die Kollegen sind froh, dass er weggepackt wurde, gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihm aufgrund seiner eigenwilligen Persönlichkeit schwierig. Nachdem Mørck bei einem misslungenen Einsatz als Einziger mit weniger schlimmen Verletzungen davon kam (sein engster Kollege liegt vom Hals abwärts gelähmt im Krankenhaus und bittet ihn, ihm beim Selbstmord zu helfen) und unter Panikattacken leidet, hat er das Interesse an der Arbeit verloren. Sein Mitarbeiter Assad, eigentlich angestellt für das Putzen des Büros und einfache Arbeiten, entpuppt sich jedoch als vielseitig begabter Ermittler, der Mørck nach und nach für einen alten Fall begeistern kann: Das Verschwinden der jungen, attraktiven, intelligenten und prominenten Parlamentarierin Merete Lynggaards 2002. Fünf Jahre später machen sich die beiden ungleichen Ermittler daran, den Fall aufzuklären. Dass es nicht nur einen Fall aufzuklären, sondern ein Menschenleben zu retten gibt, weiß der Leser lange vor den beiden.

Der Roman beginnt mit der Schilderung einer Verliesszene: Eine Frau wird gefangen gehalten. Die Kidnapper haben ein Motiv, aus dem sie die Berechtigung ziehen zu dürfen glauben, die Frau jahrelang zu quälen. Zwischen die Ermittlungen werden immer wieder Lageberichte aus dem Gefängnis eingeblendet. Die Spannungskurve wird dadurch pointiert und facettenreich immer steiler konstruiert. Der Fall macht aus Mørck, dem zynischen, eigenwilligen und erfahrenen Polizisten, und Assad, dem mit einer dunklen Vergangenheit und einer raschen Auffassungsgabe versehenen Assistenten Mørcks mit hilfreichen Kontakten zur Unterwelt, ein Ermittlerteam. Adler-Olsens Roman ist auch in sprachlicher Hinsicht keine Enttäuschung. Zwar ist die Literarizität deutlich weniger ausgebildet als etwa bei den Krimis Leonardo Paduras, der Text zeigt seine sprachlichen Qualitäten dafür in der differenzierten Schilderung von Charakteren und Szenarien. Also: Eine unbedingte Leseempfehlung – lasst euch nicht vom einfallslosen Buchtrailer von dtv abschrecken (hier)!

Don Winslows Kriminalroman «Pacific Private», 2008 im Original erschienen, spielt wie sein Vorgänger «Frankie Machine» im Surfermilieu Kaliforniens. Boone Daniels, Ex-Polizist, Surfer, jung und gut aussehend, will den Auftrag der attraktiven Anwältin eigentlich nicht annehmen: eine untergetauchte Nachtclubtänzerin zu finden, die vor Gericht aussagen soll. Er will auf die größte Welle warten, die auf die Küste zurollt. Da er aber finanzielle Probleme hat, lässt er sich breitschlagen und macht sich, mit der Anwältin im Schlepptau, an die Arbeit. Schnell merkt er, dass er an einem heiklen Fall dran ist, denn schon bald geschieht ein Mord und er erhält von Red Eddie, der sein Geld mit Haschischimport und, wie sich später herausstellt, mit Mädchenhandel verdient, den Rat, die Hände von dem Fall zu lassen. Denn der Nachtclubbesitzer, gegen den vor Gericht ausgesagt werden soll, schuldet Eddie Geld. Doch Boone hat Regeln, an die er sich hält, und dazu gehört, dass man die Augen bei einem Mord nicht zudrücken kann. Daher kann er seinem Freund Eddie nicht entgegenkommen. Der Fall schlägt immer höhere Wellen (man verzeihe mir die Metapher) und endet in einem großen Showdown.

Anfangs nerven die Spitznamen und die Slangausdrücke, derer sich alle reichlich bedienen. Die Surfertruppe, die «Dawn Patrol», setzt sich zusammen aus Boone, Hang Twelve, Dave the Love God, Johnny Banzai, High Tide und Sunny Day. Wie die Leute zu ihren Namen kamen, wird ausgiebig beschrieben, was nicht unbedingt interessant ist, dem Roman aber eine gewisse Einzigartigkeit verleiht. (Immerhin gibt es nicht viele Krimis, die im Surfermilieu spielen, und auch wenn man von sich nicht denkt, dass man dieses Thema spannend finden könnte, lernt man mit Gewinn einiges über Surftechniken und Wellen, was eigentlich interessanter ist als die in anderen Krimis verwendeten Schauplätze.) Auch findet man es anfangs affig, wenn der eine den anderen «Bruddah» nennt, und bei Sätzen wie «Galaktisch krasse Freakwaves, klassischer Fall von hammerhart» möchte man das Buch eigentlich zuklappen. Wenn man dennoch weiter liest, kommt man bald über den Lokalkolorit hinaus und wird mit einem wirklich spannenden Krimi belohnt, der das Thema Mädchenhandel zur Sprache bringt und moralische Prüfungen für alle Beteiligten bereithält.

Manfred Wieninger, der bisher von mir noch nicht gewürdigt wurde, und das völlig zu Unrecht, hat mit «Rostige Flügel» einen sozialkritischen Krimi geschrieben, der um die markige Persönlichkeit des Marek Miert, erfolgloser Diskontdetektiv, dessen stärkste Waffe sein Humor ist, konstruiert ist. Wie schon in «Der Engel der letzten Stunde» überzeugt der Autor durch seine treffenden Milieubeschreibungen, diesmal der österreichischen Landeshauptstadt Harland. Miert kommt vom Regen in die Traufe: Zuerst erhält er von einer dubiosen Dame den Auftrag, den Buchhändler Hermann Frischauf zu beschatten, und folgt dessen lindgrünem Ford Fiesta in ein menschenleeres Augebiet. Dort gibt er vor, Schneeglöckchen zu pflücken, als der Buchhändler seinen Beschatter bemerkt. Die beiden kommen ins Gespräch, und Miert erfährt, dass sie sich auf dem Gelände eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers befinden, das nach offiziellen Harlander Verlautbarungen nie existiert hat.

Zu diesem Beschattungsauftrag kommt die Privatfehde hinzu, die zwischen Miert und seinem ehemaligen Vorgesetzten bei der Polizei, Oberleutnant Gabloner, entfacht. Gabloner will ihn als Spitzel einsetzen, um ein ukrainisches Mafianetzwerk aufzudecken. Zum Zweck des Weichkochens wird Miert eine Nacht in eine finstere, stinkende Kellerzelle gesteckt, in der er Dr. Ahmed Basa Najibullah Adin kennenlernt, einen Afghanen, der ihm seine Leidensgeschichte erzählt. Am Ende des Romans wird es Miert gelingen, ihn aus der Zelle für Abschiebehäftlinge zu befreien. Miert muss sich auf den Deal mit Gabloner einlassen, und die Dinge nehmen ihren Lauf … Wieninger schreibt einzigartig und verschafft seinen Lesern sprachlichen Genuss der Extraklasse. Wenn er nämlich eines nicht nötig hat, dann ist es der Rückgriff auf vorgefertigte Muster – sowohl auf sprachlicher wie auf inhaltlicher Ebene.

Über Håkan Nessers Krimi «Die Frau mit dem Muttermal» gibt es nicht allzu viel zu sagen. Aus unerfindlichen Gründen schafft es der Autor, dem mehrfach der Schwedische Krimipreis verliehen wurde und der neben Henning Mankell als erfolgreichster Krimischriftsteller Schwedens gehandelt wird, aus einem per se vielversprechenden Plot eine etwas zähe Geschichte zu basteln. Die stellvertretend für die Mutter durch die Tochter vorgenommene Rache an vier Männern, die viele Jahre zuvor ein Verbrechen begingen, läuft spannungstechnisch ins Leere, da gleich am Anfang zu viel verraten wird. Den Mörder zu enttarnen, bevor die Geschichte losgeht, gehört zu jenen Kunstgriffen, die nur dann gelingen, wenn ein gewisses Geheimnis bestehen bleibt. Wäre die Mörderin erst 50 Seiten später eingeführt worden, hätte die Geschichte womöglich mehr Drive erhalten. Immerhin spricht für das Buch, dass ich es zu Ende gelesen habe. Es gehört auch nicht zu den schlechten Krimis – sonst gäbe es kaum die 25. Auflage der deutschsprachigen Ausgabe –, sondern zu den weniger raffinierten.

Jussi Adler-Olson, Erbarmen, dtv 2009 (Original: Kvinden i buret, 2008); Don Winslow, Pacific Private, Suhrkamp 2009 (Original: The Dawn Patrol, 2008); Manfred Wieninger, Rostige Flügel, Unionsverlag 2009 (Erstausgabe: Haymon Verlag, 2008); Håkan Nesser, Die Frau mit dem Muttermal, btb 1998 (Original: Kvinna med födelsemärke, 1997).

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