Montag, 11. Dezember 2017

Jacques Chessex, Der Kinderfresser

Der Kampf der Söhne gegen die Väter
1973 erschien dieses Buch auf Französisch, 1975 auf Deutsch und 2004 wurde es erneut auf Deutsch beim Lenos Verlag verlegt. Als erster und bisher einziger Schweizer wurde der Autor dafür mit dem Prix Goncourt ausge-zeichnet. Der ursprüngliche Titel, «L’Ogre», wird in der Lenos-Ausgabe mit «Der Kinderfresser» wiedergegeben, nicht mit «Der Menschenfresser». Hauptprotagonist ist Jean Calmet, 39 Jahre alt, Lateinlehrer am Gymnasium in Lausanne, besessen von seinem Vater, dem «Doktor», dem Oger, der mächtigen Figur, die als drohender Schatten über seinem Leben hängt.

Als der Doktor gestorben ist, fühlt sich Jean endlich frei. Der übermächtige Vater, so denkt er, kann nicht länger Einfluss auf sein Leben nehmen. Doch bereits zum Zeitpunkt der Bestattungszeremonie zeigt sich, dass Jean seinen Peiniger nicht so einfach loswird: «Die Urne war nun offiziell und amtlich eingesperrt hinter dem hohen Gitter des Kolumbariums. Eigentlich herrschte nun Ordnung.» – «Eigentlich» – doch der Vater kann nicht durch dessen Tod ausgelöscht werden. In der Manier des «Sandmanns» von E.T.A. Hoffmann entwickelt sich eine Achterbahnfahrt der Gefühle, während der Jeans Gefühlswelt immer mehr ins Pathologische abrutscht und in Verfolgungswahn und einer Angstneurose endet.

Eigentlich liebte Jean als Kind seinen Vater. Doch schon die Beschreibung der täglichen Nahrungsaufnahme der Familie ist gruselig:

«Der Doktor kaute und schluckte, ohne innezuhalten, doch sein unerbittlicher Blick legte sich auf jedes der Seinen, der Reihe nach musterte er die Tafelrunde von oben nach unten (…), und Jean Calmet verzweifelte, dass ihn diese allmächtigen Augen von Neuem durchbohren würden, um in ihm zu wühlen und ihn zu erforschen. (…) Der Doktor wusste alles über ihn, der Doktor las in seinem Innern, denn er war der Meister, und der Meister blieb breit und massig, hoch und hehr in seiner strotzenden Kraft (…).»

Als Jean, ein schüchterner und stiller Junge, sich mit 19 Jahren in die 17-jährige Liliane verliebt und dieser beim Vater in der Praxis eine Stelle verschafft, um sie näher bei sich zu haben, geschieht die Urszene, die ihn sein Leben lang verfolgen wird und ihn den Frauen gegenüber, die er liebt, impotent werden lässt:

«[Jean] stieß die Bürotür auf, und die Szene war wie ein Schlag ins Gesicht: mit entblößten Brüsten stand Liliane da und schmiegte sich an den Doktor, der sie hemmungslos küsste. (…) Der Meister hatte gefordert, was ihm zustand. (…) Alle fügten sich. Alle gaben nach. Er herrschte. Er ergötzte sich an ihrer Unterwürfigkeit. Er hatte dieses junge Fleisch verlangt als Tribut an seine Macht. Das Mädchen gehörte ihm. In seinen Armen hatte sie sich gefügt. Unter seinen Händen hatte sie gestöhnt, gekeucht unter der unerschütterlichen Kraft. (…) Jean selbst unterwarf sich dieser Herrschaft, er war beschämt darüber, zornig, aber er beugte sich der unanfechtbaren Macht seines Vaters …»

Nach des Vaters Tod wird Jean in einem Gasthaus von einer Vision befallen: Er sieht in dem knotigen Holzknauf eines Stockes im Schirmständer das Glied seines Vaters. Auch in seinen Träumen sucht ihn der Vater heim. Was auch immer Jean macht, er wird den Vater nicht los. So auch nicht im Bett des «Katzenmädchens», wie Jean die junge Studentin Thérèse Dubois nennt. Während die beiden miteinander schlafen, erschlafft sein Glied. Plötzlich sieht Jean vor seinem inneren Auge den Vater, der seine Rolle einnimmt, und hört ihn sagen:

«Und du, mein bedauernswerter Sohn? Hast deine Vitamine nicht eingenommen? Wirst weichlich? Sieh deinen alten Vater. Verrunzelt, verbrannt, aber sein Knüppel bringt die Weiber zum Tanzen. Auch diese da, elender Schlappschwanz. Dein Katzenmädchen! Wenn man nicht fähig ist, sein Dirnchen zu ficken, erspart man sich all das Theater!»

Das «obszöne» Sprechen über den Sexualakt legt Jean seinem Vater in den Mund, er selbst bemüht sich, «rein» zu bleiben; er will sein Bild der romantischen Liebe retten – doch Frauen wollen befriedigt werden, und an dieser Aufgabe scheitert er. Nur wo keine tiefen Gefühle im Spiel sind findet er sexuelle Erfüllung, er geht regelmäßig zu einer Prostituierten und onaniert.

Thérèse wendet sich einem seiner Schüler zu, Jean ist verletzt und eifersüchtig. Bei einem Ausflug nach Bern wird er beim Anblick des «Kindlifresserbrunnen» von Entsetzen gepackt. In dem Kinder verschlingenden Ungeheuer sieht er seinen Vater. Er erinnert sich an eine Szene aus seiner Kindheit, die bezeichnend ist für das Verhältnis zwischen Vater und Sohn: Der Vater spielte in einem abendlichen Ritual, dem Sohn die Kehle durchzuschneiden; der Sohn erwartete voll angstvoller Lust diesen Moment. Auch bei dem anderen Ritual spielte ein Messer eine Rolle: Der Vater spielte beim Rasieren, dass er sich schnitt; Jean entscheidet sich nach dem Tod des Vaters, nur noch den Handrasierer zu benutzen und nicht mehr den elektrischen. Schließlich finden die Rasierklingen noch zu einem anderen Zweck Einsatz.

Chessex schlägt von Jeans Einzelschicksal den Bogen zur Schweizer Gesellschaft der 1970er-Jahre, die Vater-Sohn-Beziehung steht exemplarisch für die zweier Generationen. So ist auch der Direktor des Gymnasiums, vor dem Jean eine ähnliche Angst wie vor seinem Vater empfindet, ein Vertreter der Autorität – der staatlichen, der konservativen, der bürgerlichen – und fährt wie ein Berserker mit einer Peitsche unter seine versammelten Schüler, die das Schulhaus besetzt halten. Es ist die Zeit der 68er, der Antikriegsbewegung, der Blumenkinder, der Suche nach einer anderen und neuen Art zu leben und zu lieben. Jean erkennt im Grunde, dass seine Probleme Teil eines gesellschaftlichen Problems sind, doch kann er dieses Wissen nicht nutzen, um sich zu befreien. «Mit zornigem Hass lehnte er sich auf gegen den Moloch-Doktor, gegen alle anderen Moloche, die ihre Söhne geschlachtet hatten, ihre Kinder, gegen den immer wieder erneuerten Tribut an jungem Fleisch: Fleisch zur Lust, Fleisch als Kanonenfutter. Zu allen Zeiten hatten sie das Fleisch auf schreckliche Weise geopfert (…).» Jean Calmet steht für die, die es nicht geschafft haben – für alle anderen geht das Leben weiter, und so wendet sich der Roman am Ende auch dem Leben zu und sich vom Tod ab.

Jacques Chessex, Der Kinderfresser, Lenos Verlag 2004 (Original: «L’Ogre», Paris 1973)

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