Montag, 11. Dezember 2017

Péter Esterházy, Keine Kunst

Meister des Einschubs
Es geht um Fußball, so viel ist klar. Der auf dem Sterbebett liegenden Mutter wird ein letztes Mal die Abseitsregel erklärt, der Ich-Erzähler ist kein Fußballspieler geworden, es wird Fußball gespielt in diesem Buch, so hängt etwa der Parteisekretär Sasa Kertész die Fußballschuhe an den Nagel, und auf dem Cover zeigt eine Dame mit nackten langen Beinen einen Fallrückzieher, auch wenn sie den Fußballschuh nicht trägt, sondern dieser neben den Titelbuchstaben platziert ist. Klingt das irgendwie verworren?

Ja. Esterházy hat für dieses Buch 2009 den deutschen Fußball-Kulturpreis in der Kategorie «Fußballbuch des Jahres» erhalten, ein deutliches Indiz dafür, dass das Buch tatsächlich von Fußball handelt. Doch wer wie ich nur bis zur Seite 105 gekommen ist und jämmerlich scheiterte am Versuch, eine zusammenhängende Geschichte zu erkennen, der ist an einem Punkt angelangt, an dem solche Indizien nur wenig wiegen. In diesem Buch zeigt sich Esterházy als Meister des Einschubs, und ich vermute, dass kaum ein Fußballfan bis zur Seite 105 gekommen ist, denn (zumindest auf diesen) Seiten geht es um Fußball höchstens im philosophischen Sinn, um Fußball als Metapher, als Lebenseinstellung, was weiß ich, das ging mir durch die Lappen, und je länger ich darüber nachdenke und mich esterházysieren lasse, desto größere Lust bekomme ich, in dadaistischer Manier meine Ansichten zu diesem Buch kundzutun -  egal, ob jemand versteht, was ich sagen will.

Esterházy fängt an, etwas zu sagen (über eine Person, die man nicht einordnen kann, da der Name bisher noch nicht auftauchte oder er wieder vergessen ging), setzt einen Punkt, wo ein Komma hin sollte und stört dadurch den Lesefluss. Der Lesefluss wird vielmehr nicht gestört, er existiert über weite Strecken nicht, da die Erzählung von Stein zu Stein hüpft. Esterházy lässt auch gerne eine Figur etwas kommentieren, das sein Ich-Erzähler gerade gesagt hat, und kommt womöglich, da nun gerade diese Figur spricht, auf eine Episode zu sprechen, die etwas mit dieser Figur zu tun hat (oder auch mit einer anderen – egal).

Was Esterházy gerne und oft tut: seine Figuren etwas sagen und sich dann überlegen lassen, ob es nicht etwas gibt, das das Gesagte infrage stellen kann oder in ein anderes Licht rückt. Zum Beispiel sagt er: » … an ein versickertes Talent erinnert sich keiner. Obwohl … Zeugen gibt es immer.» Die Reflexion und Nivellierung des Gesagten führt so weit, dass er seinen Figuren oft keine sicheren Aussagen über die Lippen kommen lassen will, etwa so: » … mehr Liebe als zum Pacsni hatte er höchstens noch zu seiner Mama (vielleicht), …». Esterházy will uns sagen, dass die Dinge auch anders sein können, als er uns erzählt oder als wir zu wissen meinen. Um die Erinnerung zu entthronen listet er gerne verschiedene Möglichkeiten auf: Wenn der Vater der Mutter etwas in den Mund schiebt, was sowohl eine Kirsche wie eine Sauerkirsche sein kann, dann könnte es so sein – es könnte aber auch anders sein.

Von der (fiktiven?) Großmutter hat der Ich-Erzähler gelernt, dass man über jede Frage «anständig nachdenken» muss. Was er ausführlich tut. Esterházy vertritt die Ansicht, dass jedes Ding, jeder Gedanke, jede Figur und jede Geschichte eingebettet ist in ein Umgebendes, das wiederum aus Dingen, Gedanken, Figuren und Geschichten besteht, und so weiter. Daher wird dem Leser nicht nur berichtet, dass die Großmutter, als sie etwas gefragt wird, gerade Erbsen schält; es muss noch hinzugefügt werden: «die Erbsen hatte ich im Garten gepflückt». Ob das für den Leser von Interesse ist oder nicht, ist dem Autor egal – hier geht es nicht darum, die Illusion einer zusammenhängenden Geschichte zu erzeugen, sondern darum, sie zu zerstören. Der Leser muss nicht am Ball bleiben, er darf ruhig die Übersicht verlieren.

Esterházy schiebt auch gerne Erläuterungen ein, wie ein Wort im Ungarischen ausgesprochen wird, was es auf Deutsch heißt oder was für eine Geschichte das Wort hat (oder ein anderes Wort – egal). Solcherart wird der Leser immer wieder an den Werkstattcharakter der Sprache (und somit auch des vorliegenden Buchs) erinnert. Auch spricht der Autor darüber, was in seiner Werkstatt geschieht – etwa, dass er aus einem Bruder eine Schwester «macht», weil er für seine Erzählung eine Schwester benötigt. Jeder Gedanke im klassischen Sinne des Erzählens ist Esterházy genauso viel wert wie die Reflexion darüber; die Sprache spielt eine mindestens so wichtige Rolle wie Figuren oder Handlungen.

So viel zu den Leseerfahrungen, die man auf den ersten 105 Seiten machen kann. Man lasse sich vom Titel nicht täuschen: um Kunst geht es. Ich jedoch bin an dieser Kunst gescheitert, und ich lege das Buch mit dem traurigen Gefühl beiseite, es immer noch nicht geschafft zu haben, mal was von Esterházy zu lesen. So ist das Leben. Egal.

Péter Esterházy, Keine Kunst, Berlin Verlag 2009 (Original: Semmi müvészet, Budapest 2008).

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