Montag, 11. Dezember 2017

Thomas Mann, Der Zauberberg

Erregtes Gähnen
«Der Erwählte» und «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» habe ich gern gelesen. Und dabei auch mal gelacht! Aber Thomas Mann kann auch anders. Das beweist er auf den 350 Seiten, die ich vom «Zauberberg» bisher gelesen habe.

Die Handlung muss man wohl niemandem erzählen. Oder doch? Denn welche Geschichte gibt es eigentlich zu erzählen? Der Erzähler verrät uns zu Beginn, dass Hans Castorp, der junge Protagonist des Romans, «geradezu sieben Jahre» im Sanatorium Berghof im schweizerischen Graubünden verbringen wird. Drei Sätze weiter lesen wir: «Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.» Wenn einem da der Mund nicht wässrig wird! Denn was wird geschehen, das den Hamburger Castorp so lange Zeit dort in den Bann schlägt? Wir ahnen es – es muss etwas mit dem Ort zu tun haben, der den Protagonisten verzaubert. Und so erscheint es auch wie im Märchen, wenn Herr Settembrini, Schriftsteller und Gesprächspartner Castorps in philosophischen und politischen Disputen, ihm mehrmals rät, abzureisen, und ihn davor warnt, dem morbiden Bannkreis der Bewohner des Sanatoriums anheimzufallen. Er erkennt in Castorp nämlich einen Weltflüchtigen, dem das abgeschiedene, geregelte und ereignisarme Leben hoch oben in den Bergen behagt.

Prompt erkältet sich Castorp kurz vor seiner Abreise – denn er möchte nicht abreisen – und erwirbt (Schritt eins seiner Verwandlung in einen Patienten) ein Thermometer, um zu prüfen, ob er Fieber hat. Natürlich hat er Temperatur, und zwar so viel, wie viele es im Sanatorium mindestens haben: 37,6. Schritt zwei ist seine anschliessende dreiwöchige Bettruhe, die er auf Anordnung des Arztes vollzieht. Schritt drei ist das «Diapositiv», das er nach Durchleuchten seines Brustkorbs erhält und mit sich in der Brusttasche führt – «wie einen Ausweis sozusagen, einen Pass oder eine Mitgliedskarte».

Ohne hier den Versuch starten zu wollen, die vielen Aspekte der Romanhandlung aufzugreifen (das haben viele andere schon ausführlich und klug gemacht, indem sie die Motive Bergwelt, Musik, Liebe, Tod, Krankheit und vieles mehr analysiert haben), möchte ich meinen persönlichen Zwischenstand dieser Lektüreerfahrung formulieren: Die Sprache Thomas Manns ist für meinen Geschmack in diesem Roman zu sehr verkopft, zu wenig lebendig. Damit meine ich, dass Worte wie Schönheit, Liebe, Genuss, Heiterkeit auf Betonfüßen daherkommen. Ihm gelingt es nicht, dem Leser beispielsweise die Schönheit eines Oktobertages in den Schweizer Bergen vor Augen zu führen. Seine Bergluft riecht nicht, seine Sonnenstrahlen funkeln nicht, seine Bergtäler sind nicht steil. In einer ganz und gar unsinnlichen Sprache «(herrschte) wohl zweieinhalb Wochen lang Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter Kraft brannte die Sonne darein, dass jedermann sich veranlasst fand, das leichteste Sommerzeug (…) wieder hervorzusuchen (…).» Hier wird ein Bild beschrieben, anstatt es hervorzurufen.

Bald mehr! Vielleicht tut sich auf den kommenden 650 Seiten noch was …

Fortsetzung

Für 650 Seiten tat sich erstaunlich wenig. Ich habe mich durch seitenlange Dispute über Wissenschaft und Philosophie gekämpft, dem erregten Gähnen Hans Castorps zugeschaut und damit ihm tief in den Magen, denn immer wieder wird ausführlich gespeist (es wird dauernd gegessen im Sanatorium), aber eigentlich wird nur heiße Luft verzehrt, denn kaum einmal bekommt ein Gericht einen Namen, geschweige denn einen Geschmack, eine Konsistenz, eine Zubereitungsart (was leider bestätigt, dass in diesem Roman mit puren Knochen hantiert wird – Fett, Sehnen, Muskeln, Blut und Haut sucht man vergebens). Nun, da der Zauberberg hinter mir liegt, so wie er am Ende auch hinter der Hauptfigur liegt, die den Absprung, man glaubt fast nicht mehr daran, doch noch schafft und in den Ersten Weltkrieg zieht, frage ich mich, womit diese fast 1000 Seiten eigentlich gefüllt waren. Ich kann es kaum sagen. Erst zum Ende hin verdichtet sich der gleichförmige und einschläfernde Fluss der Erzählung zu etwas, was man Handlung nennen kann (wenn auch eine krude Handlung mit ausführlichem Ausflug in die esoterische Ecke der Geisterbeschwörung, der mich immerhin zum ersten Mal lachen ließ, heißt der Geist doch Holger! – irgendwie ein unerwarteter Name für eine solche Existenz). Das Ende des Romans jedoch kommt unmotiviert daher und ist enttäuschend, habe ich doch die ganzen fast 1000 Seiten lang gespannt auf den Grund für Castorps Abreise hingelesen. Und eine Wendung erwartet, die aus Castorp selbst kommt. Stattdessen verweigert der Autor der Figur eine psychologische und emotionale Vertiefung ihres Profils und schickt sie in den Krieg. Was der Leser mit diesem Ende anfangen soll, kann ich nicht sagen. Das Schönste am Zauberberg ist der Buchtitel. Der ganze Roman reicht weder an das Geheimnisvolle noch an das Poetische dieses Wortes heran.

Kommentare

8 Anmerkungen to “Thomas Mann, Der Zauberberg”

  1. pogsada schreibt am Freitag, 13. August 2010

    Mut zum Geschmack! Ich bin ganz Deiner Meinung. Man muss doch nicht alles mögen, was Eingang in den Kanon gefunden hat. Bei Thomas Mann kommt auch mir schon nach 2 Seiten das große Gähnen. Literatur, die riecht und scheint, wehtut und glücklich macht, ist mir tausendmal lieber.

    Anregungen für weiteres Klassiker-Bashing gibt’s übrigens hier:

    http://www.zeit.de/2010/21/Literaturklassiker

    Liebe Grüsse,
    pog

  2. Stein schreibt am Donnerstag, 2. September 2010

    Mir ist auch Literatur lieber, die etwas Lebendiges in sich hat – es muss nicht mal etwas Positives sein, nur etwas berühren in einem soll sie. Ich wollte den Zauberberg immer mal gelesen haben – warum eigentlich? Gerne würde ich von jemandem, der das Buch gut fand, Gründe hören. Ist da draußen jemand, der solche Gründe liefern könnte?

  3. Lutz Knakrügge schreibt am Mittwoch, 24. November 2010

    Nun – ich bin auch gerade bei 37,6°C angekommen und frage mich seit einiger Zeit, was das ganze den soll und ob ich das wohl durchstehen (besser: sitzen) will. Allerdings sitze ich dabei im Auto und höre … Audiobook. Und mancher Monolog des lieben Landphilosophen kommt da erträglicher daher.
    Ma sehn, was wird…

  4. Lutz Knakrügge schreibt am Freitag, 3. Dezember 2010

    Ich habe ihn durch»gesessen» und dies mit einiger Freude an Wort- und Gedankenspielen. Auch wie man die Liebe des Nachts auf einem Balkon wartend und frierend feiern kann ist wärmend. Entschleunigungsliteratur. Wie mögen sich 1200 Seiten gelesen anfühlen? Ich werde es wohl nicht versuchen. Ungeduldig wie ich bin, werde ich es bei den 12 Stunde hören belassen.

  5. Stein schreibt am Mittwoch, 8. Dezember 2010

    Liegt der komplette Roman als Hörbuch vor? Ich würde schätzen, dass man für diese Textmenge mehr als 12 Stunden Vorlesezeit benötigt … Allerdings bekommt man sicher, wie du sagst, einen ausreichend tiefen Einblick in die «Handlung». Ich bin froh, dass du auch gute Worte findest für den Zauberberg – schliesslich hätte ich das Buch nicht zu Ende gelesen, hätte es mich nicht irgendwo gepackt.

  6. sparklingwinter schreibt am Donnerstag, 9. Dezember 2010

    Was kann lebendiger sein als ein Roman, der voller metafiktionaler und intertextueller Reflexionen ist, der sich bei jedem erneuten Lesen mehr und mehr entfaltet?
    Gerade die Vielschichtigkeit ist es, die den Zauberberg so interessant macht. Meiner Meinung nach wird der Inhalt des Romans dem Titel mehr als gerecht, da die gesamte Handlung an einem nahezu mythischen Ort stattfindet, der sämtliche Regeln und vor allem die Zeitverhältnisse des «Flachlandes» außer Kraft setzt.
    Außerdem spiegelt sich im Roman eine Fülle an geistigen Strömungen, die von Clairvaux, Schopenhauer, Nietzsche, Voltaire, Wagner bis hin zu Spengler und Mereschkowski reicht.
    Allein die Verflechtung mit anderen literarischen, musikalischen und philosophischen Werken macht den Zauberberg zu einem einzigartigen Leseerlebnis.
    Also gibt ihm noch eine Chance, ihr werdet es nicht bereuen 😉

  7. Hans Rüegg schreibt am Sonntag, 13. November 2011

    Ganz ohne Anrede sei’s wiederholt: Eure Buchreflexionen sind eine feine Sache. Auch wenn ich zum Zauberberg anderer Meinung bin als Stein. Sie sucht in dem Buch ganz einfach das Falsche: Mit ihren Argumenten muss sie auch den Don Quichote weglegen bzw. gähnend zu Ende lesen. Zum Zauberberg zwei Tips: erstens – zweimal lesen, zweitens – spätestens beim zweiten Mal alle Stellen heraus suchen, in denen Settembrini auftaucht. Liest man sie im Zusammenhang, versteht man, was in Deutschland und in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schief gegangen ist, schief gehen musste. Und das witzig vorgetragen. Viel Vergnügen! Hans

  8. Martin schreibt am Mittwoch, 8. Februar 2012

    ich schliesse mich @sparklingwinter an. Er hat recht.

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