Freitag, 24. November 2017

Durs Grünbein, Das erste Jahr

Gut geölte Gedankenrädchen
Programm und Autor werden erst am 29. September preisgegeben: „Das Gespür für die alten Dramen, die antiken Figurenkonstellationen unter dem aktuellen Tagesgeschehen, scheint in meiner Generation völlig abgestorben zu sein. Die meisten entzünden sich an den Idolen der Werbung. Ihre einstweilige Stärke liegt darin, daß ihre Empfindungskraft sich auf die Mythen des Alltags konzentriert. Die Besten von ihnen verfolgen, nach dem Vorbild der amerikanischen Erzählkunst, die unscheinbaren Details im Großstadtleben. Sie unterhalten den Leser mit den verkürzten Innenperspektiven irgendwelcher Durchschnittstypen, die symptomatisch für diese Gegenwart sind. Im Glücksfall erbeuten sie jenes gewisse Etwas, auf das auch die klassischen Texte als Ingredienz nie ganz verzichten konnten, das sogenannte Authentische. Auf der Jagd nach dieser kostbarsten aller Substanzen, die sich immer nur in Spurenelementen zeigt, erschöpfen sich freilich die meisten. Der ungeheure Boom junger deutscher Prosaliteratur hat weniger mit einem Mangel an Lebenserfahrung zu tun als mit dem Unvermögen, sich in der Menschheit wiederzuerkennen. Mit jedem Roman, jedem Erzählband steigt das Gefühl ihrer Einzigartigkeit. Überall Lebensnischen, soziale Dunkelzonen, unbekannte Milieus, die ihre Jungfräulichkeit soeben entdeckt hat. Daß die Welt, die sie beschreiben, nur durch hauchdünne Membranen von Ovids Metamorphosenkosmos getrennt ist, entgeht ihrem Neugeborenenblick. Ahnungslosigkeit ist das Pfund, mit dem sie einstweilen wuchern. Was sich auszahlt, ist ihre Naivität.“

Die unverhohlene Polemik droht zwar, die kluge Essenz von Grünbeins Gegenwartsliteraturbefund zuzuschütten, bezeichnet aber ex negativo das, was in mehrfacher Hinsicht für sein tägliches Wahrnehmen und Schreiben Programm ist. Seine „Berliner Aufzeichnungen“, ein Tagebuch aus dem Jahr 2000, führen ein Denken und ein Schreiben vor, dass im Gegenwärtigen kontinuierlich historische Folien und Fiktionen zu erkennen sucht. An keiner Stelle gestattet Grünbein es sich, täglichen Begegnungen und Erlebnissen etwa mit einem staunenden Erste-Person-Singular-Tagebuchpathos zu begegnen, dem also, was er die atemlose Jagd nach dem Authentischen nennt –  vermeintlich immer neues Entdecken des eigenen Ich und den gefühlsseligen Berichten, was diesem nun schon wieder Unerhörtes zugestoßen sei. Grünbein hingegen klopft die in sein Leben hinein tretenden und von ihm wahrgenommenen Ereignisse sogleich auf ihre möglichen Kontexte hin ab – haben sie mit Fiktionen zu tun, mit gesehenen Bildern, mit Theater, mit historischen Konstellationen; wo gab es das schon einmal und wie hat es da ausgesehen? Ziel des Schreibens – und vielleicht des Tagebuchschreibens ganz besonders – ist es also, die schon seit der Antike vorhandenen Bilder und Konstellationen im vermeintlichen Alltag zu erkennen, upzuloaden, zu aktualisieren und mit neuem Vokabular neu zu vermessen.

Das verlangt nicht nur eine immense Bildung, sondern auch formale Strenge. So verwendet er die erste Person Singular äußerst sparsam und zeigt damit nicht zuletzt, welchen Effekt sie hat, wenn man sie in homöpathischen Dosen verwendet anstelle sie als vermeintliches Sesam-öffne-dich, als weltaufschließendes Partikel einer lediglich zu diesem Zweck immer neu verfremdeten Welt einzubauen. Anstelle jenes verpönten Gegenwartsliteratur-Ich, das die eigenen unterkomplexen emotionalen Zustände zur Welterklärung heranzieht, verwendet Grünbein fast ausschließlich das unpersönliche „man“ – und das hat, gerade wenn man sich über die hohe Kunst des Tagebuchschreibens Gedanken macht, einen geradezu reinigenden Effekt, denn die Texte müssen natürlich den so formulierten überpersönlichen Anspruch einlösen. Grünbein führt vor, wie das geht – sich Gedanken zu machen und diese Gedanken in eine logische und sprachliche Genauigkeit zu zwingen; es wird nicht lediglich am Schreibtisch fragmentarisch vor sich hin gegrübelt, sondern Ziel ist ein schlüssiger, in sich geschlossener Text, sei es ein Essay, sei es ein Gedicht.

Schön ist dabei die völlige Unvorhersehbarkeit dessen, was seine Aufmerksamkeit fesselt (und, allgemein, woran sich die Aufmerksamkeit, die Gedanken und schließlich das sie präzisierende Schreiben alles knüpfen kann): von Kindheitserinnerungen über eine bei einem Berliner Händler erworbene antike Münze, von BSE zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms, von den ersten Bewegungen seiner neugeborenen Tochter zum Begriff Andrologie, von den Spatzen im Park des Friedrichhains bis zum Herbst-Gedicht Puschkins und den Geheimnissen der Poesie. Blöd ist andererseits die Vorhersehbarkeit, mit denen er an Halloween über Halloween sich Gedanken zu machen verpflichtet fühlt, an Weihnachten zu Weihnachten, an Sylvester zu Sylvester etc. Wenn er in New York ist, räsoniert er ordnungsgemäß über den Wert des Dollars und den Präsidentschaftswahlkampf, und während einer Lesereise im Jemen macht er sich kurz über den Koran Gedanken.

Ganz entrinnt also auch Grünbein nicht dem Korsett einer von Außen, dem Kalender und den gesellschaftlichen Bräuchen vorgegebenen Wichtigkeitshierarchisierung, und die damit zeitweise einhergehende Verflachung seiner Gedanken bestätigt zugleich die Genauigkeit und Frische der für sich zuhause am Berliner Schreibtisch angestellten Überlegungen, wenn der Zwang des vermeintlich Zur Beschreibung Verpflichtenden weg ist und die Gedanken sich ihre eigene Bahn brechen. Ein faszinierender und erhellender Effekt ist, dass man trotz dieser formellen und stilistischen Strenge einiges über den sein Ich so sorgfältig hinter Exkursen zu Nietzsche und Darwin, den Römern und der Embryonalentwicklung versteckenden Autor erfährt, dass es keinerlei „schonungslosen“ Exhibitionismus bedarf, um Intimität herzustellen – allein einem fremden Kopf bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können, ist hier Gewinn. Selbst wenn man nebenbei noch erfährt, dass er mit seiner Lebensgefährtin Eva verkuppelt worden ist, die schon eine Tochter aus einer anderen Beziehung hat, welche ihrerseits manchmal Schwierigkeiten mit dem Familienflickenteppich hat und sich bei den Namen der Väter verspricht, hat das keinen Voyeurismus zur Folge, weil Grünbein auch hier auf äußerste Denk- und Sprachhygiene achtet, auf peinlich präzise Genauigkeit dem eigenen emotionalen Haushalt gegenüber.

Ist es also nur, fragt man sich unwillkürlich, schlampiges Denken und Sprechen, was Schlüpfrigkeit evoziert, die losen Maschen in der Sprache, in die dann erst das Schmierige eindringt? Sogar einen Samentest in einer urologischen Praxis kann Grünbein so leise ironisch beschreiben, seine Ejakulation trotz demütigender Pornoblättchen. Es geht also nicht um Themen oder um missbilligendes Verschweigen vermeintlicher Banalitäten, es geht um die Genauigkeit und die Form, in der das Erlebte erscheint: verarbeitet, bearbeitet, in Beziehungen gesetzt, stilistisch ausgefeilt. Beispielhaft dafür ist Grünbeins großartige Beschreibung der Verwandtschaft des Trancezustands und dem Verfassen eines Gedichts, die beide gleichermaßen einen sowohl träumerischen wie hellwachen Zustand erfordern, in dem das Gehirn hochtourig arbeitet und doch gleichzeitig im ruhigen Dunkel liegt, wie „eine neuronale Metropole bei Nacht“, in der kein Stadtplan zu Hand ist, kein Licht vorhanden, und doch werden in Windeseile aus allen Winkeln Informationen zusammengezogen, aus Bibliotheken, Opernhäusern, Zeitungsredaktionen, Archiven, Ämtern, Schulen und Universitäten: „An alles will gedacht sein, nichts darf verdrängt und vergessen werden. Was immer der Wahrnehmungszensur zum Opfer fällt, muß als Hintergrund kenntlich bleiben, weil sonst das Ganze schließlich durch Ignoranz ungültig wird.“

Hier kommt noch einmal die für Grünbein unerlässliche Koordinate Bildung zum Tragen, von der er direkt und indirekt moniert, dass sie fehle in heutigen Zeiten und Literaturen. Einen ganzen Eintrag lang philosophiert er über den poeta doctus, einen Begriff, mit dem er selbst immer wieder konfrontiert ist. Vermutlich ist es in erster Linie Neid, der ihm allzu gelehrtes Schreiben und Dichten vorwirft; allzu sicher bewegt er sich durch die Wissenschaften und Geschichten, die Sternenhimmel und Sprachen – und doch, ist es genau, was manchmal so rasend gelahrt daherkommt, dass man sich gezwungen sieht, ein paar Seiten zu überschlagen? Was nervt? Man vermutet weniger Neid als einen mangels eigener Bildung notwendigerweise in Anschlag gebrachten Instinkt dafür, wann auch Grünbein die Form nur um der Form willen bedient – es lässt sich auch gelahrt labern, man kann Sinn und Form gerade mit Hilfe großer Theorien und Namen auch bluffen. Das mag man Grünbein nicht unterstellen, dennoch lässt sich anhand einiger Einträge der Verdacht nicht ausräumen, er sei manchmal gar zu begeistert davon, sein tadellos geöltes Denkmaschinchen bei der Arbeit zu beobachten.

Durs Grünbein, Das erste Jahr, Suhrkamp 2001

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