Samstag, 24. Juni 2017

Martin Jankowski, Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung

Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Der Autor Martin Jankowski, Jahrgang 1965, gehörte zu den Hauptbeteiligten der „friedlichen Revolution“ 1989 in Leipzig. Und dennoch ist es kein Tatsachenbericht, der hier vorliegt: „Rabet“ beharrt mit Nachdruck auf seiner Literarizität.

Ein „Wenderoman“ der ganz speziellen Art also, und dies in vielerlei Hinsicht: Der Text über „Das Verschwinden einer Himmelsrichtung“ erzählt die Geschichte einer jungen Clique, die Ende der 80er Jahre wie zufällig in den Strom der Ereignisse gerät – insbesondere gilt dies für den Protagonisten des Buchs, Ben. Geschildert wird das Geschehen aus seiner ganz persönlichen Perspektive – die eines „Sängers des Umbruchs“ (Wolfgang Engler), der eigentlich nur seine Musik machen will … Und genau hiermit gewinnt wie scheitert er. Ein in vielerlei Hinsicht ‚schwacher Held’ steht somit mit Ben im Zentrum von „Rabet“.

Seine Songs, „der Grau“, sind dabei Chiffre für seinen Musikstil wie das System, in dem er lebt. Dieses erfährt aus dem Blickwinkel seiner Freunde um Gesa, Adrian & Co., mit denen der Leser die Endzeit der DDR erlebt, seine entscheidenden Todesstöße nicht erst im November ’89, sondern bereits einen Monat zuvor – bei einer der entscheidenden Großdemonstrationen im Oktober 1989 in Leipzig.

Und, noch überraschender in Bezug auf den zeitlichen Rahmen dieses Romans: „Rabet“ hört keineswegs am 9.11.1989 auf. Der Autor begleitet seine Figuren weiter, lässt konsequenterweise den Fall der Mauer nicht als den Endpunkt einer irgendwie glücklich gearteten Geschichte erscheinen. Dem schwierigen Sich-Neusortieren in einer plötzlich hineinbrechenden Gegenwart („Es war offensichtlich einiges durcheinandergeraten“, S.206) gewährt Martin Jankowski genauso viel Raum wie den «heroischen» Taten der Revolutionäre zuvor. Es zeigt sich, dass einige der dramatischsten Wendungen im privaten Leben der Protagonisten erst nach der politischen „Wende“ eintreten werden.

Und gerade abseits der politisch-historischen Kontexte hat „Rabet“ noch eine Menge zu bieten: So lohnt sich das Buch schon allein deshalb, weil (wenn auch insgesamt sprachlich einfach im Stil gehalten) in ihm etwa wunderbarste Beschreibungen einer Liebe zwischen Ben und Gesa zu finden sind.

Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, gibt Martin Jankowski vielleicht versteckt gleich zu Beginn des Texts an, wenn es dort, ebenfalls so schön wie simpel formuliert, heißt: „Das Gefährliche am Vergessen ist wohl, daß man sein Ausmaß nicht wahrnehmen kann. Es sei denn, jemand sammelte all das, was man im Laufe der Zeit aus seinem Leben fallen ließ, und brächte es zurück. Aber wer kann das schon.“ (S.8)

Christoph

Martin Jankowski: Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung (Via Verbis Verlag 1999)

Kommentare

Eine Anmerkung to “Martin Jankowski, Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung”

  1. Silberberg schreibt am Dienstag, 23. November 2010

    Hallo Christoph,
    das klingt interessant – schön in der Anachronie der politischen und privaten Ereignisse. Immer mal wieder frage ich mich, wahrscheinlich inspiriert durch den immer mal wieder aufbrausenden Feuilletonhype um DEN deutschen Wenderoman, wie dieser denn mittlerweile aussieht. Das Publikationsdatum 1999 klingt so ein bisschen verdächtig nach 10. Jahrestag – wogegen der Roman ja offensichtlich anschreibt. Was hat sich seitdem verändert? Ist die Darstellung der DDR nun schon eine andere oder hat sich da ein Bild konserviert? Wie bist du auf das Buch gekommen – und was ist das für ein Verlag? Die Website sieht ja eher bayernlastig aus und nicht so, als seien sie auf sensible Ost-West-Romane spezialisiert….:-)
    Lieben Gruss aus Rom
    Silberberg

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