Freitag, 24. November 2017

Antonio Pennacchi, Canale Mussolini

Mussolini macht Epoche Oder Wieviel Literatur verkraftet die political correctness
Es war eine gute Rezensions-Idee. Ausgehend von der in Aram Mattiolis Buch „Viva Mussolini. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis“ wollte ich die These weiterverfolgen, dass sich in der italienischen Gegenwartsliteratur zunehmend eine Mussolini-Nostalgie breitzumachen beginnt.  Als eindrücklichstes Beispiel wollte ich den letztjährigen Gewinner des renommierten italienischen Literaturpreises, des Premio Strega, anführen: Antonio Pennacchis Roman „Canale Mussolini“. Das war zwar eine gute Idee, nur ergaben genauere Nachforschungen leider, dass der literarische Markt die These doch nicht in dem Umfang stützte, wie ich mir das ausgemalt hatte: es gibt zwar eine Menge mehr oder weniger fragwürdiger Neuveröffentlichungen zu Mussolini und seiner zwanzigjährigen Regierungszeit 1922-1943, dem Ventennio Fascista, genauso auffällig ist die exponentiell ansteigende Zahl der Mussolini-Gadgets an den römischen Buch- und Trödelständen, doch die literarische Verarbeitung des Geschehens ist (zumindest im Augenblick) doch nicht so breit angelegt, wie es für eine so schöne These notwendig wäre.

Dennoch bleibt Pennacchi ein interessanter Fall. Anhand seines umfangreichen Romans – und dem thematisch verwandten Vorgänger „Il Fasciocommunista“ –  lassen sich  allerhand Fragen stellen nach dem, was in Italien politisch und gesellschaftlich gerade en vogue ist oder zu werden beginnt und darüber hinausgehend auch allgemein nach der political correctness von Literatur.

Im Roman geht es um die weitverzweigte venezianische Bauernfamilie Peruzzi, die sich im Rahmen des von Mussolini groß aufgezogenen Besiedlungsprojektes der pontinischen Sümpfe in der Region Lazio aufmacht, ihr Glück zu finden: ein Familienepos über drei Generationen hinweg, und gleichzeitig ein Epochengemälde Italiens zur Zeit des Aufstiegs von Mussolini. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines der Familienangehörigen, dessen Rolle bis zur furiosen Schlussszene des Romans verborgen bleibt, und zwar in Form eines Dialogs: er spricht mit jemandem, der gleichfalls nicht eingeführt wird, dessen Rolle man ebenfalls nicht kennt und die auch bis zum Schluss nicht offengelegt wird:  der Gesprächspartner ist ein beliebiger Zeitgenosse der Gegenwart, ein jugendlicher Journalist vielleicht, ein aufmerksamer Jungspund oder allgemeiner Besserwisser – der Leser erfährt es nicht und wird dennoch zum Ansprechpartner des Alten, Identifikationsfigur für den namenlosen Zweiten des Gesprächs, das eigentlich ein Monolog ist – und zwar ein so perfekter, wie man ihn nie zuvor gelesen zu haben glaubt. Denn der Alte ist ein großartiger Erzähler, dem man sich nicht nur durch die Dichte seiner vielen kleinen Familienanekdoten schwer entziehen kann, sondern auch aufgrund der vielen rhetorischen Tricks, die er dabei anwendet: Er geht auf vermeintliche Einwände seines Zuhörers ein oder nimmt diese gleich vorweg, widerspricht, gestattet sich kleine Exkurse und erzählt weiter – 453 Seiten lang.

So wird eine Erzählperspektive geschaffen, die gekennzeichnet ist durch die faszinierende Gleichzeitigkeit von Relativierung und Totalität: Der Alte beteuert immer wieder, nur das wiederzugeben, wie es damals war, er maße sich kein Urteil an, er erzähle nur die Umstände, wie er sie erlebt habe oder wie sie ihm berichtet worden seien von den verschiedenen Familienmitgliedern, das könne man alles so oder anders sehen, aber schließlich sei er damals dabei gewesen, was die heutige Generation mit seinen Erzählungen mache, sei deren Sache. Das ist eine raffinierte Rhetorik, gegen die, man versuche es mal im richtigen Leben, gar nicht so leicht anzukommen ist: indem der Bericht einerseits durch die eigene Präsenz historisch verbrieft wird, andererseits aber durch die vermeintlich explizite Vermeidung eines Urteils, einer Interpretation beziehungslos in den Erzählraum gestellt wird, lässt sich kaum Einspruch erheben – weder historischer noch moralischer. Die Erzähltaktik des Alten funktioniert also ähnlich wie die Verneinungsstrategie in den Medien, indem all das, was der Zensur unterliegt oder gerichtlich untersagt wurde, qua Verneinung doch ans Publikum gebracht werden kann.

Verneint werden muss, folgt man den bis vor einigen Jahren noch gültigen historischen Interpretationsmustern, die Anerkennung für Mussolini, dessen grausame Kolonialkriege in Eritrea und Äthiopien und dessen zwanzigjährige Regierungszeit mit anschließendem Bürgerkrieg bis vor kurzem noch als Tiefpunkt der neueren italienischen Geschichte galt. Während unter Berlusconis Regierung dieser historische Konsens zunehmend bröckelt und massive Geschichtsumdeutungen zu Gunsten der Faschisten und zu Lasten der Partisanen in Gange ist, vollbringt der Roman mit seiner gleichzeitig gemütlichen und rhetorisch brillanten Schwätzerei etwas noch viel Fundamentaleres: er schreibt Mussolini direkt in die italienischen Familiengeschichten hinein.

Mussolini ist nämlich ein entfernter Freund der Familie Peruzzi, der von Onkel Themistocles einmal nach einer jugendlichen Brandrede mit polterndem Pferdewagen gerettet wurde, woraufhin sie im Gefängnis Freudschaft schlossen. Mussolini ist ein Verehrer der Großmutter, der er unverhohlen schöne Augen macht, sobald er auf einem seiner großen Unternehmungen bei den Peruzzis vorbeischaut. Mussolini bzw. sein Getreuer Rossoni, ist es auch, der den braven Peruzzi ein Stück Land im Rahmen der großen Besiedelungskampagne in den Pontinischen Sümpfen verschafft, das sie fortan beackern können. Mussolini spricht sogar, ein Clou der ohnehin pointenreichen Rhetorik, venezianischen Dialekt – jener Dialekt eben, in dem dem Erzähler die Mussolini-Anekdoten weitergegeben wurden. Kurz, Mussolini ist einer von ihnen, einer von den Peruzzi und den anderen hart arbeitenden Siedlerfamilien – einer von uns.

Diese Verflechtung von Familienepos mit den historischen und politischen Umwälzungen zwischen 1910-1946 in Italien gelingt Pennacchi auf grandiose Art und Weise und schafft damit das, was als „großer Roman“ gelten darf, der nicht nur dem Vergleich mit Hamsuns gleichfalls im Verdacht der Blut-und-Boden-Verherrlichung stehenden Siedlerromans „Segen der Erde“ standhält, sondern sich auch in die lange Reihe der großen Epochenromane einreihen lässt:  Nur geht es hier nicht um den Dreißigjährigen Krieg, nicht um 1848, nicht um eines jener vielen Ereignisse und Daten, die andere Geschichts- und Epochenromane herausgefordert haben und die, wenn man so will, historisch weitgehend ihren Frieden gefunden haben, sondern um eine Zeit und eine Figur, die soeben eine historische Umdeutung erfährt: vom grausamen faschistischen Diktator und Hitler-Freund zum jovialen Bonvivant Mussolini, unter dem, mal ganz ehrlich und unter uns Peruzzi, „doch auch nicht alles schlecht gewesen ist“.

Aus genau dieser Spannung gewinnt der Roman seine Aktualität und sein Konfliktpotential, der auch deswegen eine Herausforderung an die Interpretation stellt, weil Pennacchi nicht nur auf jede Form dumpfnationalistischen Verbrüderungsvokabulars verzichtet, sondern auch historisch ausgezeichnet informiert ist und, wenn man den biographischen Klappentexten glauben darf, durchaus als Linker gilt – eine zusätzliche vergnügliche Volte in dem  unüberschaubaren Komplex Roman und Leben.

Man hätte also gerne Antwort auf folgende Fragen: Ist es „legitim“, eine Figur wie Mussolini so heimelig einzugemeinden in eine „wir Peruzzi“-Fabel? Würde eine ähnliche Geschichte auch in Deutschland funktionieren oder würde sie es ohnehin nie über den Stapel der unverlangt eingesandten Manuskripte hinaus schaffen? Wie ist der Zusammenhang von kontingenter political correctness und literarischer Fiktion?

Ein Roman also zum süffigen Weglesen, derweil die gehirneigenen Aufmerksamkeits- und Warnlampen leuchten und eine interessante Frage nach der anderen durch den Kopf geistert und das süffige Lesen stört. Was will man mehr.

Antonio Pennacchi, Canale Mussolini, Mondadori 2010

Kommentare

Eine Anmerkung to “Antonio Pennacchi, Canale Mussolini”

  1. Werner Coenen schreibt am Freitag, 6. Juli 2012

    Gute und raffiniert geschriebene Rezension! Vielleicht noch ein zusätzlicher Gedanke: Im Laufe des Romans wird der anfängliche Eindruck, der Autor sei ein Mussolini-Fan, revidiert. Pennacchi ein Linker? Mit Sicherheit!

Einen Kommentar schreiben