Montag, 23. Oktober 2017

Brigitte Kronauer, Favoriten. Aufsätze zur Literatur

Die Weltliteratur und ich
Brigitte Kronauer war eine bescheidene Autorin. Nun ist sie 70 geworden und scheint diese Bescheidenheit an den Nagel gehängt zu haben. Vielleicht hat sie sich auch von ihrem Verlag überreden lassen, als in allen Feuilletons seit Jahren rauf und runter gelobte Autorin endlich aus dem Vollen zu schöpfen bzw. die Vorratskammer zu lüften und zum Geburtstag verstreute Texte aus den letzten drei Jahrzehnten in einem Band zu publizieren.
Vielleicht möchte sie, die sich einer Autobiographie immer strikt verweigert hat, nun doch mit der eigenen Denkmalisierung anfangen, mit der Zusammenstellung des Werks. Vielleicht ist aber auch alles gar nicht so gemeint, wie es zwangsläufig im „Favoriten“ betitelten Band daherkommt, in dem Brigitte Kronauer ihre Lieblingsschriftsteller porträtiert.

Doch schon das Cover ist schwer erträglich: Da figuriert die Grossschriftstellerin im Kreise ihrer Lieben, namentlich Büchner, Melville, Faulkner, Hamsun. Im Zentrum platziert die Autorin, drum herum gruppiert die Lieblingsautoren, die zwar ein wenig größer gezeichnet sind, dafür hat allerdings BK einen spöttisch arroganten, ja beinahe schon klischee-literaturkritikerinnenhaften Zug um den Mund. Wer lässt sich so etwas einfallen? Nun sind Autoren im Allgemeinen nicht für die Cover ihrer Bücher verantwortlich, die Illustration hat ein gewisser Reinhard Kleist verbrochen, doch kann man selbst als eigentlich coverresistenter Leser hier studieren, wie ungünstig man unter solchen Umständen in eine Lektüre hineinrutscht.

Brigitte Kronauer stellt also ihre „Favoriten“ vor, das unterscheidet sich nur mehr unwesentlich von den Anmaßungen eines Reich-Ranicki, der bei Hoffmann und Campe gleich eine ganze Reihe mit dem Urin seines Possessivpronomens markiert: „Mein Kleist“, „Mein Büchner“, „Mein Lessing“ etc. Wie bei Reich-Ranicki handelt es sich auch bei Kronauer nicht um irgendwen, also um kaum um vergessene oder unbekannte Autoren, denen von der Büchner-Preis-Bekränzten nun eine Lanze gebrochen würde, nein, es geht um Grosskaliber wie Conrad, Melville, Büchner, William Carlos Williams, Hamsun, Mörike, Robert Walser, Victor Hugo u.a. Auch einige weniger breit bekannte, zumindest nicht international gefeierte Namen wie Marie-Luise Scherrer und Helmut Heißenbüttel sind darunter, doch sonst gibt es hier keine neuen Entdeckungen zu machen. Die Texte sind zudem ausnahmslos recycelt, d.h. sie stammen vor allem aus den Feuilletons großer deutscher Zeitungen, von Preis- und Laudatorenreden und aus Sammelbänden.

Was ist an all dem nun so ärgerlich?

Zum einen die „Favoriten“-Gattung selbst, die nicht von Kronauer erfundene Usance, wenngleich hier durch das Cover mehr als deutlich proklamiert, sich mit Hilfe vermeintlich subjektiv herausgepickter Lieblinge hinterrücks in den Kreis der Weltliteratur einzuschreiben – subtilstes und perfidestes Beispiel dafür ist W.G. Sebalds Buch „Logis in einem Landhaus“ (kaum überraschend, figurieren ebenfalls Mörike und Robert Walser unter seinen besonderen Lieblingen; Autoren von Weltrang, die aber immer wieder Beschützerinstinkte herauszufordern scheinen). Dieser Gattung ist eigen, dass man willkürlich durch die Werke streifen kann, Szenen zitieren, Lieblingsstellen halt, ohne sich der Mühsal einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Entsprechend ist die „Favoriten“-Gattung gemeinhin auch geprägt von naserümpfender Germanistikschelte, da macht Kronauer, trotz eigenem Germanistikstudiums, keine Ausnahme: man möchte seine Lieblinge in Schutz nehmen vor den Seziermessern der kalten analysierenden Zunft, selbst wenn das zu Lasten der Genauigkeit geht (wenig überraschend: die besten Aufsätze im Buch sind die, die sich nur mit einem Werk beschäftigen, z.B. zu Melvilles Versepos „Clarel“); vom Aufsatz über den dergestalt in Schutz genommenen Wilhelm Raabe bleibt demnach wesentlich die Erkenntnis, dass Kronauer ihn erst nicht mochte und dann einen Roman nach dem anderen verschlang und Leseerlebnisse in folgendem Kleid präsentieren kann: „Wer diesen Autor liest, taucht ein, falls ihm seine Raabe-Stunde geschlagen hat, in eine befremdende Heimat mit beißendem Kartoffel- und Rauchfeuergeschmack“.

Aha. Umgekehrt möchte man also lustvoll polemisch fragen: Warum bleiben die Schriftsteller nicht bei ihrem Leisten, belassen die Schwärmereien über ihre jeweiligen Lieblingsautoren nicht in ihren Tagebüchern gemeinsam mit Exkursen über Kartoffel- und Rauchfeuergeschmack und pfuschen nicht ins Handwerk der Kritik? Nun ist Brigitte Kronauer eine viel zu gute und genaue Leserin, um ihr mit einer solchen Frage am Zeug flicken zu können, umso befremdlicher ist dieses Best-of-Gesample.

Und das ist die zweite Kritik: nämlich die Faulheit, die ein solcher Band zu belegen scheint, und die gerade zu der so kontinuierlich und still einen Roman nach dem anderen vorlegenden Kronauer so wenig passt. Denn was die Texte, von denen einzig der Einleitungstext für diesen Band entstanden ist, neben der Favoriten-Klammer in erster Linie gemeinsam haben, ist ihre Disparatheit. Das heisst: was als einzelner Text im Feuilleton luzide, als Laudatio persönlich gewirkt haben mag, was als Essay oder Vorwort in einem thematisch definierten Kontext stand, ist nun einigermassen beziehungslos nebeneinander gewürfelt – und das tut den Texten nicht gut und setzt sie der Beliebigkeit aus, so dass man im Lauf der Lektüre nur gewinnend, wenngleich nicht ganz überraschend, heraus destilliert, welche poetologischen Ziele Brigitte Kronauer selbst verfolgt.

Warum also nicht gleich eine Poetologie der großen Autorin, warum formuliert sie nicht einen Langessay über ihr Schreiben, wie sie es in Teilen schon in ihren Aufsätzen in Konkret von schon in den 1970er Jahren getan hat, die hier bis auf einen nicht abgedruckt sind? Warum muss das, was sie für ihr eigenes Schreiben als wesentlich erachtet, hier implizit qua Favoritensticker an den Leser gebracht werden?

Wie gerne würde man so, wie es zum Beispiel im Aufsatz zu Helmut Heißenbüttel in wenigen Sätzen zum Ausdruck kommt, in ausführlicher und gerne mit Beispielen gespickter Form lesen: „Ein passioniertes Verhältnis der Sprache ebenso wie der Wirklichkeit gegenüber zeichnet jeden ernsthaften Schriftsteller aus, ob das diskret oder ostentativ manifest wird, und der einzig entscheidende, zugleich verpflichtende Avantgardismus ist der, eben diejenige Sprache zu finden und zu erfinden, die mit geringster Differenz zu eigenen Selbst sprechbar ist.“
Wenig später heißt es, wieder in Bezug auf die Positionierung des Schriftstellers in der Welt und im Verhältnis zur Sprache: „Wesentlich ist, auch mit dem Risiko großer Einsamkeit oder großen Erfolgs durch Mißverständnis, eine Redeweise zu finden, die den Schriftsteller und seine Inhalte – und da kommt im Prinzip alles in Frage – für ihn adäquat ausdrückt. Sein Beharren auf einer signalhaften, eventuell luxuriös erscheinenden, stellvertretenden Empfindlichkeit bei der Suche nach der richtigen, also für ihn sprechbaren Redeweise, das ist der springende Punkt.“

Das möchte man lesen! Gerade im Hinblick auf die immer wieder als manieriert beschriebenen Romane Kronauers, die sich jedoch kaum je ein Rezensent zu verreißen getraute, nicht zuletzt, weil er der Autorin an sprachlicher und programmatischer Kraft zwangsläufig unterlegen wäre, sind solche poetologischen Ausführungen mehr als interessant – erhellend und belebend. Dass sie über eine eigene Poetologie verfügt und diese klar zum Ausdruck bringen kann, belegen so ex negativo viele der im Band versammelten Texte. Immer wieder wird die These variiert, wie zum Beispiel in ihrer Büchner-Preisrede, dass die artifizielle, jeweils persönliche Sprache der Literatur einen Weg finden müsse, die Wirklichkeit nicht vermeintlich eins zu eins abzubilden, sondern sie „unter dem groben Umriß der Schablone nur, samt einem jeden ihrer Bewohner“ als nicht einfach durchschaubare bloß zu legen.

Kunst, so der weiterführende Gedanke im Aufsatz über Mörike, lässt sich nicht nach Inhalten und Inhaltsangaben konsumieren, sondern richtet sich einzig und allein auf die Form des Dargestellten: „In der Literatur als Kunstform gilt jedes Wort und seine Plazierung. Das ist ihre Art von Moral, nicht das reflexhaft Betroffenheit auslösende Thema. Und wenn wir Kunst noch so gerne nach ihren Inhalten konsumieren! Schließlich ist es ja auch das Bequemere und Kommunikativere. Nur eben: das Falsche.“

Warum angesichts solcher hellsichtiger Scharfgeschosse dann doch wieder darum gehen muss, den Leser als Mitleidenden zu evozieren, die emphatische Lektüre mit Heulen und Zähneklappern und allem was dazugehört und was die Kritiker nie begreifen werden – das begreift man dann in der Tat nicht. Es ist, als würde sich Kronauer an vielen Stellen vorsichtshalber in die Reine Rezeption zurückziehen, die sinnlichen Momente, die jede gute Lektüre hat und unbedingt haben soll, die nur eben persönlich, privat sind und zur Erkenntnis eines Werkes nichts oder in erster Linie Peinliches beitragen. Warum muss unbedingt das – dabei unbedingt notwendige! – „Mitleiden“ in den Vordergrund gerückt werden, die Überwältigung, das Durchgerütteltwerden, die Verzückung bei bestimmten Lektüren, so als erlaube nur die korrekte Betroffenheit die Aufnahmeschein in den inner circle der wahren Literaturliebhaber: „Jeden endlich, für den Literatur ein Teil des Lebens ist, müßte der Roman [„Mrs. Dalloway“] aber dort unerbittlich in die Knie zwingen, wo das maienverzückte Liebeslied einer greisen Bettlerin zwei Seiten lang den Zusammenhang von Gegenwart und Urzeit, von ‚ewigem Frühling’ und Staub – vorläufig – unvergänglich bezeugt.“

Jeder, der also nicht an den richtigen Stellen in die Knie gezwungen wird, ist raus, ist kein echter Liebhaber, so die Erkenntnis aus diesem Text und dem Buch. Das ist, neben der Anmaßung, die darin trotz aller Liebhaberei zum Ausdruck kommt, eine überflüssige Erkenntnis und so bleibt nach Ende der Lektüre die Hoffnung, Brigitte Kronauer möge einfach weiter nur Romane schreiben und uns, vielleicht zu ihrem 80., mit einer ihrer sprachlichen und intellektuellen Kraft angemessenen Poetologie beglücken.

Brigitte Kronauer, Favoriten. Aufsätze zur Literatur, Klett-Cotta 2010.

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