Montag, 11. Dezember 2017

Hundert Jahre Türkei. Zeitzeugen erzählen

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Diktatur, Demokratie, Dengbêj: Ein großes Prisma der heutigen Türkei

Vor einer Reise schlägt der alte Bildungskomplex zumeist noch einmal zu. Umgehend wünsche ich alles zu wissen, was es über das entsprechende Land zu wissen gibt, mache mir  Vorwürfe, mich nicht schon längst um  historische und kulturelle Grundlagen gekümmert zu haben, kaufe Reiseführer und hoffe bei einer raschen Google-Recherche ein möglichst kompaktes Buch zu finden, dass diese absurden Last-minute-Allwissenheitsgelüste befriedigt. Man kann es nicht anders sagen, dem 2010 erschienenen Sammelband «Hundert Jahre Türkei. Zeitzeugen erzählen» gelingt es tatsächlich, diesem albernen Bedürfnis zu entsprechen. Aber nicht das soll hier Anlass für eine Lob- und Preisschrift sein, sondern die editorische Großtat, auf knapp 400 Seiten auch dem Neueinsteiger einen umfassenden Einblick in die Spannungsverhältnisse der heutigen Türkei zu geben. Es gibt dem, dem das Überangebot an Atatürk-Fahnen, das Nebeneinander von Bikini-Mädchen und Ganzkörperverschleierung, die verfallenden griechischen und armenischen Häuser, das Vibrieren in den kurdischen Teilen der Türkei einiges zu denken gibt, einen Führer an die Hand, der diese sichtbaren Diskrepanzen nicht etwa «erklärt», sondern historisch zu verstehen hilft. Ja man kann gar nicht anders, als das gesamte Hochleistungsvokabular von «sachkundig», «kenntnisreich», «umfassend», «präzise» aufzuführen, um den Band und seine Auswahl zu charakterisieren.

In einem (selbstverständlich umfassenden, sachkundigen und präzisen) Vorwort werden zunächst einige der historischen Meilensteine, Strömungen und Namen benannt, die in den folgenden 57 Texten eine Rolle spielen: den Aufstand der Jungtürken gegen das osmanische Reich 1908, der den Auftakt zu den vielen Militärputschen in der Türkei im 20. Jahrhundert bildete, die Zeit des Waffenstillstands zwischen 1918 und 1923, in der das osmanische Reich unter der Herrschaft von Engländern und Franzosen gewissermaßen endgültig implodierte, die siegreichen Kämpfe Atatürks, der damals noch Mustafa Kemal hieß, gegen die Griechen in Anatolien und schließlich sein sagenhafter Aufstieg ab 1923, der buchstäblich eine neue Nation aus dem Nichts erschuf und die Vergangenheit genauso buchstäblich ausradierte. Der Bevölkerungsaustausch, der Griechen und Türken ohne Rücksicht auf Verluste umpflanzte, die antigriechischen Pogrome, die Putsche von 1960, 1971, 1980 und auch die jüngsten Erkenntnisse über die Verschwörung Ergenekon – alles wird natürlich nur angerissen, aber , und das ist der entscheidende Unterschied im Hinblick auf einen Bildungskomplex, nicht im Sinne auswendig zu lernender Materie, sondern eines organisch gewachsenen, von vielen Brüchen gekennzeichneten Ganzen, das sich nicht lediglich chronologisch, sondern immer auch aus ganz verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen lässt.

Sagt sich so einfach, ist es aber nicht. Denn wie stellt man inhaltlich und stilistisch heterogenes Textmaterial zusammen, dass dennoch chronologisch als Geschichte des Landes in den letzten hundert Jahren lesbar sein soll – also ohne auf allzu viel Vorauswissen beruht und jeweils die politischen und gesellschaftlichen Meilensteine berücksichtigt, die zum Verständnis des jeweiligen und am besten auch noch der folgenden Texte notwendig sind. Die Auswahl ist in dieser Hinsicht stupend, und es scheint schier unfassbar, dass keiner der abgedruckten Texte bisher auf deutsch lesbar war.

Um die Übersicht zu gewährleisten, sind die Texte – aus verschiedenen Memoiren, Zeitungen, Sammelbänden zusammengetragen – gekürzt, sie erscheinen ohne Fußnoten und werden jeweils mit einem kurzen Text eingeleitet (der, einer von zwei kleinen Kritikpunkten, manchmal arg didaktisch gerät), der dabei hilft, den Text zu verorten.  So wird im Text des Journalisten Hüseyin Yalçin die Euphorie für die türkische Fahne deutlich, die am Ende der Herrschaft von Sultan Abdülhamit endlich frei flattern darf: «Wenn eines Tages das Ende der Herrschaft Abdülhamits mit Böllerschüssen verkündet würde, wollte ich – selbst wenn es mitten in der Nacht wäre, selbst wenn ich mich auf dem Meer nahe dem anatolischen Ufer befinden würde – in ein Boot springen, nach Istanbul zur Zeitungsredaktion fahren und sofort beginnen, frei zu schreiben.» Wenn er wie überglücklich schreibt: «Wir haben nicht erst nach dem Sieg geflaggt, sondern wir haben erst durch das Flaggen gesiegt!» bekommen die dem unbeteiligten Auge so fremd wirkenden Atatürk-Fahnen eine neue, wenngleich wohl längst verblichene Bedeutung von Erleichterung und Sieg. Ömer Seyfettin hingegen, Lehrer und Schriftsteller, beschreibt in einer zugleich nachdenklichen und vergnüglichen Anekdote, wie das, was er und ein jungtürkischer Patriot in einem bulgarischen Dorf für die roten Flaggen der türkischen Nation halten, sich als zum Trocknen aufgehängte Paprikaschoten erweisen.

Sabiha Gökçen, Atatürks Ziehtochter, beschreibt in einem patriotisch konformen und in seiner biederen Gefolgstreue fast schon unheimlichen Text ihren Einsatz als Kampfpilotin beim Kurdenaufstand in Dersim 1937/38; seltsamerweise wird in ihm zugleich die Fortschrittlichkeit Atatürks in feministischer Hinsicht und die militaristische, reaktionäre Verbissenheit bei allem, was «die Nation» gefährden könnte, deutlich: «Nicht die Linie, sondern die Fläche ist Verteidigung. Diese Fläche ist ein ganzes Land. Eine Nation, die ihre Soldaten mit dem  Ziel, den Frieden zu schützen, rekrutiert, kämpft überall unter der Friedensfahne. Wir werfen weder ein Auge auf eine Handbreit Boden eines anderen, noch haben wir eine Handbreit Erde zur Verfügung, die wir einem anderen geben würden.»

Diese Handbreit Erde, die nicht einmal im geographischen Sinn, sondern auch metaphorisch, d.h. in ethnischer und religiöser Hinsicht, nicht zur Verfügung stand und heute nur sehr bedingt zur Verfügung steht, ist immer wieder Grundtenor der Texte. Was ist die Türkei? Worauf gründet sie sich? Wie wird aus einem Vielvölkerstaat eine Nation? Es mutet ungeheuerlich an, was Atatürk in den kaum 15 Jahren seiner Regierungszeit in der Türkei durchgedrückt hat und bis heute stellt sich jedem, der das Land besucht, die Frage, ob sich eine Nation tatsächlich mit Kleider-, Namens-, Kalender-, Uhrzeit-, Sprach- und Schulverordnungen buchstäblich am Reißbrett konstruieren lässt und tatsächlich zur «Türkei» geworden ist. Oder ob nicht vielmehr unter dieser so rasch und gewaltsam umgemodelten Oberfläche, die mit entsprechend harter Hand verteidigt werden muss, es alevitisch, kurdisch, griechisch, armenisch, jesidisch gärt, ja ob nicht zuletzt die säkularen Verordnungen Atatürks eine Voraussetzung war für den religiösen Backlash der Regierung Erdogan.

Solche Fragen stellt der Band nicht, sie ergeben sich vielmehr von ganz allein, wenn man das Kaleidoskop der Texte durchwandert: eine Verteidigung der verschleierten Studentinnen der 1980er Jahre, die ihren Glauben auch zum Protest gegen die repressiven Methoden des Regimes einsetzten, das gleichzeitig Willkommenheißen jüdischer oder kommunistischer deutscher Professoren wie Leo Spitzer, Hans Reichenbach, Alfred Kantorowicz, Georg Rohde und Erich Auerbach während des Naziregimes in Deutschland, und das Durchsetzen einer am selben Naziregime orientierten Vermögenssteuer zwischen 1942 und 1944, die ausschließlich von den ethnischen Minderheiten, d.h. vor allem den Juden, erhoben wurde. Das von der Regierung Menderes angezettelte Progrom gegen die griechische Minderheit 1955, das der Reichskristallnacht erschreckend ähnlich gesehen haben muss und das den Zypernkonflikt überhaupt erst ins Leben rief – und nicht zuletzt die Gewalt deutlich macht, die das ganze türkische Jahrhundert durchzieht und die auch in den Texten implizit und explizit immer wieder zum Ausdruck kommt.

Doch auch vermeintlichen «Randthemen» oder Figuren wird Beachtung geschenkt, der Entwicklung der Aleviten z.B. oder dem  einstigen Hofdichter Atatürks, Behçet Kemal Çaglar, dazu gibt es immer wieder Überblicksdarstellungen, die dem Leser helfen, die intellektuellen Standpunkte und Debatten der Zeit zu verstehen – so wenn Oya Baydar einen «Offenen Brief an die Putschgenerationen» schreibt oder Murat Belge in einem eindringlichen großen Text für die Abschaffung eines territorialen Nationalgefühls und für ein universelles Wir-Gefühl plädiert. Davon hätte man sich, trotz der 580 Seiten, anstelle der vielleicht allzu breit geratenen Atatürk-Zeitzeugenberichte noch mehr gewünscht, weil man damit inmitten der heutigen Türkei angelangt ist, in der es zwar zum Zeitpunkt der Publikation noch keine Gezi-Proteste gab, es  jedoch unvermindert brodelte.

Doch wie immer sich die Türkei in den nächsten hundert Jahren entwickeln will, ein großartiger Führer fürs historische Handgepäck liegt vor.

Hundert Jahre Türkei. Zeitzeugen erzählen

Unionsverlag, Zürich 2010

 

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