Montag, 11. Dezember 2017

Katherine Mansfield, Sämtliche Erzählungen

Irritierende Abwesenheit von Pointen978-3-257-06839-9

Seit langem schon muss ich über die Bedeutung der Pointe nachdenken, im Leben wie in der Literatur. Wofür ist die Pointe gut, die – zumeist am Ende platziert – gewissermaßen nachträglich die Legitimation liefert, eine Geschichte überhaupt zu erzählen und sie als irgendwie beachtenswerten Erzählzusammenhang aus dem Meer alltäglicher Begebenheiten herauszuheben?

In solchen Alltagserzählungen, Anekdoten, lässt sich die unbedingte Notwendigkeit der Pointe beobachten, wenn sich jemand nicht auf ihre Akzentuierung versteht, eine Geschichte also offensichtlich plan- und ziellos dahin plätschert und immer weiter und weiter geht, derweil die Zuhörerschaft immer dringlicher auf den Moment des befreienden Gelächters oder des erstaunten Ausrufs wartet.

Andererseits hat die Pointe, effektiv eingesetzt, die Eigenschaft, alles sie weithin umgebende – Beschreibungen, Nebenfiguren, Farben, Stimmungen – als Dekor zu deklassieren und nachträglich als bloße Vorbereitung in Vergessenheit geraten zu lassen: Sie allein stiftet nachträglich den Sinn des Erzählten. Sobald sich also eine Geschichte zur Pointe hin zuspitzt, gerät alles in deren Fahrwasser, wird mitgespült und verliert den Anspruch auf eigene Existenz oder gar Aura. So unerlässlich also die Pointe für einen geselligen Abend ist, birgt ihre Sogwirkung  die Gefahr der Eindimensionalität: man trampelt auf ausgetretenem Pfad zum Ziel (man versuche nur, eine schon häufiger „zum Besten“ gegebene Geschichte, mit anderen Details oder gar Schwerpunkten zu erzählen).

Katherine Mansfield ist eine so konsequente Verweigerin der Pointe, dass – so vermeint man im Überschwang und in der Befremdung des ersten Lesens – allein diese Leerstelle eine neue Kategorisierung der Kurzgeschichte herauszufordern scheint: Was soll das? Wie konnte sie mit der Abwesenheit der Pointe so bestechend sein, dass ausgerechnet Virginia Woolf, die große Virginia Woolf,  bekannte, eifersüchtig auf diese Art des Schreibens zu sein? Um die Pointe vorwegzunehmen: Ich weiß nicht es nicht. Auch dann nicht, wenn man von der zwar hie und da zutreffenden, jedoch nicht zielführenden Vermutung absieht, dass hier ein faszinierend unabhängiges, farbiges und mit dem frühen, d.h. genieverdächtigen Tuberkulosetod 1923 garniertes Leben (Neuseeland, Bloomsbury, bisexuell, viele Liebschaften, prominente Freunde, „starke Frau“ in Korsettzeiten etc.) , übermäßig auf die Rezeption abgefärbt habe.

Weder sind ihre Kurzgeschichten stilistisch so einheitlich, dass damit ein Alleinstellungsmerkmal deutlich würde, noch legitimieren sie etwa durch übergroßen Detailreichtum oder besondere Stimmungsdichte das wiederum deutlich akzentuierte Abweichen vom die Kurzgeschichte unter anderem definierenden Merkmal „Pointe“.

Ihre Sujets und Erzählräume sind übersichtlich: Zumeist befinden sich die Protagonisten in Pensionen oder Hotels bzw. in deren Speisesälen oder auf den dazugehörigen, häufig in blühende französische Landschaft hinausweisenden Terrassen. Sie drücken sich in die Ecken von Zugabteilen, sitzen an der Bar oder an den Ecktischen spartanisch ausgestatteter Cafés und Kneipen, darin einigen der verlorenen Gestalten in den Erzählungen etwa Emanuel Boves oder Jean Rhys’ ähnlich.

Aber Erzählungen, in denen es etwa um Armut oder Alkohol geht – also so, dass man mit dem Finger auf ein Thema oder die Darstellung einer gesellschaftlichen Schicht zeigen könnte –, sind in dem ohnehin spärlichen Werk die Ausnahme. Mansfields erster Erzählungsband In a German Pension, der 1911 erschien und auf ihren Erfahrungen als Kurgast im Schwarzwald basiert, zeigt, wie weit sich die Autorin innerhalb weniger Jahre weiterentwickelte. Es scheint, als hätte sie danach erkannt, dass die Kombination von scharfer Beobachtungsgabe und Zynismus zwar unterhaltsam, auf die Dauer aber wenig zielführend ist: All diese Erzählungen haben nämlich das gleiche Ergebnis, ergo eine Pointe, ergo dass der Kurgast ein lächerliches Wesen und die Deutschen darunter die dicksten, dümmsten und hässlichsten Exemplare sind. Nach der Hälfte der 13 Erzählungen hat man das Prinzip verstanden und Langeweile macht sich breit, unterbrochen höchstens von unbehaglichen Schauern angesichts eines immer wieder brutal durchprobierten Naturalismus’, etwa in der Erzählung vom Child that was tired.

Doch mit der ersten Erzählung Prélude ihres zweiten Erzählungsbandes Bliss, Glück, setzt etwas Neues ein. Es geht hier erstmals um die Burnells, d.h. Mansfields eigene Familie, deren Töchter Kezia und Lottie am Abend des groß angelegten Umzugs der Familie von der Stadt aufs Land auf dem Sitz eines  Pferdewagens in ihr neues Zuhause gefahren werden. Im Buggy war kein Platz und so werden sie zuerst in die Obhut der Nachbarin und ihrer Rangen gegeben (I.), wandern dann ziellos durch das leere Haus (II.) – „Das Eßzimmerfenster wies in jeder Ecke ein Viereck aus Buntglas auf. Das eine war blau, und das andere war gelb. Kezia bückte sich, um noch ein letztemal blauen Rasen mit blauen Kallalilien am Tor zu betrachten, und dann gelben Rasen mit gelben Lilien an einem gelben Zaun“ –, fahren anschließend mit dem „Rollkutscher“ (Übersetzung?) durch die ihnen in der Dunkelheit vollkommen fremd erscheinende Gegend in ihr neues Zuhause auf dem Land, wo sie von der Großmutter, der träumerischen Mutter Lisa und der blühenden und bereits von der Angst vor dem Verblühen ergriffenen Tante Beryl entgegengenommen werden (III.). Alle gehen ins Bett, die Kinder, Stanley und Lisa Burnell, das Faktotum Pat; Beryl genießt beim Auskleiden im Mondlicht ihren schönen Körper. „Die letzte, die sich schlafen legte, war die Großmutter.“ Im „Garten kauerten Zwergeulen auf den Zweigen eines Stinkbaumes und riefen ‚Mord-Mord! Mord-Mord!’ Und weit weg im Busch schnatterte es heiser und hastig ‚Hahaha! Hahaha!“ (IV.). Die Morgendämmerung bricht an, Stanley fühlt Tatendrang im ganzen Körper, stürmt ins Bad und zum Frühstück; alle Frauen im Haus sind erleichtert, als er endlich auf dem Weg in die Stadt und ins Büro ist. Linda liegt im Bett, hört die Kinder im Garten spielen und fühlt die Dinge um sich herum lebendig werden (V.). Großmutter, Beryl und Linda ordnen letzte Umzugsangelegenheiten im Haus, Kezia taucht in die Welt der Phantasie und Spiele unter den großen Gartenpflanzen, deren größte (und ursprünglich titelgebende) die Aloe ist, die nur „einmal alle hundert Jahre“ blüht (VI.). Auf dem Heimweg vom Büro kauft Stanley Austern, Ananas und Kirschen, freut sich auf sein Zuhause, genießt die abendliche Runde um den Esstisch: „Ich bin so verrückt glücklich“, sagt er. Beryl sitzt im Wohnzimmer in einem weißen Musselinkleid und spielt Gitarre und wird vom unsentimentalen Dienstmädchen Alice unterbrochen (VII.). Die Vettern Pip und Rags kommen aus dem Nachbarhaus mit ihrem Hund Snooker, an dem sie regelmäßig giftige Substanzen ausprobieren, und erzählen den Burnell-Mädchen, was und wie sie bei sich zuhause spielen (VIII.). Pat schlachtet vor den Augen der Kinder eine Ente (IX.). Alice bereitet den Tee in der Küche vor, liest ein Buch über Traumdeutung, ärgert sich über die hochnäsige Beryl (X.). Abends wird die Ente gegessen, Beryl und Stanley spielen Cribbage, die Großmutter betrachtet die Aloe: „Als sie auf der Verandatreppe standen, schien die Rasenkuppe, auf der die Aloe wuchs, wie eine Welle zu wogen, und die Aloe schwamm wie ein Schiff mit hochgehobenen Rudern drüber hin. Heller Monschein schimmerte wie Wasser auf den Rudern, und auf der grünen Welle glitzerte der Tau. ‚Spürst du es auch’, fragte Linda und sprach mit dem eigenartigen Tonfall, mit dem Frauen nachts miteinander sprechen, als redeten sie im Schlaf oder aus einer tiefen Höhle heraus, ‚spürst du es auch, daß sie auf uns zukommt?’“. Linda denkt an das Schicksal aller Frauen, Kinder bekommen zu müssen und die klaren und eindeutigen Gefühle für Stanley, von denen eines der Haß ist (XI.). Bery schreibt einen Brief an ihre Freundin Nan Pym, in dem sie künstlich vergnügt herumplaudert und sich für diese Verlogenheit und Eitelkeit selbst verachtet. Kezia kommt ins Zimmer, bleibt dort allein, spielt mit Beryls Cremedose, die dann doch nicht zerbricht: „Dann ging sie auf Zehenspitzen hinaus, viel zu hastig und viel zu leichtfüßig“ (XII.).  Ende.

Es ist dies der längste zusammenhängende Text von Mansfield, deren Texte meist nur wenige Seiten umfassen, doch macht gerade die Länge die Abwesenheit der erlösenden Pointe eines so sorgfältig aufgebauten Tableaus besonders deutlich. Wie ausstaffierte lebende Bilder ziehen die einzelnen Szenen vorbei – en miniature noch einmal in der Erzählung The Doll’s House aus dem Erzählungsband The Dove’s Nest, in welches die Burnell-Töchter den Klassenkameradinnen ihr neues Puppenhaus und dessen besonders delikate Lampe vorführen –, ohne dass man begriffe, worauf die Erzählung zusteuere bzw. in dem man gezwungen ist, nach und nach anzuerkennen, dass die Erzählung nirgendwohin steuert, sondern in jedem einzelnen Tableau ihren Sinn erfüllt.

Selbst wenn man die einzelnen Elemente zu sezieren versucht – der klassische, dem 19. Jahrhundert verpflichtete „Aufbau“ der Erzählung, das Symbolistische verfremdender Mondnächte und der Aloe, die psychologisch hingetupften Schrecken der Ehe, resultierend aus energiegeladenem Büroselfmademan und beschäftigungsloser Ehefrau, in denen man Scott Fitzgerald zu hören vermeint, die Bedeutung der ungezähmten Natur auf dem Land im Vergleich zum domestizierten Leben in der Stadt u.ä. –, gerät man dabei höchstens in eine Addition ohne Ergebnis. Auch die Tatsache, dass die Burnells auch in anderen Geschichten wieder auftauchen, verhilft ihnen – anders als z.B. die Glass-Familie bei J.D. Salinger – keineswegs zu einem Charakter. Fast dankbar ist man also für berühmte und entsprechend anthologisierte Erzählungen wie etwa Bliss, Glück, in der die soeben zu sexuellem Leben erwachte Protagonistin Berthe in der Diele ihren Mann bei Liebesgeflüster mit der von ihr begehrten Frau sieht, oder The Garden Party, wo die reiche neuseeländische Oberschicht porträtiert wird, die ihre Gartenparties auch dann abfeiert, wenn in den Hütten der Armen in unmittelbarer Nachbarschaft gerade jemand zu Tode gekommen ist. Ja, da ist sie nämlich, die Pointe, eine Erkenntnis und ein auszuformulierender Konflikt.

Doch bei den allermeisten der oft nur wenige Seiten umfassenden Geschichten steht man mit seiner Was-soll-das-Frage jeweils wie an einer Kante, ohne den Weg wieder zurück zu finden. Kurzzeitig kann man sich mit den einschlägigen literaturwissenschaftlichen Kategorisierungen behelfen, also der in diesen nicht abgeschlossenen Erzählungen sich kraftvoll Bahn brechenden „Moderne“ oder aber dem „Impressionismus“, also dem Hingetupften, Farbigen, ganz so, als setze sie mit der Feder einige Kleckse und sehe dann zu, wie das ganze verläuft bzw. male so, dass man aus der Nähe nur die Farbpigmente sieht, die sich erst aus der Ferne zu einem Bild zusammensetzen.

In der eigenen Lektüre klaffen, wie immer, schon einige Tage nach dem Lesen große Erinnerungslücken. Und doch erscheint diese Lücke programmatisch: Was habe ich eigentlich gelesen? Ich kann erkennen, dass sich Erzählungen wie Psychology, Mr and Mrs Dove und in Something Childish, but very natural um die Vergeblichkeit oder auch Albernheit romantischen Liebesbemühens herum entfalten, doch lässt sich das, was auch noch in den Protagonisten vorgeht, nur wie hinter einem Schaufenster erkennen und weder „miterleben“ noch „nachvollziehen“.

So wenn in Psychology die beiden Mittdreißiger sich trotz ihrer intellektuellen Gespräche auf die Sprache jenseits des Sprechens verlassen; als sie diese Kommunikation als gestört empfinden, bricht sofort alles zusammen: „Das Gespräch plätscherte weiter. Und diesmal hatten sie es anscheinend wirklich geschafft. Um ihn anzublicken, während sie redete, drehte sie sich in ihrem Sessel ein wenig um. Ihr Lächeln besagte: ‚Wir haben es geschafft!’ Und er lächelte überzeugt zurück: ‚Ganz bestimmt!’ Doch das Lächeln wurde ihnen zum Verhängnis. Es dauerte zu lange, es wurde zu einem Grinsen. Sie sahen sich als zwei feixende kleine Marionetten, die im Nichts herumzappelten. ‚Worüber haben wir nur gesprochen?’, dachte er. Er fand es so entsetzlich langweilig, daß er beinahe stöhnte.“ Etwas geht schief, man weiß nicht was, er geht, ihr Herz schmerzt, die Pointe fehlt, aber es kommt jemand anders: eine alte Jungfer auf der Suche nach Gesellschaft, die ein paar Veilchen vorbeibringen will und die, ganz gegen ihre Erwartung, leidenschaftlich umarmt wird. Dann schreibt sie einen Brief an den guten Freund, das ihr Gespräch über den psychologischen Roman sie weiter beschäftigt habe, „es war wirklich hochinteressant“, gute Nacht, kommen Sie bald wieder.

Das macht keinen Sinn. Und ist auch nicht, da sämtliche psychologischen Erklärungen trotz des Titels weiträumig ausgespart sind, „menschlich“ nachvollziehbar. Die beiden Protagonisten haben nicht einmal einen Namen, und erst recht keinen Charakter, niemand wird je in emphatischem Sinn „lebendig“, auf Realismus kommt es nicht an. Ich wage zu behaupten, dass es in Mansfields Erzählkosmos keine einzige Figur gibt, an die man sich als „Charakter“ erinnern müsste, zugleich sind die Figuren mehr – vielleicht auch viel weniger – als Prototypen, Symbole oder Träger bestimmter Emotionen.  Sie tauchen auf und verschwinden geheimnislos, man trauert ihnen nicht nach, genauso wenig wie den vielen vorbeigezogenen Cafészenen, Gartenszenen, Eisenbahnabteilszenen. Hin und wieder glänzt eine Metapher auf, deren Leuchtkraft in die Geschichte hineingetragen wird („Der Mut ist wie ein ungehorsamer Hund: fängt er erst einmal an zu davonzulaufen, rennt er um so schneller, wenn man ihn zurückzurufen versucht“ aus Pension Sénguin), doch selbst besondere Bilder, die man im Gedächtnis zu haben vermeinte, muss man blätternd noch einmal suchen, so schnell haben sie sich verflüchtigt (das rosafarbene Haus aus Eis, das am Ende zum Entsetzen des kleinen Moon eine Ruine ist, in der Erzählung Sun and Moon, oder die arme kleine englische Gouvernante, die durch München irrt, wo sie von ihrer ach so reizenden Zugbekanntschaft fast vergewaltigt worden wäre).

Ende, keine Pointe, trotz des Verdachts, dass gerade die Erzählungen, von denen man schon im Moment des Buchzuschlagens nicht mehr zu sagen wüsste, worum es eigentlich geht und aus denen man niemals zitieren könnte, die besonders guten sind.

 

Katherine Mansfield, Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden. Herausgegeben und aus dem Englischen von Elisabeth Schnack. Mit einem Vorwort von Anthony McCarten. Diogenes 2012

 

 

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