Freitag, 21. Juli 2017

Franz Grillparzer, Selbstbiographie

Der Klavierlehrer Johannes Mederitsch2014-09-15 16.51.05 HDR

Lange laborierte ich an einer Rezension über Grillparzers Selbstbiographie herum, 1872 posthum erschienen – eines jener Bücher, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, dass man einmal in den Genuss kommen würde, sie zu lesen –, aber es wollte nichts Rechtes draus werden. Sei es, dass mir die neueren Terminologien der Literaturwissenschaften flötengegangen sind – bei einem kursorischen Versuch im Katalog der Staatsbibliothek musste ich erkennen, dass das, was Grillparzer da treibt, offenbar heute «Auto(r)fiktion» genannt wird –, sei es, dass mir das eigene Vorgehen, mit Hilfe einer bestimmten Idee oder Perspektive «Zugriff» auf einen Text zu bekommen, zunehmend suspekt wird. Sei es vielleicht auch, dass bestimmte Bücher eigentlich nur einer tautologischen Behandlung zugänglich zu sein scheinen, indem man seitenweise zitieren möchte und immer nur «da! da! da!» rufen.
Nein, so gut ist die Grillparzer-Autobiographie nun auch wieder nicht, und doch erfüllt von großartigem Witz und beißendem Spott, eines der Bücher, bei denen, wenn man die Buchdeckel längst zugeschlagen hat, doch so etwas wie ein im Lesen allein nicht kommensurabler Rest verbleibt, der Wunsch, sich wieder einmal über die niemals abreißenden Merkwürdigkeiten von Lebensbeschreibungen zu wundern, wenn es schon nicht zu einer richtigen Rezension reicht.

Grillparzers Selbstbiographie liest sich im ersten Drittel höchst vergnüglich, weil er hier aus dem Fundus längst verblichener und damit voll auszugestaltender Figuren schöpft. So z.B. der Klavierlehrer, den die musikbegeisterte Mutter ins Haus holt: «Leider war meine Mutter in der Wahl nicht glücklich. Sie verfiel auf einen Johann Mederitsch, genannt Gallus, einen, wie ich in der Folge erfuhr, ausgezeichneten Kontrapunktisten, der aber durch Leichtsinn und Faulheit gehindert wurde, seine Kunst zur Geltung zu bringen. Bestellte Arbeiten konnte niemand von ihm erhalten, eine begonnene Oper mußte der Kapellmeister Winter vollenden, ja durch einige Zeit in Diensten des letzten Königs von Polen, ging er jedesmal zur Hintertüre hinaus, wenn der Wagen des Königs am vordern Tore anfuhr, so daß ihn dieser endlich entließ, ohne ihn je spielen gehört zu haben. Um nicht geradezu zu verhungern, mußte er Klavierunterricht geben, obwohl es ihm widerlich genug war. Mich gewann er lieb, aber sein Unterricht war eine Reihe von Kinderpossen. Die Finger wurden mit lächerlichen Namen bezeichnet, der schmutzige, der ungeschickte. Wir krochen mehr unter dem Klavier herum, als daß wir darauf gespielt hätten.»

Welche Charakterisierung inmitten eines dickleibigen Dickens-Romans könnte effektvoller sein, man versuche im Anschluss nur einmal, das historische Leben und Werk besagten Gallus zu recherchieren, ohne ihn unter dem Grillparzerschen Flügel herumkriechen zu sehen, mit flatterndem und schmutzigen Kragen, die Haare gelichtet, die Zähne braun, die eine oder andere Kinderposse musikalisch begleitend – eine jener Veranstaltungen, die er, wie Grillparzer trocken anmerkt,  »wie jede Kinderei, mit Eifer auffasste». Gallus wird binnen weniger Zeilen zu Literatur, ob er wirklich gelebt hat, ist vollkommen nebensächlich.

Das gleiche gilt für das Dienstmädchen, das an Büchern neben ihrem Gebetbuch nur noch eine Ausgabe der «Zauberflöte» ihr eigen nennt, da sie einst einen Affen in der genannten Oper gespielt hatte und «jenes Ereignis als den Glanzpunkt ihres Lebens» begriff. Die Köchin widerum wünscht immer wieder ein Stück über die Hinrichtung Ludwigs XVI. auf dem Klavier zu hören, «in dessen zweitem Teile ein Rutsch mit einem einzigen Finger über eine ganze Oktave vorkam, welcher das Fallen des Mordbeiles ausdrücken sollte», ein musikalischer Effekt, über den die Köchin Tränen vergießt. 
Das sind die Stellen, die Figuren, über die man immer weiter lesen möchte, von denen man sich – wider besseren Wissens – wünscht, dass sie wieder vorkämen und eine größere Rolle spielten im Roman von Grillparzers Leben - so wie auch der schrullige Graf, bei dem der junge Grillparzer eine Weile als Hofmeister angestellt ist und mit dem er vormittagelang den Küchenzettel durchgehen muss, was diesen weit mehr interessiert als die Bildung seines Sohnes. Wer also einer Fibel bedarf, wie aus leibhaftigen Personen im Handumdrehen Figuren werden, der nehme dieses erste Drittel Grillparzer-Autobiographie freudigst zur Hand.

Analog dazu werden die Schilderungen seines beruflichen Werdegangs, je näher er der Gegenwart rückt, immer dünner. Vermutlich gab es persönliche Rücksichten zu nehmen, aber vor allem ist die Lustlosigkeit spürbar, mit der Grillparzer chronologisch nachvollziehbare Lebensstationen abklappert und dabei konsequent jede «Herzensangelegenheit» außen vor lässt. Er wurschtelt sich durch den k.u.k.Angestelltenapparat, und dass es da nicht richtig zu einer Karriere reichen wollte bzw. jene Karriere durch allerlei Intrigen und Missgünsteleien hintertrieben wurde, scheint ihn so gewurmt zu haben, dass ihm trotz seines längst etablierten Volksdichtertums der Witz einigermaßen abhanden kommt. Vor allem aber die Fähigkeit,  die im eigenen Leben auftretenden Figuren als solche zu erkennen und nicht als Handlungs-, Würden- oder sonstige Träger, die einem das Dasein schwer machen. Je chronologisch näher die Verletzung der Eitelkeit heranrückt, desto fader und auf Rechtfertigung bedachter werden die Schilderungen.

Franz Grillparzer
Werke in 16 Bänden
Band 12: Selbstbiographie
Verlag Max Hesses, Leipzig o.J.

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