Freitag, 24. November 2017

Marcel Beyer, Putins Briefkasten. Acht Recherchen

Bedeutungsgeraune unter Novemberhimmeln

4148 Man klappt das Buch zu und weiß: die Kritiker waren bestimmt begeistert. Vermutlich werden die «präzisen Beobachtungen» gelobt worden sein, die «dichte» Sprache, das «Abseitige» möglicherweise, dem sich Marcel Beyer mit seinen ausgedehnten Reisen nach Osten, nach Vilnius, Kiew, Novosibirsk und auf langen Gängen durch seine Heimatstadt Dresden widmet, und das, so steht zu vermuten, «ganz neue Blicke auf unsere Wirklichkeit ermöglicht».

Kurz, es gibt eine bestimmte Art Buch, einen bestimmten Stil und bestimmte Themenkonstellationen, denen gegenüber die Kritik machtlos ist. Das funktioniert in etwa so: ein einsamer oder zumindest von der Massengesellschaft offensichtlich abgesonderter Mann, am besten ein Schriftsteller, der seinem Metier gegenüber natürlich kritisch gegenüber steht und nie aufhört, sich kluge und sensible Gedanken über das Schreiben und die Sprache zu machen, wandert in der zumeist öden, zumeist grauen, zumeist windigen oder sonstwie unwirtlichen Gegend herum – meistens ist es November – und setzt Beobachtungen, Gedanken, Erinnerungen, Lektüren und Eindrücke in allerlei Beziehungen zueinander, die auf den ersten und zweiten Blick ungemein bedeutungsvoll zu sein scheinen.

Der Leser weiß nicht, was genau der Phaeton, in dem Jörg Haider zu Tode kam, der in Neuen Pinakothek sich drehende VW-Käfer, die berühmte Pferdedroschke in «Madame Bovary», der Lastwagenunfall einer Kindheitserinnerung, Raymond Roussel, Francis Bacons Gemälde «Crucifixion» und die Balladen rezitierende Urgroßmutter aus Kattowitz wirklich miteinander zu tun haben, aber all das ist offensichtlich von einem «sensiblen», sich nach und selbst innewerdenden Beobachter zusammengetragen worden, klingt gut, es ist gut geschrieben und die Signifikanten raunen ein schönes Adagio. Oder anders: es wäre wahnsinnig anstrengend und irgendwie auch unfein, den dergestalt sensiblen Beobachter mit einem «Hä?» anzurempeln, hä, sach ma, was solln das jetzt eigentlich heißen?

Die berühmteste Vorlage für dieses Bedeutungsgeraune ist der große Prosaist und Stilist W.G. Sebald, in dessen Gefolge ganze Hundertschaften von Autoren und Literaturwissenschaftlern anfingen, merkwürdige Verbindungen zwischen Ereignissen und Erinnerungen festzustellen bzw. herzustellen. Auch wenn Beyer natürlich kein Sebald-Epigone ist, so verwundert es keineswegs, wenn auf S. 68 der Meister auch selbst auftaucht und zwar, als wolle Beyer exerzieren, wie man es macht, inmitten einer aberwitzigen Konstruktion von vermeintlichen Zufällen und Schicksalszusammenhängen, die zunächst wunderwas zu bedeuten scheinen,  als kunstvolles Nichts aufzuhäufeln: In einem Stuttgarter Vortrag Sebalds will Beyer nachsehen, wie dieser «vom Bild des Lichternetzes über der Verwaltungsstadt des Daimler-Konzerns in Stuttgart zum Bild der Lastwagenkolonnen mit dem Mercedes-Stern gelangt», dann fällt ihm auf, dass der Vortrag kurz vor Sebalds Tod bei einem Autounfall gehalten wurde, dann muss er an seinen Großvater denken, der «Anfang der siebziger Jahre in einer regnerischen Herbst- oder Winternacht vor der eigenen Haustür überfahren wurde», dann erinnert er sich, wo er war, als er vom Tod Sebalds erfuhr, nämlich in einem Bummelzug in Schleswig-Holstein, dann rechnet er alles ganz genau aus und kommt auf die erschütternde Tatsache: der Tag, an dem er seinen eigenen Vortrag, den vorliegenden Text, halten sollte, war der vierte Todestag W.G. Sebalds!

Was ergibt sich aus dem, will man von der wenig aufsehenerregenden Tatsache absehen, dass Autos böse und der Zug das sicherere Verkehrsmittel ist? Alles hat irgendwie mit allem zu tun – im vorliegenden Text neben den oben genannten Elementen dann auch noch mit Pieter Claesz und Lessings Ofenschirm. Alle acht «Recherchen» – bei Sebald hieße es «Erkundungen» – sind ähnlich gebaut, «mosaikartig» (kommt bestimmt in einer Rezension vor) stehen die verschiedenen Beobachtungen und Erinnerungen nebeneinander, dazu kommen jeweils rhetorische Fragen und Überlegungen, wie die Dinge zusammenhängen könnten, so zart angedeutet, «hingetuscht», dass es der bedeutungsüberdrüssigen Leserin in der Galle marodiert.

Dazu kommt, auch das ist ähnlich wie bei Sebald, ein dezenter Dünkel – der in dieser Dezenz umso unangenehmer ist –, immer jeweils der einzige zu sein, der die unscheinbaren Details bemerkt und in Verbindungen zu bringen weiß, jaja, die räudige Katze an einer Bushaltestelle in Vilnius, die niemand außer ihm bemerkt hat und der er sogar noch eine zweite Reise widmet. Ist das nicht besonders? poetisch?

Wenn man nicht ganz so böse sein wollte, könnte man das Problem auch in der Zusammenstellung des Bandes lokalisieren: es handelt sich durchweg um ältere Texte, häufig Vorträge, die nun neu zusammengesampelt wurden. Während sie einzeln gelesen oder gehört ihre nur angedeuteten Bedeutungen besser entfalten und dem Nachdenken Raum geben könnten, offenbaren sie in der Masse, nun ja, ein gewisses bedeutungsgenerierendes Maschinchen, das Marcel Beyer ziemlich routiniert anwerfen kann, unabhängig davon, ob es sich nun um den durch Nyon wandernden Paul Celan, den durch Dresden wandernden Marcel Beyer oder den durch die Schweizer Alpen wandernden Joseph Conrad handelt.

Marcel Beyer, Putins Briefkasten. Acht Recherchen, Suhrkamp 2012

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