Freitag, 22. September 2017

Donna Tartt, The Goldfinch 1

Alles Drogen, Kunst, Liebe, Leinwand   ows_138203116777579.jgp

Wenn man keinerlei Erfahrung mit Drogen hat, die über Alkohol und Marihuana hinausgehen, dann ist man nach der Lektüre dieses Buches einen Schritt weiter: man wird detailliert informiert über den Konsum verschiedenster chemischer Substanzen, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen, ihre Beschaffung und ihre Kosten, ihren Abhängigkeitsfaktor und ihre Hilfe bei der Bewältigung eines ansonsten als unbewältigbar empfundenen Alltags. Das Kunststück dabei ist nicht die Detailtreue, die nachzuprüfen sicherlich unnötig ist, sondern dass es in dem Roman nicht um Drogen oder gar die Gefahren ihres Konsums geht; Drogen sind eben einfach Teil des Alltags des Protagonisten Theodore Decker, und gehen als solcher in das riesige Gewebe des Buches ein.

Denn Donna Tartt hat, wie 771 Seiten hinlänglich unter Beweis stellen, einen langen Atem. Nichts, was in der Folge eines schrecklichen Anschlags auf das Metropolitan Museum, bei dem der dreizehnjährige Theo seine Mutter verliert, für sein weiteres Leben von Bedeutung sein wird, entgeht ihrer Aufmerksamkeit: Theo wird deskriptiv rundum betreut. Eine besondere Bedeutung bekommt dabei die Stadt New York, insbesondere Manhattan, die Bars und Cafés, die kleinen dunklen Antiquitätenläden und großen glitzernden Avenues, die heranrauschenden und vorbeifahrenden Taxis, die Portiers und Türsteher, Parks und Parkbänke, Verlierer, Gewinner und die von eisigem Wind und Schnee durchzogenen Straßen, in denen sich der kleine und später der große Theodore mehr als einmal in ihrer Verlorenheit, Einsamkeit, Zugedröhntheit verlieren. Der ganze erste Teil wird dominiert von Theos rasendem Schmerz um seine Mutter, die in allen nicht immer spektakulären Details einer Provinzschönheit aus Kansas mit goldenem Herzen, kunsthistorischer Brillanz, arm wie eine Kirchenmaus, aber geliebt und verehrt von allen und jedem, geschildert wird. An den besten Stellen weht ein wenig vom Fänger im Roggen durch diese Zeilen, eine Hymne an die große, phantastische Stadt, um die es natürlich auch nicht geht, genauso wenig wie um die maßlose Trauer eines Sohnes um seine Mutter, die auch nur Teil des Gewebes ist, das Donna Tartt so ausführlich auszuspinnen sich vorgenommen hat.

Aber worum geht es? Vordergründig um das von Theodore auf Geheiß eines alten Mannes inmitten des Terrors im Metropolitan Museum entführte Gemälde Der Distelfink von Carel Fabritius, das er fortan trotz aller ihn ankommenden Zweifel und Ängste bei sich behält, zuerst bei der reichen Familie Barbour seines Schulfreundes Andy, wo er Unterschlupf findet, dann in Las Vegas, wo er bei seinem Vater und dessen schriller Freundin Xandra die Jahre seiner Adoleszenz verlebt, schließlich zurück in New York, wo er der Ziehsohn des Antiquitätenhändlers und Restaurateurs Hobie wird, dem Partner des alten Mannes aus dem Museum. Showdown ist in Amsterdam, wo sich mehrere Banditen und Schlägertypen um den Besitz des Bildes balgen und Theo im Eifer des Gefechts sogar einen Menschen ermordet. Das Bild, so glaubt Theo, ist eine Art Vermächtnis des letzten Augenblicks mit seiner Mutter, eine Art Pfand, das in seiner ungeheuren Schönheit einziger Haltepunkt seines ansonsten haltlosen Lebens ist. Aber auch um das Bild geht es nicht, den ganzen Roman über fristet es sein Dasein versteckt in Kopfkissenbezügen und hinter Schrankwänden, ohne dass es an Exkursen über die eigentümliche Schönheit des Bildes mangelte.

Vielmehr scheint der Roman eine Art Vollständigkeitsideal anzustreben, ein langes und ruhiges Erzählen, wie es den Romanen des 19. Jahrhunderts eignet. Man kann sich selbst beim Lesen beobachten, wie das funktioniert, denn man ist regelrecht beleidigt, wenn man Episoden aus Theos Leben nachgetragen bekommt, auf die man, so denkt man, doch eigentlich schon früher ein Anrecht hatte. Wieso erfährt man erst auf S. 455, dass er bereits als Siebzehjähriger im Antiqitätenladen seines Ziehvaters ausgeholfen hat und so allmählich zum Händler und Betrüger heranreifte? Wieso wird man erst auf S. 600, wenn Theo mit seiner zukünftigen Frau Kitsey Barbour im Bett liegt, über sein erstes sexuelles Erlebnis aufgeklärt? Was in einem durchschnittlichen Roman ein regulärer Rückblick ist, wird hier zwangsläufig zur Lücke, die den Leser mit Unwillen erfüllt: Wieso wusste ich davon gar nichts, obwohl ich Theo doch auf Schritt und Tritt in die kleinsten Verästelungen seiner Ängste und Wünsche hinein gefolgt bin? Man fragt sich, warum die Autorin überhaupt auf solche Rückblicke zurückgreift, nachdem sie die Gegenwart so überreich angefüllt hat – fast erscheint es dann, als sei sie selbst zur Malerin geworden, die beim Zurücktreten von ihrem Gemälde noch kleine weiße Flächen entdeckt hat, die nun flugs übermalt werden müssen oder als sei ihr aufgefallen, dass man hier oder dort und dort auch noch kleine Verzierungen und Dekorationen unterbringen könnte und es gelingt ihr nicht, dieser Versuchung zu widerstehen.

Wenn der Roman bei seiner zweiten Hauptfigur angekommen ist, dem ukrainischen Dieb, Raufbold und Herzensbrecher und Theos bestem Freund Boris, ist man mehr als dankbar für diese Fülle, so wie die Las Vegas Episode –  die adoleszente Verlorenheit der beiden zwischen ihren geldgierigen und gleichgültigen Erziehungsberechtigten, ihre Drogenexzesse und Machosprüche, Filme, Videospiele und nächtliche Wanderungen, Kotzereien und Lektüren – insgesamt Realismus at its very best ist. Doch der Roman will mehr sein als das, er will Thriller sein und Kunstkrimi, er will der Freundschaft huldigen, der Einsamkeit und Trauer des Protagonisten gerecht werden, er will die große Liebe erzählen – das rothaarige Mädchen Pippa, die gleichfalls zum Zeitpunkt des Attentats im Museum war –, und er will zum Schluss auch noch viel darüber sagen, was im Leben wichtig ist und was nicht und wie man mit dem, was man nun einmal ist, in dieser Welt über die Runden kommt. Nur verraten all diese Fährten und Details irgendwann nicht mehr über Theo und auch nichts über das Bild – das schließlich auch einigermaßen unspektakulär von Boris weggeräumt und dem Kunstraub-Department der Polizei übergeben wird, um den fetten Finderlohn einzustreichen –, sondern überbevölkern eine schon überreich bemalte Leinwand.

 

Donna Tartt, The Goldfinch, Little Brown 2013

 

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