Freitag, 22. September 2017

Heinz Bude, Gesellschaft der Angst

Aphorismen zur Angst GesellschaftderAngst

Der Soziologe Heinz Bude schreibt nicht mehr über Generation X oder Generation Y, unter deren Kürzel nach Bedarf alles von Computeraffinität bis politischer Gleichgültigkeit subsummiert werden kann, sondern beschreibt in elf Kapiteln unter verschiedenen Gesichtspunkten die zugrunde liegende Emotion unserer Gesellschaft: die Angst. Diese Diagnose ist über weite Strecken so bestechend, dass sich dieser Blogpost die Freiheit nimmt, aus dem Buch eine Art Aphorismensammlung zum Zustand unserer Gesellschaft zu extrahieren, ohne sich allzu sehr um die Darstellung von Zusammenhängen oder um einen kritischen Blick zu bemühen. Das ist nicht nur der immerwährenden Suche des Lesers nach lebenserklärenden Sätzen, sondern auch Bude selbst zuzuschreiben, der sich häufig eines aphoristischen Stils befleißigt: Die Sätze lassen sich gut aus ihren Zusammenhängen lösen und läsen sich gut auf Gewerkschafts-T-Shirts oder auf Demonstrationstransparenten, ohne dadurch jedoch an Komplexität einzubüßen.

Die titelgebende Angst, so heißt es im ersten Kapitel «Angst als Prinzip», erfasst das ganzen Leben: »Man kann Ängste vor der Zukunft haben, weil bisher alles so gut geklappt hat; man kann jetzt im Moment Angst vor dem nächsten Schritt haben, weil die Entscheidung für die eine immer auch eine Entscheidung gegen eine andere Variante darstellt; man kann sogar Angst vor der Vergangenheit haben, weil etwas von einem herauskommen könnte, worüber längst Gras gewachsen ist.»

Nun ist «die Angst» natürlich kein soziologisches Phänomen unseres Zeitalters, neu hingegen ist, dass sich die Angst von einem sozialen und politischen Problem  - Bude zitiert hier aus Theodor Geigers 1932 erschienener Sozialstrukturanalyse «Die soziale Schichtung des deutschen Volkes» und aus Roosevelts Antrittsrede 1933: «The only thing we have to fear is fear itself» –, hin zum Privaten und Persönlichen verschoben hat: vom Aufstiegsversprechen der Leistungsgesesllschaft zur Exklusionsdrohung. Kurz, man muss seine Chancen erkennen, auf das richtige Pferd setzen, Morgenluft schnuppern, den Braten rechtzeitig riechen, es geht darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen und dabei nicht etwa ein karrieregeiles Monstrum sein, sondern aufgeschlossen, kreativ, teamkompatibel und kommunikationsfähig.

«Während der soziale Aufsteiger alten Typs mit dem Publikum der Anderen kämpft, die ihn seiner Meinung nach am Boden sehen wollen, hadert der soziale Aufsteiger neuen Typs mit sich selbst, weil für ihn der Weg das Ziel ist.» Paradoxerweise soll man also nach vorne streben, es darf aber nicht nach Nachvornestreben aussehen im «Regime von Teamarbeit und Projektentwicklung», in dem man sich als zurückhaltend, gefügig und anschlussfähig präsentieren muss:  »Die Frage ist also nicht allein, was ich mir zutraue, sondern zuerst, wie ich die anderen davon überzeugen kann, dass ich mit dem, was ich zu leisten vermag, der Arbeitsgruppe, der Abteilung oder dem ganzen Betrieb von Vorteil bin.»

Bude zeigt in diesem Zusammenhang auch die Ambivalenz von Bildungsinstitutionen, die immer differenzierter auf das Wohl des Einzelnen zugeschnitten sind:  »Die Wende vom Korsett des Dürfen zur Mobilisierung des Könnens betrifft Schlüsselbegriffe des Gesellschaftslebens. In den Schulen sollen nicht mehr alle Heranwachsenden über einen Kamm geschert und mit Noten nach allgemeinen Standards beurteilt, sondern jedes einzelne Kind nach seinen Talenten und Präferenzen gefördert werden, damit es in den Vollbesitz der ihm eigenen Möglichkeiten gelangt. Das heißt aber andererseits, dass sich daraus die Verpflichtung ergibt, dass das so sozialisierte Ich nur noch an sich selbst und seinen eigenen Möglichkeiten und nicht mehr an den außen gesetzten Normen schuldig werden kann.» Dazu kommt, dass das hierarchisch strukturierte Bildungssystem zwar Leistung prämiert, der Wettbewerb von Gleich zu Gleich hingegen prämiert den Erfolg. Man könnte auch sagen: Wie die Eltern den eigenen Werdegang bewerten, ist nachrangig, was zählt ist der Vergleich mit den peers: was haben sie geschafft und was ich?

Eine solche Ausdifferenzierung und Individualisierung hat Vereinzelung zur Folge, und damit die buchstäblich jeden Lebensbereich erfassende Angst, den eigenen Standards nicht genüge tun zu können. Bude schreibt dabei der Kommunikation, die früher umsonst war und mit der sich heute im Netz ein Haufen Geld verdienen lässt, eine zentrale Rolle zu: Wenn es gelingt, etwa den eigenen religiösen, sexuellen, sozialen, ökonomischen Lebensentwurf sinnstiftend zu kommunizieren, ist alles in Ordnung, gelingt diese Kommunikation hingegen nicht, fällt man sofort ins Raster des Losers.  D.h. Beruf, Auszeit, Praktikum, Kinder müssen im Hinblick auf den Lebenslauf Sinn ergeben, «einfach so» dahinleben ist undenkbar. Der Angststress verwandelt sich in  Sinnstress, dem jeder Einzelne hilflos ausgeliefert ist: «Verfehlt ist ein Leben demnach nicht nach Maßgabe eines am Beginn feststehenden Gesetzes oder eines am Ende zu erreichenden Ziels, sondern gemessen an seiner jeweils nach sozialer Lage und biografischem Moment möglichen Fülle. Wie dieses Mögliche in der Biografie des Einzelnen wirklich wird, entscheidet sich in den Formen de Verzichtend, Verwerfens, Versäumens und Verpassens.»

Auch dem inflationär verwendeten Begriff des Prekären wendet sich Bude zu und bringt ihn auf eine überzeugende Formel: «Prekär ist eine soziale Existenz, bei der standardisierte Erwartungen auf nichtstandadisierte Wirklichkeiten treffen». Es geht hier also nicht (nur) um die allseits zitierten darbenden Künstler und Kulturschaffenden, sondern ebenso um Mediziner, Rechtsanwälte, Betriebswirte, die die Erfahrung machen müssen, dass ihre Qualifikation und ihr gesellschaftlicher Status in keinerlei Verhältnis stehen müssen. Und dies lässt sich nicht einmal durch besonders normgerechtes Verhalten, das Einhalten bestimmter Kriterien vermeiden – die, die sich an «Befristungsketten» und an «Projektanträgen» entlanghangeln, sind nicht weniger qualifiziert oder tüchtig, sondern haben an irgendeiner Stelle einfach aufs falsche Pferd gesetzt. Ihre Angst besteht daraus, dass sie nicht den sozialen Rang zugesprochen bekommen, der ihnen «eigentlich» zusteht.

Das individuelle  »Selbstgestaltungspotenzial» kann jederzeit positiv und negativ wirken, es gibt keinen Garant dafür, dass, wer wagt, auch gewinnt: «Man macht sein Ding und kann auf der Erfahrung aufbauen, dass Einsatz und Wagemut sich lohnen, oder man ist im Blick von Freunden und Bekannten der Loser, der an seinen Ansprüchen gescheitert ist, oder die Unglückliche, die zwischen Familie und Beruf nicht die richtige Balance gefunden hat.»

Dies resultiert in einer seltsamen Totalität der Angst, indem sie sich aus einem bestimmten Kontext löst und wie ein Flächenbrand sofort aufs ganze Leben zugreift: «Offenbar kann die Angst, etwas nicht hinzubekommen, sich ab einem bestimmten Punkt in die Angst verwandeln, alles falsch gemacht zu haben. Der Optimierungswahn verdeckt nur die Existenznot. Der gute Rat, Prioritäten zu setzen, vergisst, dass man dazu Prioritäten empfinden muss.»

Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburger Edition 2014

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