Freitag, 21. Juli 2017

Donna Tartt, Der Distelfink 2

Der Distelfink von Donna TarttWiederholungen von Ereignislosigkeit

Alles beginnt mit einem Museumsbesuch. Eine Mutter will ihrem 13-jährigen Sohn ein Gemälde zeigen, das ihr sehr gefällt – den „Distelfink“ des Malers Carel Fabritius. Im Museum explodiert jedoch just an diesem Tag eine Bombe. Mutter und Sohn sind im Chaos nach der Explosion getrennt. Ein älterer Herr, der schwer verletzt im Sterben liegt, bringt den Jungen dazu, das Bild mit dem Distelfink zu entwenden, und gibt ihm seinen Ring. Stunden später erfährt der Junge, dass seine Mutter bei der Explosion ums Leben kam. Der Junge heisst Theo Decker, und er erzählt auf 1000 Seiten seine Lebensgeschichte.
Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Theo das Bild stiehlt, das ihm seine Mutter im Museum zeigen wollte. Das Bild knüpft direkt an den Verlust der Mutter an, und es ist gut möglich, dass die im Roman viel besungene Ausstrahlung des Gemäldes vor allem etwas mit der atmosphärischen Gegenwart des Unglücks zu tun hat, das Theo Zeit seines Lebens nicht loslässt. Es mag daher symbolisch für Theos Verlust gelesen werden, dass das Bild jahrelang gut verschnürt in einem fensterlosen Lagerraum verwahrt wird, dass es für die Öffentlichkeit verloren ist und dass Theo hin und her gerissen ist zwischen dem Wunsch, es zu behalten und es zurückzugeben. Vielleicht wäre es eine grosse Erleichterung für ihn gewesen, wenn er bemerkt hätte, dass sein bester Freund Boris seinerzeit das Bild entwendet hat und, wer weiss, vielleicht hätte das Einfluss gehabt auf den Trauerprozess. Diese Wendung verwehrt die Autorin ihrem Protagonisten jedoch.
Der Ring entfaltet eine grössere Strahlkraft als das titelgebende Gemälde, verbindet er doch das Bild, den Verlust der Mutter, die lebenslange Verbindung zu Pippa, der rothaarigen Enkelin des im Museum Verstorbenen, und Hobie, dessen Geschäftspartner und Freund, miteinander, ist Schicksalsträger und märchenhafte Eintrittskarte. Er wird jedoch auch zum verräterischen Indiz für den Diebstahl des Gemäldes, da Theo später den zuständigen Behörden angeben wird, nicht im gleichen Raum mit dem Gemälde gewesen zu sein – der Ring erzählt jedoch eine andere Geschichte.
Aber der Reihe nach. Theo kann nach dem Tod seiner Mutter erst einmal bei der gut situierten Familie seines Schuldfreundes Andy Barbour unterkommen. Als Theos Vater mit seiner neuen Freundin auftaucht, wird die zwischenzeitlich museal gewordene Wohnung Theos und seiner Mutter aufgelöst, das Hab und Gut wird verkauft, und Theo muss mit seinem Vater an den öden Rand von Las Vegas ziehen. Dort lernt er, meistens sich selbst überlassen, Boris kennen, aus der Ukraine stammend, mit einem jähzornigen Vater geschlagen, ein Rumtreiber, Sprücheklopfer und Auf-harter-Mann-Macher, wie der Protagonist ohne Mutter. Die beiden hängen miteinander rum, trinken und rauchen. Als Theos Vater unerwartet stirbt, reist er auf eigene Faust zurück nach New York. Er kommt bei Hobie unter, jenem Möbelrestaurator, der mit Pippas Grossvater zusammen ein Antiquitätengeschäft führte. Pippa wird Theos grosse Liebe bleiben, wenn auch ohne Happy End. Das passt ganz gut zur Abwesenheit der Frauen in diesem Buch. Pippa bleibt unerreichbar – und glänzt auch durch Abwesenheit, von wenigen scheinwerferlichtbegleiteten Auftritten abgesehen. Zwar haben die Frauen aus dem Hause Barbour einige Auftritte mehr, doch der Eindruck einer innigen und beständigen Verbindung des Protagonisten zu ihnen drängt sich nicht auf.
Zwar sind die verschiedenen Schauplätze – gehobene New-Yorker-Gesellschaft, Niemandsland am Rande von Las Vegas, Hobies Werkstatt – sehr atmosphärisch beschrieben. Doch zeigt der Erzählstil keine ebensolche Wendigkeit. Zwar wird die Geschichte rückblickend erzählt, doch zu chronologisch, als dass man bei der Lektüre die rückblickende Perspektive einnehmen würde. Niemals würde ein 13-Jähriger Aussagen wie „(…) denn er strahlte die glasigen Vibrationen der jungen Vaterschaft aus (…)“ in den Mund nehmen. Auch die regelmässigen Einschübe in Klammern irritieren, da sie meistens keiner Klammer bedürfen. Zum Beispiel auf S. 908: „Wir sind raus! Soll ich es noch einmal sagen? R-A-U-S!“ (Er buchstabierte das Wort steif an vier Fingern.) Und auch über kitschige Details stolpert man unangenehm berührt (S. 184: „Ich hatte dann immer auf der Trittleiter in der Küche gesessen und ihr erzählt, wie der Tag gewesen war.“). Manches Mal teilt die Autorin ihren Lesern auch Offensichtliches mit, wie etwa, als Theo fassungslos ist über den Verlust „einer der letzten Ankerpunkte“ – gemeint ist das Haus, in dem er mit seiner Mutter gewohnt hat. So etwas muss der Leserin, dem Leser nicht gesagt werden. Es gibt dann aber auch Sätze, die einen innehalten lassen, etwa die Beschreibung eines Parfums: weisse Blüten mit einer staubigen Fremdheit im Herzen – wie Gardinen vor einem offenen Fenster.
Welcher Eindruck bleibt nach dem Zuklappen des Buches? Es wird neben all den anderen grossen Themen – Liebe, Freundschaft, Erwachsenwerden – vor allem die Geschichte eines Aus-der-Welt-Gefallenen erzählt. Der Tod seiner Mutter ist für den Protagonisten lebenslanger Referenzpunkt, die Liebe, die Drogen – sie erreichen nie die Intensität des Verlusts, die Freundschaft mit Boris trägt zerstörerische Züge. So umkreist Theo Decker sein Leben lang diesen einen Punkt, die Anwesenheit des Abwesenden, die Wiederholung von Ereignislosigkeit.

Donna Tartt, Der Distelfink, ins Deutsche übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze, Goldmann-Verlag, München 2014, 1022 S.

 

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