Freitag, 24. November 2017

Michail Prischwin, Der irdische Kelch

Der Roman ist ein Gedichtmichail_prischwin_der_irdische_kelch

Im Prolog beschreibt der Erzähler in einem Absatz, wie der Tschistik  - unser «ruhmreicher Moossumpf, die Mutter des großen russischen Stroms» – von der Moderne verwüstet wird, entwaldet, leergefischt, totgebombt. Dann fragt er sich: «Wird es ein Jüngstes Gericht geben?» Und weiter: «Ich hatte mir eine Rechtfertigung zurechtgelegt für dieses Gericht, nämlich dass ich die irdischen Einfassungen immer heilig gehalten habe. Und sie sind alle zertreten. Womit rechtfertige ich dann jetzt mein Dasein?» Und er gibt zu: «In schweren Augenblicken fragst du dich: Was will ich?, und antwortest: Einen anständigen Tee mit Zucker.» 

In diesen verwirrenden, selbst wie durch die verstreuten Äste und Wasserlöcher eines Moors mäandernden viereinhalb Seiten des Prologs, wird der erste schwere Angriff auf die herkömmliche Romanleseerfahrung unternommen, die sich auch auf den folgenden 130 Seiten eine neue Flexibilität antrainieren muss. Denn ein Roman im herkömmlichen Sinn liegt nicht vor,  d.h. wenn man in den erwartungsvollen Romanlesetrott gefallen ist, und sich zum ersten Mal auf Seite 10, dann auf Seite 20 und dann auf Seite 25 fragt, wo die Protagonisten sind, was das Setting ist, wie sich der Konflikt zu entfalten gedenkt, fliegt man aus der Kurve. Das kann doch nicht sein, dachte ich beim zweiten, dritten und vierten entnervten Lektüreabbruch, aber so lange brauchte die zugleich verschlungene und in glasklaren Bildern sprechende Sprache Prischwins, bis sie die verkrusteten Bahnen der Lesegewohnheit aufgebrochen hatte, und ich zu lesen begann.

Es geht, wenn man so will, um Alpatow, einen Lehrer, der in das «Museum des Gutslebens» einzieht, in einem längst verlassenen Schloss beheimatet, das wechselweise auch eine Kinderkolonie, die Schule, den Kultkom und seine Theateraufführungen, eine Steuerkommission, eine Pfauenwärterin und «noch verschiedene andere Leute mit Mandat» beherbergt. Alpatow unterrichtet Deutsch gegen Fastenbutter und «Chranzosisch» gegen ein Stück Speck, und er ist umgeben von den verlassenen Dingen einer anderen Zeit: Porträts, Empiremöbeln, ausgestopfte Tiere und einen himmelblauen Staatskoffer aus trockenem Birkenholz, der ihm immer mal wieder von einem findigen Bauernweiblein abgenommen werden möchte:

«Dann nicht! Aber den Koffer da, den würde sie nehmen. ‹Das ist ein Staatskoffer.› ‹Aber leer, und doch nicht registriert? ‹Trotzdem: Er gehört dem Staat.› Drei Pud Mehl würde sie ihm dafür geben oder ein Pud Speck, und obendrauf noch ein Wild. ‹Was für eines?› ‹Eine Gans.› Herr im Himmel, was hätte er Lust auf eine Gans! Ein Dreck ist dieser Koffer, wird fürs Museum nicht gebraucht, und wieviel von diesem Gerümpel hat er bereits hinausgeworfen auf den Flur zur allgemeinen Plünderung, aber verkaufen darf er den Koffer nicht, in ihm steckt das Staats-Prinzip. Alle Bauern haben es auf diesen Koffer abgesehen, der allbekannt ist, würde er, Alpatow, ihn verkaufen, wäre er im Einklang mit dem gesamten Waldaffen. Aber mit dem russischen Waldaffen darf man nicht im Einklang sein. Der Geistesaffe, der begreift immerhin die äußere Seite und dringt bis zum Ideal seiner Arbeit vor, er ändert, säubert, sortiert, berechnet, veranschlagt wenigstens eine kleine Summe für das Werk des wahren Lebens-Schöpfertums, er weiß, dass er ein Affe ist, und steigt zum Leben empor, erschafft aber das Leben nicht.»

Ist es ein Wunder, wenn man diese Sätze nur genügend wirken lässt, dass Alpatow den himmelblauen Koffer schließlich mit der Axt zerkleinert, und einen Kienspan anfertigt: «Die Museumstiere treten in die Dunkelheit zurück, das Köpfchen der kleinen Ziege ist über dem Bücherregal verschwunden, der große Wolf mit einem Gähnen davongeschlichen, der Bär eingeschlafen, und in der Ecke unter der Zeitung hat sich der lebendige Igel gerührt, er wartet nur darauf, dass der Mond aufgeht – als Mond erscheint ihm das Kienlicht. Zeit, ein Licht herauszuschlagen aus dem vom Stempelgriff abgefeilten Jaspisstück.»

Prischwin lässt viel Platz zwischen seinen Sätzen und Bildern, und entfernt sich damit weit vom Roman, ja man ist versucht, die Topographie des Moores auf den Text zu übertragen, dessen riesiger Himmel weit mehr als eine Lesart zulässt. Es geht um das Jahr 1919 und die brutale Machtübernahme der Kommunisten, die sich freilich in der dörflichen Umgebung albern und fratzenhaft verzieht. Es ist, so abwegig das im ersten Moment erscheinen mag, zugleich ein Schelmenroman, in dem der abgerissene Alpatow auf allerhand kuriose Gestalten trifft, und Prischwin mit abgründigem Humor die Dialoge der Apparatschiks und Muschiks persifliert. Es ist ein zutiefst politischer und zugleich mystischer Text, der auf 130 Seiten Russland so konzentriert porträtiert, als enthielte er tausend russische Bilder und Romane, die sich im kulturellen Gedächtnis des Lesers angesammelt haben, und wüsste zugleich aus jeder Metapher ein ganz eigenes, zeitkritisches und poetisches Potential zu schlagen.

Denn vor allem ist der Roman ein phantastisches Langgedicht auf die Natur und den Menschen, voller Kursivierungen und Kapitälchen, voller geheimnisvoller Wörter und Zusammenhänge, in die man sich im überwältigenden Genuss der Bilder, welcher der hervorragenden Übersetzung von Eveline Passet zu verdanken ist, erst gar keine Mühe geben muss, hineinzufinden. Der himmelblaue Staatskoffer findet darin genauso Platz wie das Spülwasser, das sich über die Pfauenschwänze ergießt, die Sauerkrautvergabe im PRODKOM, und der übelschmeckende, heimlich im Wald gebrannte Schnaps, von dem Alpatow auf eine jener Reflexionen gelangt, die dem irdischen Kelch gelten, den wir alle zu leeren haben:

«Alpatow probierte nicht zum ersten Mal dieses grässliche Zeug, aber trotzdem packte ihn vor jedem Glas die Angst: Es war ein großes Tee-, kein kleines Wodkaglas, voll mit einem Sprit, der dermaßen stank, dass der Wald im großen Umkreis nach den gebietskommissarlichen Innereien zu riechen schien. Dieses Glas wird unter der gespannten, jede Kleinigkeit im Gesicht registrierenden allgemeinen Aufmerksamkeit geleert, und man meint, in einen riesigen brodelnden Bottich zu stürzen, den der Gott der schwarzen Umteilung der russischen Ländereien eingerührt hat. In dem Bottich dreht sich und kreist der schwarze Haufe mit all seinen stinkenden, schmutzigen Bettel, in Schuhen und Kleidern, mit Fußlappen und Hosenbeinen, da ein Bastschuh, da ein Rock, da ein Schwanz, da ein Horn, und dort ein Teufel, ein Stier, ein Muschik, und ein Weib kocht ihr Kind in einem Topf, und ein Junge zielt seinem Vater direkt auf die Schläfe, und all das heißt die irdische Welt.«

Michail Prischwin, Der Irdische Kelch. Aus dem Russischen von Eveline Passet, Guggolz Verlag 2015 (EA 1922)

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