Freitag, 22. September 2017

Robert Byron, Der Weg nach Oxiana

Byron

Durch den Orient: zeitlos, konzentriert und amused

Was ist ein guter Reisebericht? Das beschäftigt mich seit Jahren, und bis heute kann ich es nicht sagen. Eine Orientierung war Ryszard Kapuscinski, in dessen Texten man spürt, wie sehr er sich selbst seinem Reisen aussetzt, wie er unter der Textoberfläche mit seinen Eindrücken ringt, um schließlich aus dieser Hingabe und diesem Ringen eine große Erzählung zu machen, die geprägt ist von einer in beinahe jedem Satz spürbaren Humanität.Diese Humanität verhindert alles Anekdotische, das dem Reisebericht fast zwanghaft anzugehören scheint, zugleich verbindet es den Autor mit seinen Lesern, die durch die Zeit und den Raum und teils unverständliche politische, geogrpahische und historische Gemengelagen hindurch teilhaben können an der Geschichte der Menschheit. Unter den menschenunwürdigsten Bedingungen klammerte sich Kapuscinski buchstäblich an sein Notizbuch, entschlossen, Angst oder Ekel zu trotzen, um Zeugnis abzulegen von dieser Welt.

Robert Byron ist kein Reporter. Er, der Spross einer adeligen Familie, geschult in Eton und Oxford, reist nicht als Missionar oder als Mitarbeiter der Anglo-Persian Oil Company, sondern in allererster Linie zu seinem privaten Vergnügen, was 1933 in Damaskus gar nicht so einfach zu rechtfertigen ist:
«Guide, Monsieur?» Schweigen. «Guide, Monsieur?» Schweigen. «Qu›est-ce que vous désirez, Monsieur?» Schweigen. «D›où venez-vous Monsieur?» Schweigen. «Vous avez des affaires ici, Monsieur?» «Non.» «Vous aves des affaires à Baghdad, Monsieur?» «Non.» «Vous avez des affaires à Téhéran, Monsieur?» «Non.» «Alors, qu›est-ce que vous faites, Monsieur?» «Je fais un voyage en Syrie.» Vous êtes un officier naval, Monsieur?» «Non.» «Alors, qu›est-ce que vous êtes, Monsieur?» «Je suis homme.» «Quoi?» «HOMME.» «Je comprends. Touriste.»
Es ist – das schreibt sich so leicht – eine zwanglose Mischung aus der Intensität der Beobachtung und des mitgebrachten Wissens, auf deren richtige Dosierung allein es ankommt, um nicht entweder in permanentes Faktenaufzählen oder, noch schlimmer, in jenen Schwulst zu verfallen, mit dem eine  hysterisch subjektive Wahrnehmung mangelnde historische Kennntnisse zuzuschütten bemüht ist. Abgesehen davon, dass Byron diese schwierige Kunst mühelos zu beherrschen scheint, zeigt er buchstäblich, wie Reisen den Blick schult. Auch das schreibt sich leichter als es ist, doch was definitiv hilft, ist, wenn man nicht mit einem allgemeinen, sondern einem ganz konkreten Interesse reist, der Blick also nicht erst finden muss, sondern schon weiß, was für ihn von Bedeutung ist. Für Byron ist dies die Architektur, die ihm konzentriert die Möglichkeit bietet, Vergleiche anzustellen, Gesehenes und Erlebtes im Licht neuer Anblicke, neuer Erfahrungen und Erkenntnisse zu erinnern und überprüfen – ohne Hochmut oder Angst, sich zugleich von der Schönheit unbekannter Orte überwältigen zu lassen. Die Leser können ihn dabei mit Beginn begleiten, und zwar, das ist das Besondere dieses besonderen Reiseberichts, selbst wenn sie die geschilderten Orte nicht gesehen haben und auch in absehbarer Zeit nicht besuchen werden, ja es ist nicht einmal unbedingt nötig, mit einer Karte oder begleitender Wikipedia-Lektüre die Route nachzuvollziehen; man kann sich einfach berauschen an Byrons Beschreibungen und dabei en passant ein wenig Handwerkzeug für die nächste eigene Reise zusammenstellen. Was Byron nämlich aus der Beschreibung Isfahans, das für ihn einer der Höhepunkte seiner abenteuerlichen Reise darstellt, herausholt, müsste sich, so der Leseeindruck, für jede Reise wiederholen lassen.

«Die Schönheit Isfahans teils sich einem ganz unbewusst mit. Man fährt auf Straßen umher, die von weißstämmigen Bäumen gesäumt sind, unter Baldachinen aus schimmernden Zweigen, vorbei an türkisblauen und frühlingsgelben Kuppeln in einem hellen veilchenblauen Himmel, den Fluss entlang, in dessen trüb-silbrigen Stromschnellen sich das Blau fängt, vorbei an lichten Gärten, in denen alles sprießt, über Brücken aus hellbraunen Ziegeln, Bogen um Bogen zu Pavillons erweitert, in der Ferne die violetten Berge, der höckerförmige Kuh-i-Sufi und die anderen Höhenzüge, dich sich zu einer Linie schneeweißer Brandung verbinden – und ehe man sich’s versieht, hat sich Isfahan einem unauslöschlich eingeprägt, sein Bild in die Galerie jener Orte hineingeschmuggelt, die jedermann insgeheim für die schönsten hält.»
Das ist noch das zwar wunderschön geschilderte, formell jedoch eher konventionelle Entree in den fremden Raum, das die Italienreisenden an der Porta del Popolo vorhersehbar ergriff, das sinnliche Aufnehmen des rundum zu Sehenden. »Das alles geschah ohne mein Zutun», fährt Byron dann fort, um sich wieder seinem Hauptinteresse zuzuwenden, der Architektur, seiner persönlichen Wahrnehmungsschule, mit der er sich den Raum erschließt.

Das hat nebenbei den Effekt, die ermüdende eurozentristische Prägung unserer Kultur zu offenbaren, welche Kabul und Kandahar maximal als militärische Alliteration nachzubeten weiß, und weder von Mirkhond und Khondemir, noch von Dschami und Behzad noch Herat und Kala Mao auch nur gehört hat. Und ebensowenig von Isafahans 1088 erbauter Freitagsmoschee – bei der Byron sich fragt, «welche Verhältnisse einen solch genialischen Entwurf hervorbrachten» – oder der Scheich-Lutfullah-Moschee, die Byron in direktem Gegensatz wahrnimmt: einmal als Architektur, welche den Europäern bislang als «Exklusiveigentum» galt, d.h. vollkommene Architektur weniger hinsichtlich der Form ihrer Elemente als vielmehr der Harmonie der Proportionen, und persische Architektur par excellence, d.h. märchenhaft, persisch, überschwänglich.

Kurz, es ist ein weiterer Verdienst dieses über weite Strecken eigentümlich zeitlosen Buches, im Zusammenhang mit Afghanistan und dem Iran aus dem NATO- und Atombehörden-Vokabular rauszukommen und zur Abwechslung jenseits der Islam-Christentum-Dichotomie unterwegs zu sein. Wie groß auf einmal die Welt wird, wenn sie aus den bekannten Schemata herausgelöst wird, ja wie gleichgültig und in dieser Gleichgültigkeit zum Lachen reizend im Grunde die eigene Herkunft ist:

«Wo ist deine Kibitka?» fragten sie. «Meine was?» «Deine Kibitka.» «Ich verstehe nicht.» Verächtlich und unwirsch zeigten sie auf ihre Filzjurten. «Deine Kibitka. Du musst doch eine Kibitka haben. Wo ist sie?» «In Inglistan.» «Wo ist das?» «In Hindustan.» «Ist das in Russland?» «Ja.»

«Wie lebendig meine Erinnerungen an Italien sind», schreibt Byron schließlich beim Duft von Pinien auf dem Weg von Turkestan. «Ohne diese erste Begegnung mit einer größeren Welt wäre ich jetzt vielleicht Zahnarzt oder Politiker.» Begegnungen mit einer größeren Welt – das ist im Idealfall das Reisen, und Byron ist der Idealfall eines Schriftstellers, diese Begegnungen auch beschreiben zu können.

 

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