Freitag, 24. November 2017

Bettina Baltschev, Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Die deutsche Exilliteratur ist weidlich erforscht worden, und einer der immer wiederholten und vermeintlich überraschenden Befunde ist, dass sie sich so auffällig mit historischen Stoffen befasst hat. Die kursorisch von Bettina Baltschev zusammengetragenen Publikationen des Querido-Verlags zwischen 1933 und 1950 zeigen dies deutlich: Cervantes, Peter der Große, Die Jugend des Königs Henri Quatre, Ignatius von Loyola, Cleopatra, um nur einige der bekannteren zu nennen – ganz zu schweigen von den populären historischen Großromanen eines Stefan Zweig, der mit Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam befasst war, während seine Bücher in Deutschland schon verbrannt wurden.

Doch abgesehen davon, dass die schreckliche Gegenwart Nazideutschlands den SchriftstellerInnen im Exil buchstäblich nicht mehr zugänglich war (und sie ihr in ihren Romanen durchaus auch zu entkommen versucht haben mögen), macht Baltschevs Buch deutlich, wie sehr vermeintlich historische Sachverhalte den Blick für die Gegenwart zu schärfen vermögen – und umgekehrt. In einer Zeit, in der die EU-Staaten immer wieder an einer gemeinschaftlichen Lösung der Flüchtlingsfrage scheitern, die AfD immer größeren Zulauf hat und Horst Seehofer sich ausschließlich über die ununterbrochen wiederholte Forderung nach einer «Quote» für die Aufnahme von Geflüchteten zu profilieren versucht, bekommt folgende Passage mit grundsätzlich bekanntem Inhalt noch einmal neues Gewicht:

«Doch auch Amsterdam hat nur so viel Kraft, wie das Land der Stadt zugesteht, und ein Jahr, nachdem Klaus Mann seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, Holland möge dem nationalsozialistischen Geist widerstehen, treten in Deutschland die sogenannten ‹Nürnberger Rassengesetze› in Kraft, wird der Strom jüdischer Flüchtlinge immer größer und gerät in den Niederlanden die Jahrhundert währende Toleranz an ihre Grenzen. Die Wirtschaftskrise und wachsende Arbeitslosenzahlen sorgen für schlechte Stimmung gegenüber den Neuankömmlingen, egal aus welchen Gründen sie sich auf den Weg gemacht haben. Dabei hatte der niederländische Außenminister bereits 1933 vom Völkerbund eine Quotenlösung für Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich gefordert, doch Entscheidungen müssen einstimmig fallen, und das Deutsche Reich hat dagegen gestimmt. Eine Einigung über die Flüchtlingsfrage bleibt aus und damit auch die dringend notwendige Diskussion über die Fluchtursachen. Wie die Niederlande haben die meisten Staaten vor allem die finanzielle Belastung im Blick und weniger die humanitäre Katastrophe, die sich vor ihren Augen abspielt.»

Und man weiß auch, wie es weitergeht: Unter dem Druck reagieren die liberalen Niederlande mit immer restriktiveren Verfahren gegen die Flüchtlinge, die nun nachweisen müssen, dass sie über ausreichend eigenes Kapital verfügen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (oder aber sie verfügen über für die Niederlande wertvolle Spezialkenntnisse). Nach der Annektion Österreichs durch die Nazis und einem neuerlichen Anschwellen des Flüchtlingsstroms wird eine «Politik der geschlossenen Grenze» eingeführt, die die Juden ausdrücklich für unerwünscht erklärt, auch die Stimmung in der Bevölkerung kippt, die zunehmend befürchtet, dass sich Amsterdam in eine ‹deutsche Stadt› verwandelt.

Wenn man sich diese historischen Ereignisse mit Hilfe von Baltschevs locker geschriebener, manchmal allzu feuilletonistisch-subjektiver Studie noch einmal vor Augen führt, erscheint die gegenwärtige europäische und auch deutsche Politik gegenüber den Flüchtlingen noch unerträglicher, als wenn man sie lediglich in der tagesaktuellen Berichterstattung verfolgt. Denn wer mag sich heute in den Auffanglagern von Lampedusa und Lesbos befinden, wer sitzt heute in den Cafés von Berlin und kämpft um seine Sprache, seine Literatur und Kultur, seine Erinnerungen? Im Amsterdam der 1930er Jahre sind das unter anderem Klaus Mann und Joseph Roth, Irmgard Keun und Hermann Kesten, die Musiker Adolf Busch und Bruno Walter – und der junge Kiepenheuer-Verleger Fritz Landshoff, der den deutschen Exilverlag Querido ab 1933 in Amsterdam aufzieht. Doch war das ursprünglich nicht seine Idee, und er tut es auch nicht allein: Es ist der erfolgreiche holländische Verleger Emanuel Querido, der ihn explizit dazu auffordert: «Keiner von uns hatte an Holland gedacht», bekennt Landshoff später in einem Interview. «Es sind die holländischen Verleger gewesen, die die Initiative zu der Gründung dieser Verlage genommen haben.»

Doch er ist es, mit dessen Energie, Charme, Mut und Belesenheit bereits 1933 das erste Programm erscheint: mit keinen geringeren Autoren als Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers, Gustav Regler, Emil Ludwig, Leonhard Frank, Ernst Toller und Joseph Roth. Querido, so kann man sagen, ist kein Verlag für schwierige literarische Debüts, es erscheint davon nur ein einziges  - Konrad Merz› «Ein Mensch fällt aus Deutschland» –, der Rest ist vor allem Establishment, das sich in der deutschsprachen Exilgemeinde verkaufen muss. Mit welch ungeheurem Elan Fritz Landshoff das zuwege brachte, immer unterstützt und herausgefordert von dem durchaus auf korrekte Buchhaltung bedachten Querido, bleibt die ganze Lektüre über spürbar, und Landshoff ist es auch, der nach dem Krieg aus New York wiederkehrt, und den Verlag wieder aufbaut, dessen gesamtes Archiv verloren ist und dessen Autoren zum Teil schreckliche Schicksale erlitten haben.

Das ist ein weiterer Nebeneffekt von Baltschevs lesenswerten Buch: Wenn man nach den Geschichten über die Exilanten und ihre unter schwierigsten Bedingungen entstehenden Romane über den Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden liest, ist man, jenseits des historischen Verantwortungsgefühls und des Grauens, noch einmal wie vom Donner gerührt über die unfassbare Frechheit und Dreistigkeit, mit der die Nazis in bestehende Kulturinstitutionen einbrachen und alles vertrieben und vernichteten, was nicht ihrer Ideologie entsprach – wie sie etwa das Theater Hollandsche Schouwborg zum zentralen Deportationslager für die Juden Amsterdams machten und den berühmten alten Großverleger Emanuel Querido und seine Frau wie ein Stück Vieh nach Sobibor verfrachteten und ermordeten.

Wer sitzt heute in den Cafés von Berlin, in den Auffanglagern von Lampedusa und Lesbos und versucht zu dichten, halbtot vor Angst um Freunde und Angehörige, während Europa um Quotenregelungen schachert? Ohne dass das Buch diese Fragen stellt, drängen sie sich immer wieder auf und lassen unwillkürlich die Hoffnung entstehen, dass sich auch unter den heutigen deutschen Verlegern ein Emanuel Querido findet und unter den jungen Ankömmlingen ein Fritz Landshoff, die (nicht nur) den nach Deutschland vertriebenen Syrern ein Forum geben.

Bettina Baltschev, Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur, Berenberg Verlag 2016

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