Freitag, 21. Juli 2017

Thomas Melle, Die Welt im Rücken

Muss denn alles Literatur sein? 

In der Bibliothek war das Buch unter medizinischer Fachliteratur eingeordnet, mit dem Kürzel Med-mandep, manisch-depressiv. Zugleich gelangte es auf die Shortlist des Buchpreises 2016, und galt lange als Favorit, «Roman des Jahres» zu werden. Wieder einmal Zeit also, um sich zu fragen, was ein Roman bzw. was Literatur ist. Denn auch wenn das Buch ohne die Gattungsbezeichnung Roman auskommt, tritt Melle nicht etwa bei medizinischen Fachkongressen, sondern in Literaturhäusern und Bibliotheken auf; auch in den Rezensionen wird das Wort «Roman» zumeist vermieden, doch erscheinen sie natürlich im Feuilleton – und nicht bei «Wissen und Forschung» – und laborieren mit Behelfsbezeichnungen wie »kein Roman, sondern der Hammer», «kein Roman, aber blitzhelle Stroboskop-Prosa», «kräftezehrende Lektüre», «eindringliches Dokument», «existentielles Buch» etc.

Nun kann man sagen, was soll’s, liest sich spannend, schnell und gut, es rührt und reißt mit, wozu braucht es da ein Label. Braucht es nicht, und doch kann man sich, im Versuch einer (Literatur-)Kritik, des Unbehagens nicht erwehren – was wesentlich damit zu tun hat, dass die dezidierte Labelverweigerung bei gleichzeitig implizierter literarischer Zugehörigkeit eine Diskussion oder eben Kritik des Textes beinahe unmöglich macht. In der autobiographischen Schilderung schrecklicher Verzweiflung, großer Verluste und Schmerzen liefert sich Melle dem Leser zwar vermeintlich schutzlos und verletzlich aus, vielleicht beeinflusst sie auch, wie er befürchtet, auf ewig die Wahrnehmung von ihm als Mensch und als Schriftsteller, und doch kann man dazu nichts Kritisches sagen, man kann nur mitleiden und mitleidig sein. Weder der rein sachliche Inhalt dessen, was er beschreibt, noch das, was er in Manie und Depression empfindet, sind in irgendeiner Form diskutierbar (außer vielleicht von ähnlich Erkrankten oder medizinischen Fachleuten, weswegen deren Diskurs unter Umständen auch viel interessanter wäre als der literaturkritische).

Melle selbst deklariert das Buch deutlich unterschieden von seinen anderen, «fiktionalen» Büchern:

«Noch einmal zum Verhältnis zwischen mir und meinen Figuren. Meine Protagonisten sind bisher allesamt Wiedergänger von mir, die die Grundausstattung, das Basisschicksal teilen, aber sonst mit neuen Eigenschaften ausgestattet werden, bis sie eigenständige Figuren ergeben und selbstbestimmt losgehen können. (….) Doch will ich nicht auf immer im eigenen Sud festhängen. Von daher ist dieses Buch auch ein Versuch, mich von diesem ewigen Wiedergängertum freizuschreiben. Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein, die letztendlich stets nur auf mich verwiesen, mich bloßstellten und gleichzeitig verbärgen. ‹Ich› zu sagen, ist unter den gegebenen Umständen gar nicht einfach, umso entschiedener tue ich es. Wenn ich nicht wirklich versuche, meine Geschichten einzusammeln, sie zurückzuholen, die Stimme in eigener Sache unverstellt zu erheben, bleibe ich, auch und gerade im Leben, ein Zombie, ein Wiedergänger meiner selbst, genau wie meine Figuren.»

Und an anderer Stelle: «Was ich in Zukunft machen, mir wieder erarbeiten möchte, ist das klassische, von allen Eigenheiten und Widerständen und Löchrigkeiten gezeichnete, aber eben doch: das souveräne Erzählen.»

Und schließlich: «Zudem sind Kontext, Absicht und Stil jetzt und hier gänzlich andere als in den bisherigen Texten. Hier geht es nicht um Abstraktion und Literatur, um Effekt und Drastik. Hier geht es um eine Form von Wahrhaftigkeit, von Konkretion, jedenfalls um den Versuch einer solchen. Es geht um mein Leben, um meine Krankheit in Reinform.»

Tja, was soll man dazu sagen? Melle manifestiert damit den alten und längst überlebten Mythos, dass es hinter jedem Roman eine »wirkliche» Geschichte gibt, die es «eigentlich» zu erzählen gilt, und dass aller fiktionale Dekor eben nur Verschleierungstaktik bzw. «Doppelgängertum» ist, von dem er sich nun ein für alle Mal zu befreien gedenkt, um «wahrhaftig» zu sein, ja gar sein «Leben in Reinform» zu schildern. So sehr man ihn für Schicksal und die schwere Krankheit bedauert, fragt man sich dennoch, warum man sich bitteschön mit dieser leidenden autobiographischen Tiefenbohrung und der Schlacke hin zu einem besseren und freieren Schreiben begnügen soll, auch wenn sie noch so authentisch und wahr sein mag. Viel mehr interessiert vor diesem Hintergrund der nächste Roman – oder auch: der nächste Text –, der also, zu dem er sich durch diese Notizen hinschreiben will (was, auch wenn man ihm das nicht unterstellen mag, eine kluge Verkaufsstrategie für das nächste Buch wäre: wird Melle es schaffen, die Geister der Vergangenheit hinter sich zu lassen? Lösen sich seine verzweifelten Hoffnungen ein?)

Indem Melle sich selbst mit solchem Pathos in den Mittelpunkt stellt, verbietet sich jeder herkömmliche (literatur-)kritische Zugriff. Kann man jemandem, der die Hölle durchlebt hat, mit formalen und stilistischen Anmerkungen kommen? Mit inhaltlichen Rückfragen? Mit Stringenz? Mit der Glaubwürdigkeit der beteiligten Personen? Melle beschreibt die Totalität der Krankheit, die alles überschattet, durchwirkt, bestimmt, auch dem Genialitätsmythos widerspricht er vehement, indem er seine Texte immer dem Verdacht unterziehen muss, unter Krankheitseinfluss geschrieben zu sein. Doch warum bemüht er dann für seinen Bericht eine der am besten eingeführten Formen, dessen autobiographischen, chronologischen Aufbau jeder sogleich wiedererkennt, den «gescheiterten Bildungsroman» nämlich, wie er ihn selbst an einer Stelle nennt? Hätte sich die Krankheit nicht auch experimentell, als Materialsammlung abbilden lassen, in Form von Aphorismen und Reflexionen, oder hätte man, immer in Richtung des Schriftstellers argumentiert, nicht versuchen können, der Formlosigkeit dezidiert eine wie auch immer geartete, vielleicht verrückte und unpassende, vielleicht maßlose und unverständliche Form entgegenzusetzen, die ihr Heil und ihre Absolution nicht ausgerechnet in der wirklichen, echten Authentizität – diesem billigen Griff in die Mottenkiste – sucht? Das jedenfalls wäre von «Literatur» zu erwarten gewesen, anstelle die größte Anschlussfähigkeit ohne größere formale Anstrengung – nämlich die Autobiographie – zu suchen.

In diesem Zusammenhang ein letztes Unbehagen: Selbstverständlich konnte nur der Schriftsteller Melle mit einem solchen Buch Erfolg haben, niemals wäre es in den Bestsellerlisten gelandet, wenn es von einem Friedhofsgärtner, einem Raumausstatter oder auch nur einem x-beliebigen Journalisten geschrieben worden wäre. Folgerichtig und darüber hinaus zeigt das ganze Buch damit, wie tief Melle im Berliner Literaturbetrieb verankert ist: Von Siegried Löffler bis Renée Pollesch, von Lothar Müller bis Ulla Berkéwicz, von Christian Kracht bis Schießmichtot ist er fast jedem schon begegnet, meist in peinlichen manischen Lagen, für die er sich nun nachträglich durch Selbstgeißelung entschuldigt. Zum Glück scheint sich fast jeder seiner prominenten und weniger prominenten Gegenüber dabei anständig oder wenigstens souverän benommen zu haben. Das zu lesen ist oft rührend, manchmal unangenehm, zeigt aber jedenfalls neben der Zugehörigkeit zum Betrieb auch den Wunsch, von allen (wieder) Vergebung zu erheischen und geliebt zu werden.

Aber – Literatur?

Thomas Melle, Die Welt im Rücken, Rowohlt 2016

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