Freitag, 24. November 2017

Mathias Énard, Der Alkohol und die Wehmut

Lieben, Trinken und Zugfahren

Eine Menage à trois zwischen Paris und Moskau: der Erzähler, Mathias, seine Freudin Jeanne, und Wladimir, den sie bei einem Auslandssemester in Russland kennenlernt. Die drei trinken zusammen, sie erleben diese vom Neonlicht billiger Restaurants beleuchteten Glücksmomente von Jugendlichkeit und Nicht-Wissen-Wohin, Sex, Freundschaft und Literatur sind die Eckpfeiler ihres Zusammenseins. Wenn man den pathetischen Monolog Jeannes am Ende liest, in dem sie den Erzähler in einem Krankenhaus in Nowosibirsk wieder zum Leben erwecken will, bestätigt sich der Verdacht, dass hier, in der Entscheidung zwischen Mathias und Wladimir, rasch noch dramatisches Potential freigesetzt werden soll, um das es im Grunde gar nicht geht.
Man halte sich lieber an den Titel des Buches, «Der Alkohol und die Wehmut»: der Erzähler lässt sich in der Transsibirischen Eisenbahn buchstäblich forttragen von Gedanken und Erinnerungen, an Jeanne, an den wunderbaren Wladimir, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe zu zweit, zu dritt, ohne dass permanent ein Realitätscheck gemacht werden muss. Er ist sich seiner Wehmut bewusst, den Gefahren der Lächerlichkeit, ohne dass aber die Wehmut deswegen weniger gälte. Die Drogen, der russische Schnee, die Liebe, der Wunsch zu schreiben und russische Folklore – vielmehr nimmt er nicht wahr bei seinen Blicken aus dem Fenster – spielen alle auf derselben Bühne: im sehnsüchtigen Kopf des Erzählers, in dem auch noch Fragmente von russisches Geschichte und Literatur herumspuken, die bei näherer Betrachtung genauso wenig notwendig gewesen wären wie der anrüchige Dreier (auch hier der Verdacht nachträglichen Dekors, schließlich ist das ganze ein Auftragswerk aus dem Jahr 2010, gefördert mit einem Stipendium des Frankreich-Russland-Jahres). Das Schöne, ja das Bezaubernde des Buches ist aber, ganz anachronistisch und trotz seines zarten Wodkadunstes, trotz all der pflichtbewussten Erwähnungen Puschkins, Iwan des Schrecklichen, Gorkis und sibirischer Holzhäuser, dass diese Reise irgendwo stattfinden könnte. Hingeflegelt in irgendein Zugabteil, in irgendeinem Land, bepackt mit Erinnerungen, Fragen, Sehnsüchten.

Mathias Énard, Der Alkohol und die Wehmut, Matthes & Seitz, 2016

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