Freitag, 24. November 2017

Nino Haratischwili, Das achte Leben (für Brilka)

Gedächtnis und Erkenntnis   

Unbewusst ist die Vorstellung wohl die eines altertümlichen Fotoapparates: Aufbau, Kopf des Fotografen unter der Decke, Blitz, zufrieden-munteres Klopfen auf den Apparat, «im Kasten». Abgesehen davon, dass sich die technischen und ästhetischen Voraussetzungen der Fotografie so grundlegend gewandelt haben, hegt man nicht grundsätzlich den Wunsch, mit Büchern ebenso verfahren zu können – gelesen, im Kasten? Nino Haratischwilis riesiges Epos jedenfalls wirft diese Frage einmal mehr auf, was also mit den gelesenen Welten geschieht, sobald sie durch unseren Kopf gezogen sind. «Gedächtnis» ist die einzige Kategorie, die sich diesbezüglich durchgesetzt hat, ob und wie gut man sich also an das Gelesene erinnern, ob und wie gut man es auch Monate und Jahre nach der Lektüre in Verbindung zu anderen Büchern, anderen Lektüren bringen kann. Die Spitze einer solchen lesesoziologischen Hitpyramide bilden die, die ganze Zitate auswendig hersagen können und/oder sich jenseits inhaltlicher Einzelheiten an wesentliche Muster ihrer Lektüren erinnern, darunter folgen die Adeligen, denen die richtigen Bücher im richtigen Moment als die richtigen Beispiele einfallen, die breite Schicht der bürgerlichen Leser*innen erinnert sich wohlwollend oder ablehnend an einzelne Passagen des Gelesenen, darunter wiederum die, die auch das nicht mehr wissen, sondern nur noch das eigene Werturteil parat haben: «gut» oder «schlecht» oder «mittel», ohne dass dafür ein einziger artikulierbarer Grund vorhanden wäre.

Vielleicht geht es noch weiter runter, unerheblich, ich treibe mich seit Jahren in der untersten Schicht herum, mit einzelnen Ausreißern in das wiederum eher didaktisch vermessbare Gelände, in dem man sich  an einzelne Lesebeobachtungen und – erkenntnisse geradezu klammert, als seien sie die rettenden Holzplanken, die die Ergebnisse der ganzen mühsamen Lektüre vor dem Absaufen retten. Damit man also, wenn man gefragt wird, nicht durchfällt, kein leeres Blatt abgibt, sondern etwas, irgendetwas, zum Besten geben kann. Einen Beweis, für sich und die anderen, ein Buch auch «wirklich» gelesen zu haben. Doch ist das nicht lediglich ein gesellschaftliches, bildungsbürgerliches oder kommunikatives Problem. Vermutlich hätte man auch auf einer einsamen Insel mit 10.000 Büchern und ohne allen Rechtfertigungsdruck von außen den Wunsch, Lektüren zu bewahren, nicht alle natürlich, aber doch die, in denen man etwas «gefunden» hat – das, was Roland Barthes in Bezug auf die Fotografie als das «punctum» beschrieben hat (das habe ich mir zufällig gemerkt, auch deswegen, weil es immer noch rauf und runter und durch die verschiedenen Disziplinen hindurch zitiert wird – in offensichtlicher Hilflosigkeit und Mangel an Begrifflichkeit, wenn es um das Inkommensurable einer persönlichen ästhetischen Erfahrung geht).

Oder auch: die fiktionale Welt, in der man sich ein paar Stunden, Tage oder Wochen befunden hat, ist nicht so ohne weiteres zugänglich. Ein geschlossenes Buch ist auf geradezu erschreckende Weise tatsächlich geschlossen, es fällt schwer, die bis vor kurzem noch rege von einem selbst besuchte Welt wieder aufzusuchen, wenn man nicht liest: Die Ich-Erzählerin Niza Jaschi und ihre Nichte Brilka im Auto, auf dem Weg von Berlin nach Tiflis (welche Strecke? was war das nochmal für ein Auto?). Ihre Urgroßmutter Stasia Jaschi auf dem Bauernhof mit ihrem von den Krieggräueln der russischen Revolution verstummten Mann Simon (das ist längst nicht die wichtigste Szene von der das Buch beinahe wie Atlas tragenden Stasia; die Gartenhandschuhe, die Tanzstunden, die sie später im Schuppen des grünen Hauses den Bauernmädchen gibt, die Gespräche und Auseinandersetzungen mit ihrer Schwester Christine, ihrem Sohn Kostja, hager, zäh, so gar nicht auratisch, dennoch eine Figur, wie sie nur durch dichteste Erzählung und große Liebe entstehen kann, Stasia – welches sind die Stichworte, mit denen du erinnert werden willst). Oder Stasias Tante, die in St. Petersburg in ihrer Villa ausharrt, in schönen Kleider das Grammophon spielen lässt, während draußen Revolution und Hunger herrschen. Kostja Jaschi, der sich ins Meer stürzt, weil seine große Liebe nicht mehr lebt, schwimmt und schwimmt, und dann doch nicht untergeht, wie später seine Schwester Kitty, die Rockmusikerin (die ich mir während des Lesens ein wenig wie Patty Smith oder Joan Baez vorstellte, da meine Imagination immer wieder nur zurückgreift auf westliche Ikonographie).

Das alles wird schwinden wie all die tausend im Laufe eines Leserinnenlebens besuchten Räume, und vielleicht kann man damit einmal seinen Frieden machen, ohne immer wieder die Metaebene als Feigenblatt zu bemühen. (Sich also über das Gedächtnis Gedanken machen, wenn man sich einzelner Szenen nicht mehr erinnert.) Wie Eselsbrücken hingegen der Versuch, sich selbst Bilder zu schaffen, die den Roman beschreiben: immer wieder denke ich an ein schweres, durch und durch vollgesogenes Tuch – im Buch ist es das wenig originelle und natürlich dennoch zutreffende Bild des aus vielen, vielen Fäden geknüpften Teppich –, die Familiengeschichte, die ein jeder von uns, ob bewusst oder unbewusst, mit sich trägt, jeder durchtränkt von den Geschichten derer, die vor uns waren. Haratischwilis Roman ist, vielleicht gerade weil er trotz der großen Geste einer das Jahrhundert umspannenden Geschichte so wenig sentimental ist, der Familienroman par exellence, ein Beispiel dafür, wie vielfältig Geschichte in uns lebt: als DNA, als Erbe, als Stoff.

«Die» Geschichte ist dabei die Geschichte Georgiens, die Geschichte Osteuropas, und vielleicht ist es Zeit für Romane über das 20. Jahrhundert, in denen Hitler nur ein oder zweimal vorkommt, ohne dass die Gräuel dieses 20. Jahrhunderts  im mindesten gemildert würden. Zuweilen kommt es einem vor, als würde einem der Blick geradezu gewaltsam nach Osten gewendet, eine überaus heilsame Gewaltanwendung, die einem die eigene Horizontverengung mehr als deutlich macht. Doch wieder geht der Roman über individuelle Geographie und Geschichte, in diesem Fall Georgiens, weit hinaus. Man erfährt nicht viel über die Geschichte Georgiens, noch viel weniger wird mal belehrt, und selbst einer der größten Schlächter des Landes, Stalins Schattenmann Lawrenti Beria, wird nur der kleine große Mann genannt. Haratischwili nutzt den belletristischen und ästhetischen Vorteil, sich auf einer in Deutschland weitgehend unbekannten literarischen Landkarte zu bewegen, kaum aus, oder anders: aus ihrem großen georgischen Epos – wie auch in ihrem Erstlingswerk «Juja» – spricht mit gleichlauter Stimme die europäische Autorin von heute, die sich in Berlin und Paris und Wien genauso zu bewegen weiß wie in Tiflis, Moskau, St. Petersburg. Vor diesem unangestrengten Hintergrund, Wiener Mentalität und Berliner Bars beschreiben zu können, wirken die danebenstehenden politischen und gesellschaftlichen Verwicklungen Georgiens nicht exotisch, sondern universell. Die Geschichte und diese Geschichte gehen alle an, so sehr «der Westen» es bisher versäumt hat, davon Kenntnis zu nehmen.

Auch wenn ich das Buch damit nicht «habe», auch wenn mir seine Protagonistinnen schon entgleiten: diese Erkenntnis bleibt.

 

Nino Haratischwili, Das achte Leben (für Bilka), Frankfurter Verlagsanstalt 2015

 

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