Montag, 23. Oktober 2017

Mathias Énard, Der Alkohol und die Wehmut

Lieben, Trinken und Zugfahren

Eine Menage à trois zwischen Paris und Moskau: der Erzähler, Mathias, seine Freudin Jeanne, und Wladimir, den sie bei einem Auslandssemester in Russland kennenlernt. Die drei trinken zusammen, sie erleben diese vom Neonlicht billiger Restaurants beleuchteten Glücksmomente von Jugendlichkeit und Nicht-Wissen-Wohin, Sex, Freundschaft und Literatur sind die Eckpfeiler ihres Zusammenseins. Wenn man den pathetischen Monolog Jeannes am Ende liest, in dem sie den Erzähler in einem Krankenhaus in Nowosibirsk wieder zum Leben erwecken will, bestätigt sich der Verdacht, dass hier, in der Entscheidung zwischen Mathias und Wladimir, rasch noch dramatisches Potential freigesetzt werden soll, um das es im Grunde gar nicht geht. » Weiter im Text

Thomas Melle, Die Welt im Rücken

Muss denn alles Literatur sein? 

In der Bibliothek war das Buch unter medizinischer Fachliteratur eingeordnet, mit dem Kürzel Med-mandep, manisch-depressiv. Zugleich gelangte es auf die Shortlist des Buchpreises 2016, und galt lange als Favorit, «Roman des Jahres» zu werden. Wieder einmal Zeit also, um sich zu fragen, was ein Roman bzw. was Literatur ist. Denn auch wenn das Buch ohne die Gattungsbezeichnung Roman auskommt, tritt Melle nicht etwa bei medizinischen Fachkongressen, sondern in Literaturhäusern und Bibliotheken auf; auch in den Rezensionen wird das Wort «Roman» zumeist vermieden, doch erscheinen sie natürlich im Feuilleton – und nicht bei «Wissen und Forschung» – und laborieren mit Behelfsbezeichnungen wie »kein Roman, sondern der Hammer», «kein Roman, aber blitzhelle Stroboskop-Prosa», «kräftezehrende Lektüre», «eindringliches Dokument», «existentielles Buch» etc. » Weiter im Text

Bettina Baltschev, Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Die deutsche Exilliteratur ist weidlich erforscht worden, und einer der immer wiederholten und vermeintlich überraschenden Befunde ist, dass sie sich so auffällig mit historischen Stoffen befasst hat. Die kursorisch von Bettina Baltschev zusammengetragenen Publikationen des Querido-Verlags zwischen 1933 und 1950 zeigen dies deutlich: Cervantes, Peter der Große, Die Jugend des Königs Henri Quatre, Ignatius von Loyola, Cleopatra, um nur einige der bekannteren zu nennen – ganz zu schweigen von den populären historischen Großromanen eines Stefan Zweig, der mit Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam befasst war, während seine Bücher in Deutschland schon verbrannt wurden. » Weiter im Text

Robert Byron, Der Weg nach Oxiana

Byron

Durch den Orient: zeitlos, konzentriert und amused

Was ist ein guter Reisebericht? Das beschäftigt mich seit Jahren, und bis heute kann ich es nicht sagen. Eine Orientierung war Ryszard Kapuscinski, in dessen Texten man spürt, wie sehr er sich selbst seinem Reisen aussetzt, wie er unter der Textoberfläche mit seinen Eindrücken ringt, um schließlich aus dieser Hingabe und diesem Ringen eine große Erzählung zu machen, die geprägt ist von einer in beinahe jedem Satz spürbaren Humanität. » Weiter im Text

Michail Prischwin, Der irdische Kelch

Der Roman ist ein Gedichtmichail_prischwin_der_irdische_kelch

Im Prolog beschreibt der Erzähler in einem Absatz, wie der Tschistik  - unser «ruhmreicher Moossumpf, die Mutter des großen russischen Stroms» – von der Moderne verwüstet wird, entwaldet, leergefischt, totgebombt. Dann fragt er sich: «Wird es ein Jüngstes Gericht geben?» Und weiter: «Ich hatte mir eine Rechtfertigung zurechtgelegt für dieses Gericht, nämlich dass ich die irdischen Einfassungen immer heilig gehalten habe. Und sie sind alle zertreten. Womit rechtfertige ich dann jetzt mein Dasein?» Und er gibt zu: «In schweren Augenblicken fragst du dich: Was will ich?, und antwortest: Einen anständigen Tee mit Zucker.»  » Weiter im Text

Donna Tartt, The Goldfinch 1

Alles Drogen, Kunst, Liebe, Leinwand   ows_138203116777579.jgp

Wenn man keinerlei Erfahrung mit Drogen hat, die über Alkohol und Marihuana hinausgehen, dann ist man nach der Lektüre dieses Buches einen Schritt weiter: man wird detailliert informiert über den Konsum verschiedenster chemischer Substanzen, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen, ihre Beschaffung und ihre Kosten, ihren Abhängigkeitsfaktor und ihre Hilfe bei der Bewältigung eines ansonsten als unbewältigbar empfundenen Alltags. » Weiter im Text

Heinz Bude, Gesellschaft der Angst

Aphorismen zur Angst GesellschaftderAngst

Der Soziologe Heinz Bude schreibt nicht mehr über Generation X oder Generation Y, unter deren Kürzel nach Bedarf alles von Computeraffinität bis politischer Gleichgültigkeit subsummiert werden kann, sondern beschreibt in elf Kapiteln unter verschiedenen Gesichtspunkten die zugrunde liegende Emotion unserer Gesellschaft: die Angst. » Weiter im Text

Marcel Beyer, Putins Briefkasten. Acht Recherchen

Bedeutungsgeraune unter Novemberhimmeln

4148 Man klappt das Buch zu und weiß: die Kritiker waren bestimmt begeistert. Vermutlich werden die «präzisen Beobachtungen» gelobt worden sein, die «dichte» Sprache, das «Abseitige» möglicherweise, dem sich Marcel Beyer mit seinen ausgedehnten Reisen nach Osten, nach Vilnius, Kiew, Novosibirsk und auf langen Gängen durch seine Heimatstadt Dresden widmet, und das, so steht zu vermuten, «ganz neue Blicke auf unsere Wirklichkeit ermöglicht». » Weiter im Text

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