Roberto Bolaño, Der unerträgliche Gaucho
Liebe Stein,
gerne würde ich mit dir in eine ausführliche briefliche Debatte über Bolaño eintreten, denn ich glaube hier auf einen jener Autoren gestoßen zu sein, die einen sehr lange begleiten. Der «unerträgliche Gaucho» allerdings ist, da gebe ich dir recht, ein großes Rätsel – und nicht unbedingt eines von den beglückenden, sondern eines von denen, die Kraft und Durchhaltewillen vom Leser fordern » Weiter im Text
Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biographie
Ein blinder Fleck
Wenn man im Jahr 2009 ein Buch über Atatürk zur Hand nimmt, will man mehr als die Biographie Mustafa Kemals lesen. Denn Atatürk, 1881 als ein x-beliebiger Mustafa in Saloniki geboren, scheint der Schlüssel zum Verständnis der heutigen Türkei. Selbst dem oberflächlichen Besucher wird klar, dass Atatürk das Gesicht, der Stein, die Metapher, das Selbstverständnis, die Moral, der schulische Morgenappell des Landes ist » Weiter im Text
Esther Kinsky, Sommerfrische
wenn ich ein Buch verschlinge, wenn ich meinen Zimmerwänden, Kopfkissenbezügen oder Balkonnachbarn in kleinen Juchzern mein Lesebehagen zum Ausdruck bringe, wenn ich tief einatme und denke so! ja, genau so!, wenn ich das Buch nicht aus der Hand legen will oder wenn, dann nur mit einem kleinen Streicheln, dann schließe ich sogleich vom Kleinen aufs Ganze: große Literatur! » Weiter im Text
Massimo Lugli, L’istinto del lupo
Selbstjustiz – leicht gemacht
„Gran Torino“ ist ein blöder Film. Er handelt von einem alten weißen Rassisten in einem amerikanischen Vorort, der, allein gelassen von seinen geldgeilen Kindern, seine Tage damit verbringt, den Garten zu mähen und seinen Oldtimer, den Gran Torino, zu putzen und dabei seine chinesische Nachbarsfamilie als „Bambusratten“ zu bezeichnen. Ein unhöflicher, aber nicht allzu gefährlicher Rassist also, und entsprechend schnell lässt er sich vom rührend lieben und entzückend frechen Geschwisterpaar besagter Nachbarsfamilie erweichen » Weiter im Text
Feridun Zaimoglu, Leyla
Metaphern-Hutschachteln und Textblütenblätter
Das wüste Herz drückt auf das Zwerchfell, und diese dünne Doppelfalte nimmt die Druckwelle auf und stößt den Darm, die Schlingen hinab, die weichen Röhren hinab stürzt das Wasser der Welle, und da man denkt, jetzt hat der Druck den Körper verlassen, steigt es hinauf bis zum Kopf, und von dort zum Herzen: dort brennt die Erregung ein Brandloch ein. Die Geliebten und Verliebten leben nach dem ersten Liebesschock ihres Lebens mit diesem Herzfehler,
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Roberto Saviano, Das Gegenteil von Tod
Spielarten der Betroffenheit
Am Anfang stand der Verdacht auf Zensur - was angesichts der politischen Verhältnisse in Italien kaum Überraschung hervorrufen würde. Oder wie wäre es sonst zu erklären, dass das vorliegende Buch eines der bekanntesten italienischen Gegenwartsautoren in Italien nicht erhältlich ist? » Weiter im Text
Geert Mak, Amsterdam. Biographie einer Stadt
Die Verführung war, nach dem Herumlaufen entlang der Grachten und dem faszinierten Betrachten der Patrizierporträts im Rijksmuseum, der Untertitel: Biographie einer Stadt. „Een kleine geschiedenis van Amsterdam“ hingegen, wie es das Original vorsieht, wäre in den mentalen Regalen bei Stadtplänen, Baedeckern, Polyglott und anderem Uninspirierten absortiert worden. So aber: Biographie einer Stadt. » Weiter im Text
Leseüberblicke und der Wunsch, nie zu müde zu sein
Irgendwann hatte ich angefangen mir einzureden, ich müsse in der eigenen Lektüre Überblicke herstellen. Nun aber mal Balladen. Oder: Wiener Moderne. DAS WERK von Thomas Pynchon. Im Fokussieren auf ein Genre, eine Nationalliteratur, eine Epoche oder einen Autor schien mir das Lesen gewissermassen einen Extrawert zu bekommen. Bildungsambitionen und Vergesslichkeitsgründe waren nur zwei Elemente dieser fixen Idee. » Weiter im Text

