Freitag, 21. Juli 2017

Thomas Melle, Die Welt im Rücken

Muss denn alles Literatur sein? 

In der Bibliothek war das Buch unter medizinischer Fachliteratur eingeordnet, mit dem Kürzel Med-mandep, manisch-depressiv. Zugleich gelangte es auf die Shortlist des Buchpreises 2016, und galt lange als Favorit, «Roman des Jahres» zu werden. Wieder einmal Zeit also, um sich zu fragen, was ein Roman bzw. was Literatur ist. Denn auch wenn das Buch ohne die Gattungsbezeichnung Roman auskommt, tritt Melle nicht etwa bei medizinischen Fachkongressen, sondern in Literaturhäusern und Bibliotheken auf; auch in den Rezensionen wird das Wort «Roman» zumeist vermieden, doch erscheinen sie natürlich im Feuilleton – und nicht bei «Wissen und Forschung» – und laborieren mit Behelfsbezeichnungen wie »kein Roman, sondern der Hammer», «kein Roman, aber blitzhelle Stroboskop-Prosa», «kräftezehrende Lektüre», «eindringliches Dokument», «existentielles Buch» etc. » Weiter im Text

Ein Jahr mit Virginia Woolf

Virginia_Woolf_by_George_Charles_Beresford_(1902)10. November 2013
Die Energie und die Lust, die aus diesen Tagebüchern strömt. Was ist das Geheimnis? Nur das schreiben, wozu man Lust hat. Sich nicht mit Fakten, Gegebenheiten, Chronologien aufhalten und langweilen. Und dennoch auf Innerlichkeiten gleichfalls verzichten (in der weisen Erkenntnis, dass ein paar Jahre später nichts unverständlicher und öder sein wird, als das Gefühlige des Moments). Und dennoch ein Leben evozieren, » Weiter im Text

Franz Grillparzer, Selbstbiographie

Der Klavierlehrer Johannes Mederitsch2014-09-15 16.51.05 HDR

Lange laborierte ich an einer Rezension über Grillparzers Selbstbiographie herum, 1872 posthum erschienen – eines jener Bücher, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt, geschweige denn, dass man einmal in den Genuss kommen würde, sie zu lesen –, aber es wollte nichts Rechtes draus werden. » Weiter im Text

Durs Grünbein, Das erste Jahr

Gut geölte Gedankenrädchen
Programm und Autor werden erst am 29. September preisgegeben: „Das Gespür für die alten Dramen, die antiken Figurenkonstellationen unter dem aktuellen Tagesgeschehen, scheint in meiner Generation völlig abgestorben zu sein. Die meisten entzünden sich an den Idolen der Werbung. Ihre einstweilige Stärke liegt darin, daß ihre Empfindungskraft sich auf die Mythen des Alltags konzentriert. » Weiter im Text

Paul Klee, Tagebücher 1898-1918

kleee-tagebuchEin Tagebuch ist eben keine Kunst-, sondern eine Zeitleistung“
Felix, Sohn von Paul Klee, leitet  1956 die Herausgabe der Tagebücher seines Vaters so ein: „Der Leser dieser hier vorliegenden vier Tagebücher Paul Klees wird als mutmaßlich Außenstehender in eine geheimnisvolle, seltsame, eigenartige und behutsame Welt des „Malers“ Klee eindringen.“ Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Denn was man von 1898, als Klee knapp zwanzig war, bis  zum Ende des Ersten Weltkriegs geboten bekommt, sind paragraphenartige Aufzeichnungen, » Weiter im Text