Norbert Gstrein, Die Winter im Süden [1]
Das Zwischenmenschliche als Kampfhandlung
Dies ist eine Geschichte von Vater und Tochter. Sie haben sich zum letzten Mal Ende des Zweiten Weltkrieges gesehen, als sie mit ihrer Mutter aus Kroatien nach Österreich flüchtete. Seitdem glaubt sie, dass er tot ist. Er hat sie ein Leben lang in diesem Glauben gelassen … Können Vater und Tochter unter solchen Umständen wieder zueinander finden? » Weiter im Text
Daniel Kehlmann, Ruhm [2]
Wunsch nach alten fetten Nebelmaschinen
Wettangebot in den weiten Raum der Rezension: in jeder Besprechung wird von einem „intelligenten“ Buch die Rede sein. Ja, um einen Aussagesatz reich-ranickischer Vehemenz - „Ein intelligentes Buch!“ – kommt man gar nicht herum, wenn man die sorgfältig konstruierten, geradezu etüdenhaft ausgeführten Erzählungen Kehlmanns in zwei sorgfältigen Lesestunden, ja was, wegarbeitet, wegkaut, absortiert. » Weiter im Text
Daniel Kehlmann, Ruhm [1]
Daniel Kehlmann muss man nicht vorstellen. Mit seinem Erfolgsbuch «Die Vermessung der Welt», bisher in über vierzig Sprachen übersetzt, hat er die eigene Messlatte sehr hoch gehängt. In seinem vor kurzem erschienenen 200-Seiten-Roman «Ruhm» umschifft er mit (oder trotz?) seiner eleganten Prosa viele der Erwartungen, die sich mit diesem Buch-nach-dem-Welterfolgroman verbanden. » Weiter im Text
Italo Svevo, Senilità [2]
Das Scheitern des Projektes Männlichkeit
Dieser Roman kam 1898 zur richtigen Zeit. In Wien begründet Sigmund Freud die Psychoanalyse und Arthur Schnitzler legte mit seiner Novelle «Leutnant Gustl» 1900 das Porträt eines wankelmütigen, beziehungsunfähigen und weinerlichen Mannes vor, der als einer der ersten männlichen Hysteriker Einzug in die moderne Literatur erhielt. » Weiter im Text
Italo Svevo, Ein Mann wird älter [1]
Die zweite Bedeutung der Liebe meines Lebens
Am Anfang steht die Enttäuschung einer Leseerwartung. Begeistert, berauscht, bezaubert von Svevos Selbstironieklassiker „Zeno Cosini“ (1923), dem hier noch einmal eine in ihrer Adjektivmonotonie alle Rezensionsgepflogenheiten düpierende Liebeserklärung gemacht werden muss, dauert es, bis es ins Lesebewusstsein gedrungen ist, hier mit etwas anderem konfrontiert zu sein. Denn der Protagonist ist der gleiche: ein bis zum Exzess mit der Selbstbeobachtung seiner psychischen und physischen Zustände beschäftigter Müssiggänger, » Weiter im Text
Aravind Adiga, Der weiße Tiger [2]
In der Tradition des Schelmenromans erzählt hier einer sein Leben, der es von ganz unten, aus der «Finsternis», nach oben, ans Licht schafft. Aus dem Kohle knackenden Betelkauer Balram, der zwar lesen und schreiben kann, jedoch, wie er es selbst ausdrückt, «halb gar» ist, da er nur kurz die Schule besuchte, entwickelt sich der Uniform tragende und als Fahrer für den wohlhabenden Mr Ashok arbeitende Weiße Tiger, der die gesellschaftlichen und sozialen Mechanismen des heutigen Indiens mehr und mehr durchschaut. » Weiter im Text
Aravind Adiga, The white tiger [1]
Man fühlt sich wie ein Klappentextschreiber und dennoch ist es tatsächlich das abgedroschene Wort „erstaunlich“, das Adigas Roman auszeichnet. Ein durch und durch erstaunliches Buch. Zunächst lässt es den Leser gut 150 Seiten lang im Dunkeln darüber, was es für eine Art von Buch sei: so munter quatscht der Erzähler daher, so zielsicher kommen seine Pointen, so deutlich scheint sich ein indisches Epos souveräner angelsächsischer Erzählprovenienz aufzubreiten. » Weiter im Text
Ingo Schulze, Adam und Evelyn [2]
Ingo Schulze muss nicht gerade entdeckt werden. Seit zehn Jahren gilt er als der ‚Wenderoman’- Autor, damals noch als Vorzeigeossi, heute als populärer Vertreter deutscher Gegenwartsliteratur. In ADAM UND EVELYN (2008) kommen nun «der Wenderoman» und schönste deutsche Gegenwartsliteratur zusammen, wobei Schulze sich regelrecht durch sein Thema und seine Sprache vorgearbeitet hat. Dabei bleibt er zwar seinem Thema treu – erneut geht es um den Sommer 1989 und die an ihn anschliessenden Möglichkeiten und Hilflosigkeiten –, gleichzeitig findet er jedoch zu einer Sprache, in der „die Wende“ gleichzeitig normalisiert, dramatisiert und erotisiert wird. » Weiter im Text